Wolkenkratzer

Hamburgs Luftschlösser: Jahrhundert des Höhensturms

„Ich lasse dort Wolkenkratzer hinstellen von der gleichen Gewalt der größten
amerikanischen“ – Adolf Hitler über seine Pläne für Altona

„Ich lasse dort Wolkenkratzer hinstellen von der gleichen Gewalt der größten amerikanischen“ – Adolf Hitler über seine Pläne für Altona

Foto: Vintage Germany/Slg. H. Bräuer

Der Elbtower ist nicht der erste Wolkenkratzer, der in Hamburg entstehen soll. Dieses Projekt muss jedoch kein Luftschloss bleiben.

Hamburg. Und sie sprachen untereinander:
Wohlauf, laß uns Ziegel streichen und brennen! Und nahmen Ziegel zu Stein und Erdharz zu Kalk und sprachen:
Wohlauf, laßt uns eine Stadt und einen Turm bauen, des Spitze bis an den Himmel reiche, daß wir uns einen Namen machen! (Gen. 11, 3-4)

Hochhäuser haben etwas Mystisches. Schon der Turmbau zu Babel, auch wenn er mindestens 2700 Jahre zurückliegen dürfte, streckte sich nach dem Himmel: Seine Bauherren wollten hoch hinaus, sie wollten Zeugnis ablegen über ihr eigenes Geschick, ihre Stärke, sie wollten sich ein Denkmal setzen.

Seit den Tagen von Babel – man werfe nur ein Blick in die Golfstaaten – hat sich so viel nicht geändert. Schaut man in das druckfrische Magazin der Hansestadt für die große Immobilienmesse Mipim in Cannes, erblickt man gleich dreimal auf wenigen Seiten den geplanten Wolkenkratzer an den Elbbrücken. Erst in der vorvergangenen Woche hatte Noch-Bürgermeister Olaf Scholz den Turm der renommierten Architekten um David Chipperfield vorgestellt, nun ist er schon Hamburgs Himmelsstürmer.

„Der Elbtower ist keine Architekturdiva, er steht nicht für Architekturspektakel. In seiner vornehmen Gestalt bietet er aus allen Blickwinkeln ein überraschendes Wechselspiel und nimmt einen lebhaften Dialog mit der Nachbarschaft auf“, lobt das Messe-Magazin: Ein 235 Meter hoher Kristallisationspunkt. Und der erste Wolkenkratzer in Hamburg, der kein Luftschloss bleiben muss. Die Verträge mit dem Investor, der das Projekt privatwirtschaftlich stemmen will, sind unterzeichnet. Baubeginn könnte schon 2021 sein – vier bis fünf Jahre später hätte Hamburg dann das drittgrößte Haus Deutschlands. Europaweit landet der Elbtower untern ferner liefen auf Rang 28. Im Vergleich zum derzeit höchsten Haus der Welt, dem Burj Khalifa in Dubai mit seinen 828 Metern, schrumpft er zur Provinzgröße. Das macht ihn wieder sympathisch.

Wolkenkratzer fesseln die Menschen

Wolkenkratzer fesseln die Menschen, seitdem sie technisch möglich sind, also seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Der erste Wolkenkratzer, laut Definition ein Gebäude mit mehr als 150 Metern Höhe, war das Singer Building von 1908 in New York – es maß 187 Meter und wurde 1968 wieder abgerissen. Nach dem Ersten Weltkrieg strebten auch die Europäer mit Macht in die Höhe. Mittenmang dabei das Tor zur Welt.

