Neues Konzept

Hamburg baut Gehwege um – mehr Platz für Fußgänger

Marode und zu schmale Gehwege in Hamburg. Eine Lösung der Fußgängerprobleme ist kaum ohne Maßnahmen beim Parken möglich

Marode und zu schmale Gehwege in Hamburg. Eine Lösung der Fußgängerprobleme ist kaum ohne Maßnahmen beim Parken möglich

Foto: Michael Rauhe / HA

Stadt reagiert auf Beschwerden. Viele Parkplätze und Bäume werden womöglich verschwinden. Konzept für Hoheluft-Ost und Alsterdorf.

Hamburg. In Hamburg sollen die an vielen Stellen baufälligen Gehwege nicht nur schneller saniert werden – die Stadt will das gesamte von Fußgängern genutzte Wegenetz auch modernisieren und umgestalten. Die Wege sollen insgesamt breiter und barrierefrei werden, sodass sie überall auch mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen benutzbar sind und mehr Aufenthaltsflächen für Anwohner bieten.

Die Hamburgische Bürgerschaft hat den Senat jetzt in einem Beschluss aufgefordert, „bei Fahrbahnsanierungen grundsätzlich auch die Nebenflächen“, also die Fußwege, zu erneuern, falls diese baufällig sind. Außerdem solle der Senat „die konzeptionelle Förderung des Zu-Fuß-Gehens vorantreiben und dabei einen Fokus auf Attraktivität und Sicherheit der Wegebeziehungen legen“, so der Beschluss.

„Wir brauchen breitere Gehwege, die barrierefrei und einladend gestaltet sind“, sagte Verkehrsstaatsrat Andreas Rieckhof (SPD). „Außerdem müssen Sicherheit und Leichtigkeit des Fußgängerverkehrs auch dort gewährleistet werden, wo Bäume wachsen. Machen wir uns nichts vor: Baumwurzeln müssen dann entfernt werden. Das wird schwierig und muss im Einzelfall entschieden werden.“ Damit macht Rieckhof klar, dass für bessere Fußwege wohl der eine oder andere Straßenbaum geopfert werden muss. Denn deren oft flache Wurzeln beschädigen an vielen Stellen die Fußwege.

Hamburg will die Fußwege sanieren und breiter machen. Finden Sie es in Ordnung, wenn dafür Bäume und Parkplätze weichen müssen?

Hintergrund der Offensive ist die große Zahl von Beschwerden über den schlechten Zustand der Gehwege. Auch die Zahl der Schadenersatzforderungen nach Unfällen auf maroden Wegen hatte sich zuletzt mehr als verdoppelt. Bei einer Abendblatt-Online-Umfrage im Dezember bewerteten 84 Prozent der Teilnehmer den Zustand der Fußwege in Hamburg als schlecht. Umfassende Erhebungen zum Zustand der Wege gibt es bisher allerdings nicht.

Als mögliche Vorbilder für den Ausbau der Fußwege in ganz Hamburg sollen zwei Pilotprojekte in Hoheluft-Ost und Alsterdorf dienen. In den beiden Stadtteilen hat ein Beratungsbüro jetzt für den Bezirk Nord den Zustand der Wege untersucht und zusammen mit Einwohnern Konzepte zur Verbesserung erarbeitet. Eines ist dabei klar geworden: Sollen die Wege besser und breiter werden, dürfte das nicht nur manchen Baum das Leben kosten – es werden auch Parkplätze verschwinden müssen. Die Gutachter stellten die These auf, dass in Hoheluft-Ost mehr Pkw gemeldet seien, als man dort überhaupt regulär parken könne. Da nicht nur die Zahl der Einwohner wächst, sondern auch die Zahl der angemeldeten Pkw zunimmt, werden die Nutzungskonflikte immer deutlicher. Wenn es nach den Konzepten im Bezirk Nord geht, könnte sogar mancher Vorgarten dem Gehweg weichen müssen.

Anteil des Fußverkehrs: 28 Prozent

Für die Untersuchungen wurden mit dem weitläufigen Alsterdorf und dem hochverdichteten Hoheluft-Ost zwei sehr unterschiedliche Stadtteile gewählt. Dabei wurden nicht nur alle Daten zum Zustand des Wegenetzes oder zu Unfällen auf den Wegen gesammelt, auch die Bürger wurden beteiligt: Es gab einen Workshop und eine Begehung der Stadtteile mit einer Senioren- und einer Jugendgruppe. In Hoheluft-Ost wurde dabei klar, dass „eine Lösung der Fußgängerprobleme nicht ohne Maßnahmen beim Parken möglich ist“.

Leitartikel: Kein Recht auf Parkplätze

Denn die Autos verhinderten in dem Stadtteil nicht nur eine Verbreiterung der Wege – es gebe insgesamt einfach zu viele davon. „Vermutlich lassen sich die im Stadtteil gemeldeten Pkw schon rein physisch nicht im Straßenraum auf mit der Straßenverkehrsordnung konforme Weise unterbringen“, heißt es in dem 54-seitigen Gutachten zu Hoheluft-Ost. Mögliche Lösung laut teamred-Konzept: Quartiersgaragen, mehr Überwachung gegen Falschparker, Anwohnerparken und Car-Sharing. Aber auch Radfahrer sollen sich umstellen. So soll etwa das Anketten von Rädern an Geländern unterbunden werden, da es den Raum für Fußgänger, Rollstuhlfahrer oder Nutzer von Rollatoren teilweise stark einengt.

