Hamburg

Warum Sie auch im Winter auf Alsterfahrt gehen können

| Lesedauer: 10 Minuten
Jens Meyer-Odewald
Eine Alsterrundfahrt ist sogar im Winter ein Vergnügen

Eine Alsterrundfahrt ist sogar im Winter ein Vergnügen

Foto: Andreas Laible

Serie „Hamburgs Klassiker – neu entdeckt“. Heute: An Bord ist es mollig warm. Und statt Seemannsgarn gibt es spannende Fakten.

Hamburg.  Die ersten Vorurteile werden unmittelbar nach dem Ablegen vom Jungfernstieg über Bord geschmissen: Bei der „Fleetenkieker“ handelt es sich keinesfalls um eine Barkasse, sondern um ein Schiff. Weil es länger als 20 Meter ist. Die Bezeichnung Alsterdampfer stimmt eigentlich auch nicht, das war früher mal. Kann man aber durchgehen lassen, weil sie sich bei den Hamburgern eingebürgert hat. Ebenso wie „Weiße Flotte“. Wichtiger: Am Steuerrad sitzt mit Albert Bertz ein Alsterkapitän und kein „He Lücht“ („Er schwindelt“), so wie die Kollegen im Hafen, also kein Schnackbär, der Döntjes von sich gibt und sich mehr als Entertainer versteht.

Nachdem dies nun geklärt ist, wollen wir uns dem Vergnügen widmen. Platz nehmen also auf einem angenehm gepolsterten Stuhl an einem der Tische. Die Jacke kann über die Lehne gehängt werden. An Bord ist es mollig warm. Auf zur winterlichen Alsterrundfahrt, einem Klassiker der Hansestadt, einer immer wieder sehenswerten Attraktion für Einheimische wie Touristen.

Alsterfahrten gibts schon seit 500 Jahren

Seit ungefähr einem halben Jahrtausend geht das so. Um 1500 genossen unsere Vorfahren maritimes Flair auf „Alsterschüten“. Das waren schwere Ruderboote aus Eichenholz. An Deck standen Tische und Bänke – und Bier. Der Hamburger Poet Friedrich von Hagedorn wusste Anfang des 18 Jahrhunderts aus freudvoller Erfahrung: „Die Alster lehrt gesellig seyn.“ Erst ab 1800 ging’s dann professioneller auf Tour über den Teich.

Gut 50 Jahre später setzte der Assekuranzmakler Gustav Adolph Droege als Pionier die Idee um, mit Dampfschiffen einen regelmäßigen Verkehr auf der Alster zu etablieren. Manchem Hamburger wird es einen kleinen Stich ins Herz versetzen: Der Mann kam aus Bremen. Auch dass heutzutage an Bord Beck’s verkauft wird, könnte Sturköpfen Schluckbeschwerden bereiten.

Doch Spaß beiseite: In sehr ruhiger, gleichmäßiger Fahrt mit vier Knoten (für Landratten: 7,4 Kilometer pro Stunde) passiert die „Fleetenkieker“ die Binnenalster. Backbords der Neue Jungfernstieg und steuerbords der Ballindamm können nun aus ganz anderer Perspektive betrachtet werden. Sieht gut aus.

2017 gingen 150.000 auf Alsterrundfahrt

„Herzlich willkommen an Bord“, spricht Alsterkapitän Albert Bertz in sein drahtloses Mikrofon. Punkt 15 Uhr hat er abgelegt.

Bertz sitzt auf einer Art Hochstuhl, der sich drehen lässt. So hat er mal den See vor sich, mal die Gäste im Blick. Zwei Dutzend Passagiere machen die Tour heute mit; für 100 ist das Schiff zugelassen. Winterzeit. Im abgelaufenen Jahr beförderte die ATG Alster-Touristik GmbH, eine 100-prozentige Tochter der Hamburger Hochbahn, mit ihrer 18 Schiffe umfassenden Flotte knapp 400.000 Fahrgäste. Davon entfielen 150.000 auf die Alsterrundfahrt. Der Klassiker Alster-Schippern ist also angesagt.