Anfang der 20er-Jahre erregte der Wettbewerb zum Hamburger Messehaus weit über die Grenzen der Stadt Aufsehen: Der Mitarbeiter des Oberbaudirektors Fritz Schumacher schrieb damals, neu sei weniger das geplante Hochhaus inmitten der Stadt, als „der gewaltige Umfang, dem man diesem Hochhaus geben will, und der alles weit übertrifft, was bisher an ähnlichen Bauten in Deutschland und auch im Ausland, sogar einschließlich Amerika, gebaut worden ist oder geplant wird.“

Gewaltige Klinkergebirge

Es ging um den Entwurf eines Messezentrums gegenüber dem Hauptbahnhof, wo heute noch der City-Hof steht. Verschiedene Architekten entwarfen gewaltige Klinkergebirge, die bis zu 140 Meter in den Hamburger Himmel wachsen sollten und bis zu 175.000 Quadratmeter Ausstellungs- und Büroflächen boten, dazu einen Kongresssaal. Die monumentalen Pläne, die den Aufbruch jener Jahre atmen, scheiterten bald an fehlender Wirtschaftlichkeit.

Das höchste Haus, das in dieser Zeit tatsächlich entstand, war der Meßberghof, der zwischen 1922 und 1924 errichtet wurde und 50 Meter maß. Etwas höher ragt das 1931 fertiggestellte Brahms-Kontor am Johannes-Brahms-Platz in die Höhe, das damals höchste Stahlskelett-Gebäude Europas.

Das selbsternannte tausendjährige Reich wollte alle Maßstäbe der europäischen Stadt sprengen. Adolf Hitler träumte davon, Hamburg in ein nationalsozialistisches New York umzugestalten. Im Juni 1937 wurden die Pläne einer staunenden Weltöffentlichkeit präsentiert: Die Stadt an der Elbe, eine der fünf „Führerstädte“, sollte es zukünftig mit Manhattan aufnehmen. Die Hybris der Nazis kannte keine Grenzen. Eine gewaltige Hochbrücke sollte mit 180 Meter hohen Pylonen die Elbe überspannen, das Gauhochhaus 250 Meter in die Höhe wachsen, eine Volkshalle für 50.000, ein Aufmarschplatz für 100.000 Menschen entstehen. Sogar die „New York Times“, die gleich am nächsten Tag über die Pläne berichtete, zeigte sich angetan von einem Hochhaus, das „mit den höchsten New Yorker Gebäuden rivalisieren wird“.

Hitlers Vision

1939 erklärte Hitler: „Was heißt Amerika mit seinen Brücken? Wir können genau das Gleiche. Deshalb lasse ich dort Wolkenkratzer hinstellen von der gleichen Gewalt der größten amerikanischen.“ Hamburg war dazu ausersehen, die amerikanischen Maßstäbe zu übertreffen, erinnerte sich später Albert Speer, der Architekt des Führers. Der Wolkenkratzer solle als „Landmarke am Tor der Welt ... dem an der anderen Seite des Atlantiks liegenden New York entgegentreten“.

In Höhe des Bahnhofs Altonas und des Rathauses, die beide abgerissen worden wären, sollte das Veranstaltungsforum entstehen mit dem 60-stöckigen Gauhochhaus, das wie ein Leuchtturm schon von Weitem erkennbar gewesen wäre. Als Fassaden wünschte sich der Führer „deutschen“ Klinker oder Naturstein, während der Hamburger „Architekt für die Neugestaltung der Hansestadt Hamburg“, Konstanty Gutschow, eher auf moderne Leichtbaukonstruktionen setzte. So wurde das Projekt in zwei Fassungen vorangetrieben – bis der Krieg nach 1942 alle Planungen hinfällig machte.

Die ersten Hochhäuser, auf die das Nachkriegsdeutschland blickte, entstanden wieder in Hamburg. Im Rahmen des „Hamburg Project“ entstanden die Grindelhochhäuser. Ursprünglich hatten die britischen Besatzer hier ihr Hauptquartier aufschlagen wollen. Im Juli 1946 erfolgte der erste Spatenstich. Nachdem die Wahl der Briten doch auf Frankfurt fiel, übernahm der Senat 1948 das Bauvorhaben. Junge Architekten entwarfen die zwölf Hochhausscheiben, die bewusst an die Architektur der 20er-Jahre anschlossen – und deren heller Klinker auf die skandinavische Moderne verwies.