Im weitläufigeren Alsterdorf plädieren die Gutachter für den Aufbau eines „Hauptfußwegenetzes, das sich aus der sozialen Infrastruktur ergibt“ und vor allem vor Alteneinrichtungen und Schulen für gute Wege sorgt. Zudem müssten die Fußwege zu den U-Bahn­stationen und der Alsteruferweg als Teile eines Netzes betrachtet und entsprechend ausgebaut werden. Als einen weiteren Baustein der Fußverkehrsförderung sehen die Gutachter die Ausweitung von Tempo 30 – etwa im Eppendorfer Weg und in der Alsterdorfer Straße. Insgesamt fordern sie, die Belange von Fußgängern in der Hamburger Politik stärker zu berücksichtigen. Dabei lässt die Studie offen, ob man das Thema der Radverkehrs-Beauftragten zuschlagen, einen eigenen Fußverkehrs-Beauftragten berufen oder einen Arbeitskreis aller zuständigen Stellen gründen solle.

CDU lehnt die Vorschläge von Rot-Grün ab

Zugleich verweist das Papier auf die dänische Hauptstadt Kopenhagen. Dort gebe es umfassende Untersuchungen über den Fußverkehr und ein gezieltes Monitoring „entsprechend dem Ziel einer belebteren Stadt“. In Deutschland dagegen gebe es dazu kaum Erhebungen. Bei der bisher letzten Erhebung lag der Anteil des Fußverkehrs am Gesamtverkehr in Hamburg bei 28 Prozent. Besonders hoch war der Anteil der Fußgänger in Bergedorf (32 Prozent), Hamburg-Nord (31) und Altona (30), besonders niedrig in Wandsbek (17 Prozent).

Die CDU hat den Zustand der Gehwege bereits mehrfach scharf kritisiert und gerade erfolglos ein neues Millionenprogramm zur Sanierung in der Bürgerschaft beantragt. Die nun diskutierten Vorschläge von Rot-Grün auf Kosten von Parkplätzen, Bäumen oder Vorgärten lehnt CDU-Verkehrspolitiker Dennis Thering jedoch ab.

Parkgebühren um mehr als 60 Prozent erhöht

„Grüne Vorgärten zu grauem Beton – auf so eine Schnapsidee kann nur kommen, wer wie die Grünen die Fußgänger jahrelang vor lauter Fahrradfantasien komplett aus dem Blick verloren hat“, so Thering. „Stattdessen sollten SPD und Grüne endlich die maroden Gehwege in Hamburg sanieren. Auch das Fällen von Bäumen ist mittlerweile fester Bestandteil der grünen DNA. Dass SPD und Grüne zudem kein Pro­blem damit haben, Parkplätze für alles Mögliche zu opfern, wundert mich da schon gar nicht mehr. Immerhin wurden seit 2011 weit mehr als 2000 öffentliche Parkplätze vernichtet, die Parkgebühren um mehr als 60 Prozent erhöht und die schädlichen Parksuchverkehre dadurch massiv gefördert“, sagte der CDU-Verkehrspolitiker. Die rot-grüne Verkehrspolitik sei ein „Scherbenhaufen“.

Der Grünen-Fraktionschef aus Hamburg-Nord, Michael Werner-Boelz, betont dagegen, dass man den Gutachter-Vorschlag zur Nutzung von Vorgärten nicht umsetzen werde. Insgesamt hätten die Fußverkehrskonzepte für Alsterdorf und Hoheluft-Ost aber „Vorbildcharakter für ganz Hamburg“, so Werner-Boelz. „Erstmals wurden damit in Hamburg strategische Konzepte für ganze Stadtteile zur Förderung des Fußverkehrs entwickelt.“ Derzeit würden die Ergebnisse in den Regionalausschussfraktionen diskutiert. Bis April sollten Anträge zur Umgestaltung der Gehwege in den beiden Stadtteilen beschlossen werden.

„Wichtiger Baustein der Mobilität“

Auch der Grünen-Bürgerschaftsabgeordnete Martin Bill sagte, man werde Eigentümer von Vorgärten nicht enteignen. In manchen Fällen gebe es aber auch Einigungen mit den Eigentümern, die beide Seiten zufriedenstellten. „Der Fußverkehr ist für uns ein enorm wichtiger Baustein der Mobilität“, so Bill. „Ähnlich wie in dem Pilotprojekt für Hoheluft-Ost und Alsterdorf wollen wir die konzeptionelle Förderung des Zufußgehens weiter vorantreiben.“

Das sieht auch SPD-Verkehrspolitikerin Martina Koeppen so. „Ein höherer Anteil des Fußverkehrs liegt im allgemeinen Interesse“, so Koeppen. „Dazu brauchen die Menschen anständige Gehwege mit hoher Verkehrssicherheit und Aufenthaltsqualität.“