Hamburg

Alstermord – so ermittelt die Polizei ein Jahr später

Am Tag nach dem Mord im Oktober 2016 suchen Taucher die Alster nach der Tatwaffe ab

Am Tag nach dem Mord im Oktober 2016 suchen Taucher die Alster nach der Tatwaffe ab

Foto: Michael Arning

Die meisten Spuren sind abgearbeitet. Nun sucht sogar die Spezialeinheit für "Cold Cases" nach neuen Ansätzen.

Hamburg.  Kaum ein Mordfall hat in den vergangenen Jahren für so viel Aufsehen in Hamburg gesorgt – und ist so mysteriös. Am 16. Oktober 2016 sticht ein unbekannter Mann offenbar grundlos den erst 16 Jahre alten Victor E. unter der Kennedybrücke vor den Augen seiner 15 Jahre alten Freundin nieder. Der Gymnasiast aus Rotherbaum wird so schwer verletzt, dass er wenig später im Krankenhaus stirbt.

Das Mädchen hatte der Täter in die Alster gestoßen. Obwohl die 15-Jährige den Messerstecher sah und die Mordkommission intensiv ermittelte, konnte der Täter nicht identifiziert werden. Inzwischen wurden sogar die Ermittler der „Cold Case Unit“ einbezogen. Sie bearbeiten alte Mordfälle, um mit einem „anderen Blick“ und neuen Möglichkeiten ungeklärte Fälle zu lösen. Beim Alstermord suchen sie nach alternativen Ermittlungsansätzen und neuen Thesen. Das Abendblatt dokumentiert, was die Polizei bisher getan hat:

Sofortfahndung:
Gleich nach der Tat an einem Sonntagabend zog die Polizei Streifenwagen rund um den Tatort an der Kennedybrücke zusammen. Der Gesuchte wurde als „südländische Erscheinung“, 23 bis 25 Jahre alt und 1,80 bis 1,90 Meter groß beschrieben.

Spurensicherung:
Kurz nach der Tat rückte der Kriminaldauerdienst an. Noch in der Nacht wurde die Mordkommission eingeschaltet. Die Beamten sicherten mithilfe von Kriminaltechnikern Spuren am Tatort, der unter der Brücke an einer Treppe liegt, die zum dortigen Elke-und-Lisa-Linau-Sandweg führt. Dabei tragen die Spezialisten weiße Schutzanzüge. Sie sollen verhindern, dass die Beamten, die nach kleinsten Hinweisen wie Fasern, Blut, Haaren oder anderen menschlichen Partikeln suchen, die DNA enthalten, den Tatort selbst nicht mit solchen Dingen kontaminieren. Zudem wird der Tatort vermessen und fotografiert.


Die Tauchaktion:
Polizeitaucher suchen in den Tagen nach der Tat die Alster insbesondere nach der Tatwaffe, vermutlich ein Messer, ab. Vergebens.

Die Rekonstruktion:
Die Tat wird nach den Angaben der 15-Jährigen nachgestellt. Sie hatte nach dem Stoß ins Wasser unterhalb des Tatorts im hüfthohen Wasser gestanden. Dadurch hatte sie einen besonderen Blickwinkel. Die Rekonstruktion gibt den Ermittlern Aufschluss darüber, ob die Angaben zum Tatablauf plausibel sind. Sie sind es.

Die Umfeldbefragung:
Hier geht es darum, ein mögliches Motiv für den Mord zu erfahren, wie Streit oder Eifersüchteleien. Auch der Bekanntenkreis des Opfers und der 15-Jährigen wurde durchleuchtet, um zu erfahren, ob darunter Personen sind, die die Tat begangen haben könnten.

Die Auswertung von Daten:
Die Polizei hat schnell damit begonnen, Videomaterial aus Überwachungskameras sicherzustellen. Dabei werden Aufnahmen aus Zeiträumen gesichert, die auch vor der Tat liegen. Die Hoffnung ist, dass der Messerstecher zu sehen ist. Die Sicherstellung solcher Aufnahmen ist oft ein Wettlauf gegen die Zeit.

Teilweise werden die Datenträger in einer Endlosschleife benutzt und wieder mit neuen Aufnahmen überspielt. Großes Interesse haben die Ermittler auch an der Auswertung von Handydaten. „Funkzellenauswertung“ heißt dieses Verfahren. Sie verrät, wer sich wann in dem Bereich aufgehalten hat. Dabei muss der Besitzer eines Handys das Gerät nicht einmal benutzt haben.

Die Flugblattaktion:
Bereits wenige Tage nach der Tat verteilt die Polizei Flugblätter im Umfeld der Kennedybrücke. Darin werden Tatablauf und Täter noch einmal beschrieben. So möchte man Menschen aus dem Umfeld erreichen, die kaum oder wenig Zugang zu den Medien haben, wie beispielsweise Obdachlose, die in dem Bereich ihre Zelte aufgeschlagen haben.

Das IS-Bekenntnis:
Etwa zwei Wochen nach der Tat reklamiert die islamistische Terrororganisation IS die Tat für sich. Der Staatsschutz der Polizei glaubt aber nicht an einen IS-Bezug.

Die E-Mail-Aktion:
Weil bekannt ist, dass der Täter sich bei dem Messerangriff an der Hand verletzt haben dürfte, werden mithilfe der Ärztekammer rund 11.000 in Hamburg niedergelassene Ärzte angeschrieben. Man erhofft sich dadurch Hinweise auf Patienten mit entsprechender Verletzung.

Die Phantomskizze: Sie wird Anfang November 2016 veröffentlicht. Zuvor hatte sich eine Zeugin gemeldet, die einen Vorfall an der Kennedybrücke erst spät mit der Tat in Verbindung brachte. Sie war als Autofahrerin unterwegs, als ihr ein Mann direkt vor das Fahrzeug lief und sie zur Vollbremsung zwang. Es war mit großer Wahrscheinlichkeit der Täter. Die Frau kann den Mann genau beschreiben. Die Polizei misst der Skizze eine große Genauigkeit zu, weil die Frau Grafikerin ist.

Der Islamist:
Nach dem islamistisch motivierten Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin im Dezember 2016 prüft die Polizei, ob der Attentäter Anis Amri auch der Messerstecher von der Kennedybrücke ist, da der Mann und die Person auf der Phantomskizze äußere Ähnlichkeiten aufweisen. Er ist es nach bisherigen Erkenntnissen aber nicht.

Der Hinweis-Briefkasten: Ende Dezember stellt die Polizei am Tatort einen Briefkasten auf, in den anonym Hinweise eingeworfen werden können. Diese Aktion wurde speziell für diesen Fall entwickelt. Eine Rolle spielt dabei, dass der Tatort in einer gut besuchten Gegend liegt. Es gingen zwar Hinweise ein, aber keine heiße Spur.

Der zweite Islamist:
Auch nach der Messerattacke durch den Islamisten Ahmad A. an der Fuhlsbüttler Straße, bei dem ein Mann getötet und mehrere Menschen verletzt werden, prüft die Polizei derzeit einen Zusammenhang.