Es folgten Bürotürme, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt weiter in die Höhe wuchsen. In den 50er-Jahren entstanden das Springer-Hochhaus (50 Meter) und das Hamburg-Süd-Gebäude (55 Meter), in den 60ern das Unilever-Haus (82 Meter) sowie das Polizeipräsidium in St. Georg (83 Meter). Erst in den 70ern übersprangen der Mundsburg-Turm (101 Meter) und das Radisson Blue Hotel (108 Meter) die magische Marke. Und es sollte 44 Jahre dauern, bis mit der Elbphilharmonie ein noch höheres Gebäude entstand.

Führerstadt Hamburg

Dazwischen mischte sich manch großer bis wahnsinniger Plan. Am 20. Juni 1966, nicht einmal 30 Jahre nach den Visionen für die Führerstadt Hamburg, präsentierte der Wohnungsbaukonzern Neue Heimat im Rathaus seine Ideen für St. Georg: Der ganze Stadtteil sollte den Abrissbirnen zum Opfer fallen, nur zwei Kirchen, das Schauspielhaus, das Hotel Atlantic sowie die Häuserzeile „An der Alster“ fanden die Gnade der übergeschnappten Planer und durften als pittoreske Rand- oder Innenhofbebauung erhalten bleiben.

Zwischen der Alster über die Lange Reihe bis zur Soester Straße, von der Kirchenallee bis zum AK St. Georg, sollten 19 Hektar Stadt der Zukunft unter dem Namen Alsterzentrum entstehen. Auf den Trümmern sollte Neu St. Georg wachsen, ein 700 Meter langer Komplex, aus dem verschiedene Hochhäuser emporwuchsen, der höchste mit bis zu 62 Stockwerken fast 200 Meter hoch. 20.000 Menschen sollten in dem Koloss mit seinen sich nach oben verjüngenden Hochhaustürmen leben; auf 470.000 Quadratmetern Gewerbefläche planten die Macher ein Einkaufszentrum der Superklasse, Kinos, Bowling- und Eislaufbahnen.

Kosten von mehr als zwei Milliarden Mark

Auf den Dächern des niedrigeren zehn- bis zwölfstöckigen Basisbaus sollten Gärten und Spielplätze die Besucher einladen. 1975 könne alles fertig sein, versprach der Immobilienkonzern. Die Kosten von mehr als zwei Milliarden Mark schreckten niemanden. „Das Projekt St. Georg soll beispielgebend für die Zukunft sein“, schwärmte Neue-Heimat-Chef Albert Vietor.

Überschwänglich lobten die Medien die Pläne. „An solchen Visionen hat es in Hamburg noch immer gefehlt, zwei Dinge ausgenommen: der Welthafen und die beiden Alsterbecken. Nur hier – am Wasser – ist die Stadt zweimal aus der Enge ihrer Wachstumsringe herausgebrochen, um ihre Stadtlandschaft zu bilden und ihr Glück in der Schönheit der Weite zu suchen und zu finden“, kommentierte das Abendblatt. Umfragen zufolge befürworteten 70 Prozent der unter 35-Jährigen den Bau.

Die Stimmung drehte immer weiter

Relativ rasch aber realisierte die Politik, dass die Pläne überdimensioniert waren: Indem aber die Gewerbefläche schrumpfte, geriet die Gesamtfinanzierung der Türme ins Kippen. Trotzdem vereinbarten Senat und Neue Heimat 1969 eine abgespeckte Version, die sich mit 30 Geschossen beschränken sollte. 1972 war der Baustart für das Alsterzentrum light angesetzt. Doch die Stimmung drehte immer weiter, 1973 beerdigte Bürgermeister Peter Schulz endgültig alle Planungen.

Der Elbtower ist ein Milliardenprojekt
Der Elbtower ist ein Milliardenprojekt

Ein ähnliches Großprojekt ersann 1970 die Projektgruppe Hanse-Centrum für den im Krieg zerstörten Stadtteil Hammerbrook. Hier sollte parallel zum Mittellandkanal ein Handelszentrum mit 16 quadratischen Hochhäusern entstehen, die höchsten 40 Geschosse oder 150 Meter hoch. 14 der 16 Gebäude waren als Bürotürme geplant – in einer hanseatisch eingedampften Miniaturform wurde die Idee als City Süd Wirklichkeit.

