Baltic Sea Circle

Drei Hamburgerinnen auf verrückter Rallye

Quirine Philipsen (v. l.), Kristina GruseUnkels und Constanze Witzel alias die „DriftChicks“ starten mit ihrem pinkfarbenen Range Rover am heutigen Sonnabend mit ihrer Tour um die Ostsee

Quirine Philipsen (v. l.), Kristina GruseUnkels und Constanze Witzel alias die „DriftChicks“ starten mit ihrem pinkfarbenen Range Rover am heutigen Sonnabend mit ihrer Tour um die Ostsee

Foto: Michael Rauhe / HA

Als einziges Frauenteam starten die „DriftChicks“ bei der Baltic Sea Circle – und fahren für den guten Zweck 7500 Kilometer.

Hamburg.  Manche, die nur oberflächlich hinhören, halten es für einen ganz normalen Wochenendtrip. Einmal zur Ostsee und zurück – und so was nennt sich großes Abenteuer? Im Ernst? Doch die Unternehmung, die sich drei Hamburger Frauen vorgenommen haben, ist keine Spritztour, sondern eine Tour de Force: Sie geht nicht etwa ans Meer, sondern um die Ostsee herum, 7500 Kilometer mit dem Auto durch zehn Länder in 15 Tagen und das bei Temperaturen weit, ganz weit unter dem Gefrierpunkt. Jede Nacht ein Dach über dem Kopf? Man darf ja hoffen, aber zur Not muss man sich zu helfen wissen. Und täglich eine warme Mahlzeit? Das wäre der totale Luxus.

Kristina Gruse-Unkels, Quirine Philipsen und Constanze Witzel wissen schon, dass manche staunen, andere ihr Vorhaben vielleicht auch für einigermaßen durchgeknallt halten. Die drei Journalistinnen starten am heutigen Sonnabend als einziges Frauen-Team bei der Baltic Sea Circle Winter Edition, einer Rallye durch Schnee und Eis, ohne je die Autobahn zu benutzen und ohne Navigationsgerät. „Und ohne Schrauber-Kenntnisse“, wie die 36 und 40 Jahre alten Hamburgerinnen betonen. Als Team nennen sie sich die „DriftChicks“, frei übersetzt so viel wie: „Schleudernde Hühner“.

Insgesamt gehen 47 Teams an den Start

Insgesamt gehen 47 Teams an den Start. Geplant ist, am Dienstag auf den norwegischen Lofoten zu sein und am Freitag am Nordkap. Ob sie auch mal im Auto schlafen? „Möglichst nicht, wir wollen doch Freunde bleiben“, winkt Quirine Philipsen lächelnd ab. „Zum Abenteuer gehört, dass wir uns was für die Übernachtung suchen, beispielsweise eine Hütte oder eine Jugendherberge. Und wenn wir nichts finden, müssen wir eben weiterfahren.“ Zehn Stunden täglich auf der Piste müsse man bei dem Pensum durch zehn Staaten, darunter Litauen, Lettland, Finnland und Norwegen, ohnehin einplanen. Als Proviant haben sie unter anderem Müsliriegel dabei und getrocknete Rindfleischstreifen. Vielleicht passieren sie auch mal einen Supermarkt.

Warum tut man sich das an? „Besondere Ereignisse in allen Ehren“, sagt Constanze Witzel. „Aber uns liegt neben dem Abenteuer vor allem am Herzen, dass das auch für einen guten Zweck ist.“ Jedes Team muss mindestens 750 Euro sammeln und spenden; je mehr Geld zusammenkommt, desto besser. Die drei Frauen wollen das Kinderhospiz Sternenbrücke sowie die Menschrechtsorganisation Terre des Femmes unterstützen. Und dass sie trotz Benzinverbrauchs und des ausgestoßenen Kohlendioxids „klimaneutral“ unterwegs sind, haben sie schriftlich: Von „Climate Partner“ bekamen sie eine Urkunde, dass sie ein Biomasse-Projekt in Indien unterstützen.

