Abendblatt-Serie

Die Reeperbahn – Was vom Mythos übrig ist

Slavek (61),
früher Darsteller
in Erotikcabarets
arbeitet als
Koberer für
„Susis Showbar“

Slavek (61), früher Darsteller in Erotikcabarets arbeitet als Koberer für „Susis Showbar“

Foto: Roland Magunia / HA

Serie „Hamburgs Klassiker – neu entdeckt“. Heute: Die Reeperbahn ist „die sündigste Meile der Welt“, heißt es. Aber stimmt das noch?

Hamburg. Direkt vor dem Eingang der „Ritze“ haben sie vor wenigen Wochen einen kleinen Verkaufsstand aufgebaut. Das bekannte Konterfei der Kultkneipe, die beiden gespreizten Frauenbeine mit den roten High Heels, in deren Mitte sich die Eingangstür befindet, ziert neuerdings T-Shirts, Feuerzeuge, Baseball-Caps und Regenschirme. Immer wieder schiebt sich eine Gruppe Touristen durch den schmalen Seitendurchgang an der Reeperbahn. Gästeführer, junge wie alte, verkleidet oder in Zivil, erheben ihre Stimme. Nutella-Bande, Zuhälter, Boxkeller – die Vokabeln sind nahezu identisch, allenfalls die Reihenfolge variiert.

Gut 100 seien es bestimmt, sagt Joe, wenn man ihn auf die Zahl der un­terschiedlichen Gästeführungen auf
St. Pauli anspricht. Ein Besuch in der „Ritze“ gehöre dabei für die meisten zum Pflichtprogramm. Denn die „Ritze“, sagt Joe, ist Kult. Ein Kult, mit dem sich offenbar gut Geld verdienen lässt.

Kleines Revier

Das hat auch Joe erkannt. Drei Tage pro Woche sitzt der 62-Jährige auf seinem Stammplatz in der hinteren Ecke des Tresens, schmökt eine Zigarette nach der anderen und wartet auf Kundschaft. Als hauseigener Gästeführer in der „Ritze“, in schwarzer Cargohose und mit Bauchtasche, zeigt er neugierigen Gästen bei einem 15-minütigen Rundgang den legendären Boxkeller im Untergeschoss, erzählt von Boxgrößen wie Dariusz Michalczewski und Eckhard Dagge, die hier schon geboxt haben, und erklärt, warum in der „Ritze“ bis heute nur bayerisches Bier ausgeschenkt wird.

80 bis 90 Prozent der Gäste sind Touristen

Joe, der viele Jahre lang als St.-Pauli-Nachtwächter Touristen über den Kiez führte, kennt die „Ritze“ seit 40 Jahren. „Früher“, sagt er und deutet mit dem Finger auf den grauen Sparclub­kasten mit den 56 Fächern, der hinter ihm an der Wand festgeschraubt ist, „war das ein Club nur für die großen Jungs aus dem Milieu“. Hinter einem roten Vorhang habe der Wirt Hanne Kleine mit der Kiezprominenz getagt und so manch wilde Party gefeiert. Doch von den einst schillernden Rotlichtgestalten höre man heute nicht mehr viel. 80 bis 90 Prozent der Gäste seien inzwischen Touristen.

Die „Ritze“ ist nach wie vor ein Symbol für den Kiez und steht damit auch symbolisch für den Wandel der weltweit bekannten Amüsiermeile. Einst als ein von Gewalt, Prostitution und Drogen geprägter Ort verrufen, den man als Hamburger besser meide, wie Helmut Schmidt einst sagte, hat sich die Reeperbahn zu einer touristischen Marke entwickelt. Rund 20 Millionen Besucher schlendern jährlich über die 930 Meter lange Straße zwischen Millerntorplatz und Nobistor. Tendenz steigend – und das, obwohl die Koketterie mit dem Image der „sündigen Meile“ immer mehr zu einer Farce verkommt.

Denn vielerorts haben Diskotheken, Bars und Kioske längst die Vorherrschaft auf der Meile übernommen. Letztere befriedigen vor allem das Bedürfnis der meist jugendlichen Wochenendbesucher, die sich harten Alkohol in günstigen Halb-Liter-Bechern einverleiben, bevor sie anschließend zum Feiern, Tanzen und Flirten in die umliegenden Discos wanken – sofern sie dazu überhaupt noch in der Lage sind.

Wer heute über die Reeperbahn spaziert, kann daher gut vorbeischauen am horizontalen Gewerbe, für das die Reeperbahn doch so bekannt ist. Die wenigen jungen Frauen mit ihren Bauchtäschchen und den plüschigen Moonboots, in denen sie angesichts der Kälte auf dem Hans-Albers-Platz hin und her tippeln, kann man zwischen auswärtigen Kegelclubs und skurril verkleideten Fast-Ehemännern jedenfalls leicht übersehen.

