Hamburg

Nicht aufgeklärte Morde – so leiden die Angehörigen

Steven Baack,
Kriminalhauptkommissar
und
Leiter der Einsatzgruppe
Cold Cases

Steven Baack, Kriminalhauptkommissar und Leiter der Einsatzgruppe Cold Cases

Foto: Andre Zand-Vakili / HA

Workshop des Weißen Rings über Cold Cases mit Kriminalisten und Medizinern. Im Mittelpunkt stand das Leid der Opfer.

Hamburg.  Einen geeigneteren Gastgeber konnte es kaum geben. Wolfgang Sielaff, einst Hamburger LKA-Chef und Vizepolizeipräsident, jetzt ehrenamtlich aktiv für die Opferschutz-Organisation Weißer Ring, lud am Donnerstag zu dem Workshop „Cold Cases“ ein. Den ganzen Tag diskutierten Kriminalisten, Wissenschaftler und Juristen in der Halle 13 der Hochbahn an der Hellbrookstraße über nicht aufgeklärte Kriminalfälle, die zum Teil Jahrzehnte zurückliegen.

Als Sielaff den Workshop vor einem Jahr konzipierte, konnte er nicht wissen, dass vor allem dank seiner Hartnäckigkeit das Opfer eines 28 Jahre zurückliegenden Verbrechens gefunden werden konnte. Sielaff entdeckte in der Nähe von Lüneburg die Leiche seiner Schwester Birgit Meier. Ein Friedhofsgärtner, damals tatverdächtig, hatte sich 1993 in der Untersuchungshaft umgebracht. Sielaff hatte privat weiterermittelt, die Polizei die Akte längst geschlossen.

Leid der Opfer im Mittelpunkt

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand das Leid der Opfer. Steven Baack, Chef der neu eingerichteten Ermittlungsgruppe Cold Cases beim LKA, berichtete von der Dankbarkeit vieler Familienmitglieder, dass ihr Fall überhaupt wieder aufgerollt werde. Es gebe selbst nach langer Zeit gute Aufklärungschancen: „Wir profitieren von neuen wissenschaftlichen Methoden, aber auch von einem frischen Blick auf alte Akten.“ Mitunter könnten sich Zeugen selbst nach langer Zeit wieder an Details erinnern. Prof. Klaus Püschel, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin am UKE, berichtete von wissenschaftlichen Methoden, mit denen Spuren, die noch immer in den Asservatenkammern aufbewahrt werden, neu analysiert werden könnten – etwa mit einem DNA-Abgleich.

Hinterbliebene hätten die Erwartung, dass so lange an einem Fall gearbeitet wird, bis der Täter ermittelt ist, sagte Claudia Brockmann, Leiterin des Fachkommissariats Kriminalpsychologie bei der Hamburger Polizei. „Sie haben die Erwartung, dass alles aus einem Fall herausgeholt wird, was geht.“ Für Hinterbliebene gebe es die „Qual der unbeantworteten Fragen. Wenn ich keine Antworten habe, geht die Fantasie mit mir durch.“ Die Redewendung, dass „Zeit alle Wunden heile“, sei ein Mythos, so Brockmann. „Wenn es heißt, der Fall ist so alt, da wird niemand mehr leiden: So ist es aber nicht!“

Angehörige kommen nie zur Ruhe

Ähnlich formulierte es auch Kristina Erichsen-Kruse, stellvertretende Landesvorsitzende des Weißen Rings in Hamburg. Angehörige insbesondere einer vermissten Person kämen nie zur Ruhe, so Erichsen-Kruse. „Solange der Vermisste nicht gefunden ist, besteht kein Ansatz, mit der Aufarbeitung des Geschehenen auch nur zu beginnen.“ Der Weiße Ring begleite Menschen, die Unterstützung als Hinterbliebene eines Tötungsdelikts brauchen, auch bis an den Anfang ihrer Geschichte zurück. „Und das auch, wenn er 30 Jahre zurückliegt.“