Hamburg sollte aus dem Schatten hervortreten

Es sollte dauern, bis der nächste Vorstoß für einen echten Wolkenkratzer kam. 2002 sahen der Stararchitekt Hadi Teherani und der Immobilienentwickler Christian Völkers die Zeit gekommen: Im Herbst zuvor hatte unter Ole von Beust ein neuer Senat das Ruder übernommen, dessen Finanzsenator Wolfgang Peiner den mutigen Slogan einer „Wachsenden Stadt“ ausgegeben hatte. Hamburg sollte aus dem Schatten hervortreten und mit Städten wie Barcelona oder Kopenhagen konkurrieren.

Das Projekt mit dem Namen Lighthouse passte in dieses Konzept: Am Baakenhöft in der HafenCity sollte sich ein Glas-Stahlbau 288 Meter in die Höhe schrauben. In dem zum Zeitpunkt des Entwurfs größten Gebäude Europas sollten Büros, ein Hotel, eine Sky-Bar und möglicherweise auch eine Konzerthalle Platz finden. Der architektonische Leuchtturm sollte sich um 60 Grad aus dem Wasser drehen und dabei in seiner Form an einen Tropfen erinnert, der ins Wasser fällt. Als Sprung über die Elbe sollte das Lighthouse über eine Brücke mit der Veddel verbunden werden.

Scholz glaubt an das Gebäude

Hinter dem ehrgeizigen Projekt standen die Immobilienfirma Engel & Völkers, das Architektenbüro Bothe Richter Teherani sowie das Ingenieurbüro Dr. Binnewies. „Wir wollten etwas Einzigartiges schaffen, der HafenCity eine neue Mitte geben“, sagte Hadi Teherani damals und fügte im Sound seiner Zeit hinzu: „Mit diesem Gebäude spielen wir in Hamburg nicht mehr in der Regionalliga, sondern in der Europaliga.“ Er baute in seinen Entwurf typische Hamburgensien ein. „Wir greifen die Themen Wasser, Wind, Schifffahrt und Leuchtturm auf.“

Insgesamt hätte das Lighthouse 104.427 Quadratmeter Bruttogeschossfläche geboten, 2008 sollte es fertig sein, das Investitionsvolumen schätzten die Ideengeber auf 300 Millionen Euro. „Alle 50 bis 100 Jahre hat Hamburg einen neuen Turm bekommen“, sagte Völkers damals. „Jetzt ist es wieder an der Zeit.“

„Zeitgeistig“ und „aufmerksamkeitsheischend“

Mit dieser Wahrnehmung aber standen die beiden relativ allein: Bernhard Gössler, der Hamburger Vorsitzende des Bundes Deutscher Architekten, kritisierte den Entwurf als „zeitgeistig“ und „aufmerksamkeitsheischend“, die HafenCity-Entwickler fühlten sich übergangen, Oberbaudirektor Jörn Walter störte sich am Ort und plädierte für den Standort Elbbrücken, und Bürgermeister Ole von Beusts Begeisterung kühlte schneller ab als eine sternenklare Mainacht.

Olaf Scholz aber glaubt an den Wolkenkratzer – und hat den Investor gleich mit präsentiert. „Mit diesem Entwurf von David Chipperfield wird das Kunstwerk Hamburg direkt bis an die Elbbrücken fortgesetzt. Der Turm selbst ist ein selbstbewusstes, elegantes und schönes Haus.“ Es war Zufall, aber irgendwie passte, dass es Scholz’ erste Pressekonferenz war, nachdem sein beabsichtigter Wechsel nach Berlin bekannt wurde. So hat der Elbtower etwas von einem Vermächtnis – wenn nicht wieder etwas dazwischenkommt – wie so oft in der Geschichte.