Live-Gesang und frivole Strip-Einlagen

Die Reeperbahn sei eben auch nicht mehr das, was sie mal war, sagen die einen. Andere sagen, das sei auch ganz gut so. Über kaum etwas streitet man auf St. Pauli so leidenschaftlich, wie über die Bedeutung des Rotlichts für die DNA des Kiezes. Doch allen Unkenrufen zum Trotz, noch gibt es sie, die Sexshops und Erotikkinos, die Laufhäuser und die Herbertstraße, die Stripclubs und die Cabarets – auch wenn man heute bisweilen schon genau hinsehen muss, um sie zu entdecken.

Daisy Ray ist stolz, im ältesten noch existierenden Travestiecabaret auf der Reeperbahn zu arbeiten. Als letztes seiner Art bietet das „Pulverfass“ seit mehr als vier Jahrzehnten an sechs Tagen in der Woche Star-Parodien, Live-Gesang und frivole Strip-Einlagen – ausschließlich mit Männern. Die aus Halle stammende Künstlerin mit der blonden Perücke und den beeindruckend langen Wimpern tritt dabei als Con­férencier und Sängerin in der knapp dreistündigen Show auf.

Der alte Kiez drohe verloren zu gehen

Von ihrem Stammplatz an der Bar im gläsernen Eingangsbereich hat Daisy Ray einen hervorragenden Ausblick auf die Reeperbahn, wo blinkende Reklameschilder mit der Aufschrift „Sexy Girls“ und „Kiosk“ um die Wette zu blinken scheinen. Falschverstandener Pathos oder übertriebene Nostalgie sind dem Künstler fremd, wenn es um seinen Arbeitsort, die Reeperbahn, geht. Und doch bedauert er, wie sich der Kiez vor der Fensterfront verändert. Noch funktioniere St. Pauli in seiner Vielschichtigkeit, dem dichten Nebeneinander der Kontraste. Doch die Entwicklung der vergangenen Jahre sei unübersehbar: „Das Quartier wird zur massentaug­lichen Partyzone, zum „Ballermann“ des Nordens. Der alte Kiez droht verloren zu gehen.“

Ein Gesicht dieses alten St. Paulis ist auch Slavek, der nur wenige Meter entfernt am Eingang der Großen Freiheit steht. Der Hüne vor Susis Showbar, dessen Bizepsumfang zu seinen besten Zeiten 53 Zentimeter maß, hat seine kräftigen Hände tief in den Jackentaschen vergraben und mustert aufmerksam die vorbeischlendernden Passanten. „Hey Jungs“, „Hola chicos“, „Cześć chłopaki“ – es gibt kaum eine Sprache, die der gebürtige Danziger nicht spricht.

Slavek, einst ein Ingenieur für Straßenbahnen, arbeitete früher als Darsteller in Erotikcabarets wie dem „Petit Fleur“ oder dem „Tabu“. Der 61-Jährige ist einer der letzten Koberer auf dem Kiez, von denen die meisten lieber Portiers genannt werden – das klingt weniger anrüchig. Mit frechen Sprüchen versuchen sie, liquide Kiezbesucher für ihre Shows zu begeistern. Doch spätestens, wenn es ums Geld geht, winken viele ab. Zwar ist der Eintritt frei, doch kaum einer ist bereit, 35 Euro fürs erste Herrengedeck zu zahlen. Dass eine Show mit bis zu zwölf Tänzerinnen ihren Preis hat, verstehen nur wenige.

„Die Mischung stimmt nicht mehr“

„Die Mischung stimmt nicht mehr“, sagt Slavek. Das Publikum habe sich verändert. Zwar kommen jährlich Millionen Menschen auf die Reeperbahn, doch die gesellschaftlich weit verbreitete „Geiz ist geil“-Mentalität macht auch vor St. Pauli nicht halt. Das Internet tut sein Übriges.Dass sich die plüschig-roten Sitzbänke in dem arenenförmig aufgebauten Nachtclub mit der drehbaren Bühne im Laufe des Abends dennoch füllen, ist vor allem der unerbittlichen Überzeugungskraft des Portiers zu verdanken.

Schaefers Stündchen: Im Boxkeller der Ritze

Seinem charmanten Vertreterlächeln, bei dem seine strahlend weißen Zähne zur Geltung kommen, können sich auch die drei jungen Herren aus dem Frankenland irgendwann nicht mehr entziehen. Bereuen werden sie es nicht. Als Slavek wenig später nach dem Rechten sieht, hat der Erste bereits sein Gesicht im Dekolleté einer brünetten Tänzerin vergraben. Die roten LED-Lampen ihrer durchsichtigen Pumps spiegeln sich dabei in den Augen der Zuschauer. Das Rotlicht flackert, aber es brennt noch.

Ende der Serie