Range Rover ist komplett pink angesprüht

Die Idee, sich an der Rallye zu beteiligen, hatte Quirine Philipsen. Die 36 Jahre alte Mutter zweier Kinder hatte vorgehabt, mit ihrem besten Freund durch die Mongolei zu reiten. Doch zu der Unternehmung kam es leider nicht. Später hörte die Redakteurin von der Baltic Sea Circle Rallye und war Feuer und Flamme. Ihre Freundinnen Kristina Gruse-Unkels und Constanze Witzel mussten nicht lange überlegen, bevor feststand: „Wir sind dabei.“

Das war im November, die ernsthafte Planung begann erst Weihnachten. „Bei uns ging alles auf den letzten Drücker“, erzählt Kristina Gruse-Unkels. Doch jetzt ist die Ausrüstung weitgehend komplett. Organisiert haben sie vor allem Decken und warme Kleindung. „Dazu gehören auch dicke Ski-Overalls, in denen wir aussehen wie die Teletubbies.“ Ihr Auto ist unter anderem mit einem Wasserkocher ausgestattet und sogar mit einer Espresso-Maschine. Überhaupt das Auto! Sie haben sich zu dritt einen Range Rover, Baujahr 2000, gekauft. „Der war vorher in dezentem Racing Green gehalten“, erzählt Kristina Gruse-Unkels.

Angehörige stehen voll hinter ihnen

„Aber jetzt ist es ein pinkfarbenes Auto. Das erinnert an Barbie.“ Den besonderen Style mit etlichen Schattierungen, angelehnt an militärisches Flecktarn, nur eben in grellem Rosa, bekam der Wagen von René Turrek. „Er ist Deutschlands bekanntester Graffiti-Künstler“, erzählen die „DriftChicks“ nicht ohne Stolz. „Zu seinen Kunden zählen die Schauspieler Vin Diesel, Dwayne ,The Rock’ Johnson, Fußballer Rafael van der Vaart und Mega-Star Rihanna. Und jetzt unterstützt er uns!“ Als Unterstützer mit dabei sind auch Frederik Braun vom Miniatur Wunderland und Dagmar Berghoff sowie diverse meist kleinere Unternehmen.

Die Angehörigen der „DriftChicks“ stehen voll hinter deren Reise. Alle Familien sind es gewohnt, dass die drei Frauen viel im Ausland unterwegs sind und dort gern fernab vom Luxus. „Ich war schon beruflich in Afghanistan, außerdem backpacking beispielsweise in Thailand und Südafrika“, sagt Con­stanze Witzel. Kristina Gruse-Unkels war „schon überall, zum Beispiel in Mexiko, Kuba, Tokio und Schanghai“. Und Quirine Philipsen nennt sich selber einen „Pfadfinder-Nerd.

Olfaktorische Zumutung

Ich liebe es zu campen. Und ich bin es gewohnt, auf offenem Feuer zu kochen“, erzählt sie. Bei der Rallye müssen allerdings deutlich ungewöhnlichere Aufgaben bewältigt werden. So muss etwa eine Dose des schwedischen Surströmming geöffnet und drei Stunden im Auto transportiert werden. Dieser monatelang gelagerte Fisch, der so lange in Dosen gärt, bis sich Deckel und Boden wölben, gilt als Delikatesse – ist aber eine olfaktorische Zumutung. „Und ich rechne damit“, vermutet Quirine Philipsen, „dass wir auch im Eis baden müssen.“

Da drängt es sich auf, einen Talisman mitzunehmen. Kristina Gruse-Unkels hat von ihrer Mutter einen Schlüsselanhänger mit einem Kleeblatt bekommen. Constanze Witzel hat stets eine Münze von einem Pfarrer aus Afghanistan dabei, die sie beschützen soll. Und Quirine Philipsen bekommt Unterstützung von ihrem vierjährigen Sohn: „Ich bekomme von ihm sein heiß geliebtes Schnuffeltuch.“

Weitere Infos unter balticrally.superlative-adventure.com und unter „DriftChicks“ auf Facebook, Spendenplattform: www.betterplace.org/de/fundraising­-events/30557­-bscwinter2018­-driftchicks