Bis zum Beginn der Vorsaison am 30. März, dem Karfreitag, stehen zwischen 10.30 und 15 Uhr täglich vier Alster-Rundfahrten auf dem Programm. Vom 1. Mai an geht’s dann richtig und überall rund. Dazu gehören auch die Extratouren „Snack op Platt“. Details stehen separat.

Kein Audio-Guide für die ausländischen Gäste

„Wir können nicht untergehen“, beruhigt Schiffsführer Bertz die Ahnungslosen der Passagiere. Drei Chinesen aus Shanghai können das leider nicht verstehen: Die Audio-Guide-Geräte mit Informationen in englischer Sprache sind allesamt defekt. Und für Touristen zum Beispiel aus Frankreich, Spanien oder Italien ist überhaupt nichts Passendes vorgesehen. Liebe ATG, da geht mehr. Angeblich sind wir doch Weltstadt. Ein bisschen zumindest.

Der Käpt’n erklärt auch, warum der Kahn gar nicht richtig absaufen kann. Die 164 Hektar große Alster ist im Schnitt kaum mehr als zwei Meter tief. Und da die 25,5 Meter lange, 5,20 Meter breite und 15 Jahre alte „Fleetenkieker“ 1,30 Meter Tiefgang hat, bleibt nicht viel Platz zum Untergehen. „Dann würden wir auf dem Dach einer S-Bahn landen“, scherzt Bertz. An Schnacks war es das dann aber auch schon.

Die bisherigen Serienteile

Teil 1 der Serie: Aale-Dieter am Fischmarkt

Teil 2 der Serie: Eisarena Planten un Blomen

Teil 3 der Serie: Die Hamburger Hafenrundfahrt

Teil 4 der Serie: Der Ohlsdorfer Friedhof

Teil 5: Das Hamburger Rathaus

Teil 6: Stadtrundfahrt im Doppeldecker

Hinten an der Schiffsbar gilt Selbstbedienung

„Ich habe mir die Döntjes abgewöhnt“, hat er vorm Ablegen gesagt. Vielmehr setzte er auf Fakten und glaubwürdige Geschichten. Seemannsgarn und spinnende Klabautermänner haben keine Chance bei einem gestandenen Profi, der am 1. April drei Jahrzehnte bei seiner Firma an Bord ist. Als lang gedienter Fahrensmann hat er gemerkt, dass viele politische Anspielungen oder blumige Gags gar nicht verstehen. Folglich lässt er’s lieber sein – und Fakten sprechen.

Der Mann ist eine Geschichte für sich. Machen wir’s kurz. Gelernt hat er erst Maschinenschlosser, dann Binnenschiffer. Sein Großvater gründete einst die Bertz-Reederei, deren fünf Schiffe vom Kontor am Meßberghof in der Altstadt aus gemanagt wurden. Als die Tochter ein Jahr alt war und nicht in ein Heim für die Kinder von permanent reisenden Binnenschiffern kommen sollte, quittierte er den Job und heuerte 1988 bei der Alster-Touristik an.

Beim Törn heute steht dem 59 Jahre alten Kapitän mit Wohnsitz in Rahlstedt ein Auszubildender zur Seite. Adrian Dunajski (25), Fachabiturient aus Öjendorf, lernt Hafenschifffahrt. Wenn alles Klarschiff ist und er zudem sein Patent macht, ist die Lehre im September 2019 geschafft. Jetzt nutzt er die Rundfahrt, um Hand anzulegen und um die Ohren zu spitzen. Später möchte er selbst am Steuer sitzen und die Fahrgäste informieren.

Acht Liter Diesel pro Stunde

Mangels Seegang schnurrt die „Fleetenkieker“ ruhig Richtung Krugkoppelbrücke. Am Bug weht die Hamburg-Flagge im lauen Wind. Ein Dieselmotor treibt die Elektrik an. Verbrauch pro Stunde: acht Liter. Einmal pro Woche legt die „Fleetenkieker“ an einer Tankstelle vis-à-vis dem Vier Jahreszeiten zum Bunkern an. Hinten an der Schiffsbar gilt Selbstbedienung. Kalte Getränke, Glühwein, Kakao, Kaffee, Beck’s und sogar Flachmänner stehen bereit. Küstennebel, das passt. Außerdem im Angebot: Butterkuchen, Donuts und Muffins. Die Preise zwischen zwei und 2,50 Euro sind reell. Es steht eine „Vertrauenskasse“ bereit. Geschummelt wurde noch nie.

Zwar ist das Wetter an diesem Januartag eher schmuddelig-grau, jedoch präsentiert sich Hamburg nicht minder majestätisch. Kenner schätzen gerade diese Jahreszeit zum Alsterschippern. Im Gegensatz zum Sommer ist wenig los – an Bord und auf dem See. Wenn nur ein Fahrgast am Anleger steht, muss es losgehen. Jüngst hatte ein Paar das Glück, eine Privattour für zwei Personen genießen zu können. Aber auch sonst bleibt Muße zum Gucken und Innehalten. Es handelt sich um eine klassische Stadtrundfahrt, nur eben auf dem Wasser.

Den meisten Passagieren gefällt die Tour

„Wir lieben diese Alstertouren“, sagen Regina und Peter Lorenz aus Blankenese unisono, „sie haben etwas Ruhiges, fast Meditatives.“ Dem Schiffsführer zollen die beiden Lob: „Auch wenn er das gewiss schon tausendmal gemacht hat, wirken seine Informationen überhaupt nicht abgespult, sondern interessant und abwechslungsreich.“ Vor allem Enkel Lukas, drei Jahre alt und enorm in Form, kann nicht genug kriegen. Sein kleiner Bruder Theodor, beider Mutter Franziska und eine Freundin aus Brasilien runden den Familienkreis ab.

Antonia Garcias Urgroßmutter stammt aus Hamburg. Der 24-jährigen Südamerikanerin gefällt der bourgeoise Charme der gutbürgerlichen Villen am Rondeelteich. Anna und Christoph Zaniewski, für zwei Tage zum Stadttrip aus Duisburg angereist, sehen das ebenso. Jiadong und seine Eltern aus Shanghai dagegen wirken etwas gelangweilt. Liegt bestimmt auch daran, dass sie kaum ein Wort verstehen.

Am Harvestehuder Weg entlang führt die Tour zurück zum Ausgangspunkt. „Das war eine Stunde in Hamburgs schönstem Hafenbecken“, sagt Alsterkapitän Albert Bertz via Lautsprecher. Mit den beiden Magneten steuerbords am Rumpf dockt er an die Eisenplatten am Anleger Jungfernstieg an. Sitzt bombenfest. Er verabschiedet sich mit einem herzhaften „Hummel, Hummel“.Dafür gibt’s Applaus. Hat Spaß gemacht, Käpt’n. Danke schön.

Der Fahrplan:

Bis zum 29. März stehen täglich vier einstündige Alster-Rundfahrten auf dem Programm: 10.30, 12, 13.30 und 15 Uhr. Tickets gibt’s im Shop der Alster-Touristik direkt am Anleger Jungfernstieg (etwa Höhe Ballindamm). Sie kosten für Erwachsene 16 Euro, für Kinder die Hälfte. Bei der Familienkarte zahlen Eltern mit bis zu vier Kindern insgesamt nur für ein Kind.

Die Vorsaison startet am 30. März. Von 10 bis 18 Uhr geht’s im Halbstundentakt rund. Dreimal täglich werden nun auch jeweils zweistündige Fleet- und Kanalfahrten sowie die Alster-Kreuz-Fahrten zum individuellen Zu- und Aussteigen angeboten.

Der Sommerfahrplan gilt vom 1. Mai bis 7. Oktober. Er beinhaltet Dämmertörns und Vierlande-Touren nach Bergedorf. In dieser Zeit können Spezialfahrten wie „Dinner-Shipping“ oder „Italien auf der Alster“ gebucht werden. Ab 28. April stehen am Sonntag zusätzliche Attraktionen auf dem Plan: Billefahrt, „Snack op Platt“, Wilhelmsburg und Vierlande.

Alle Informationen gibt es unter: www.alstertouristik.de

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