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S-Bahn-Pannen: Stadt Hamburg macht Druck auf den Bund

Überfüllte Bahnen und immer häufigere Ausfälle: Die S-Bahn-Infrastruktur kann in Hamburg mit dem massiven Zuwachs bei den Fahrgästen derzeit nicht mehr mithalten

Überfüllte Bahnen und immer häufigere Ausfälle: Die S-Bahn-Infrastruktur kann in Hamburg mit dem massiven Zuwachs bei den Fahrgästen derzeit nicht mehr mithalten

Foto: Bodo Marks / dpa

Bürgerschaft und Senat fordern nach Ausfällen schnelle Modernisierung. Notfalls soll die Hansestadt Finanzierung vorschießen.

Hamburg.  Nach immer neuen massiven S-Bahn-Ausfällen durch technische Pannen oder schlechtes Wetter erhöht Hamburg den Druck auf die Deutsche Bahn AG. „In der letzten Zeit hat es zu viele Störungen mit zu großen Auswirkungen bei der S-Bahn gegeben“, sagt Ole Thorben Buschhüter, Bahn­experte der SPD-Bürgerschaftsfraktion. „Die längst identifizierten Schwachstellen müssen daher so bald wie möglich beseitigt und die Infrastruktur entsprechend nachgerüstet werden.“ Grünen-Verkehrspolitiker Martin Bill nennt die Störungen, Ausfälle und Verspätungen bei der S-Bahn in Hamburg „enorm ärgerlich“. Die Häufung von Pannen mindere die Attraktivität des Nahverkehrs.

Senator Horch fordert „mehr Stabilität und Pünktlichkeit“

In einem gemeinsamen Bürgerschaftsantrag fordern SPD und Grüne den Senat nun auf, sich bei der Bahn AG für neue Signale, mehr Weichen und kürzere Stromabschnitte einzusetzen. Dabei geht es vor allem um drei zentrale Maßnahmen, von denen man sich eine Verbesserung der Situation verspricht. Erstens sollen die Stromspeiseanlage im Hauptbahnhof umgebaut und Wendemöglichkeiten an Dammtor und Sternschanze geschaffen werden. Zweitens sollen „neue Weichentrapeze und Signale“ zwischen Harburg Rathaus und Hammerbrook geschaffen und das Signalsystem optimiert werden. Und drittens sollen Weichen zwischen Rothenburgsort und Bergedorf neu geordnet werden.

Kommentar: Macht endlich die S-Bahn fit!

„Ziel muss es sein, Betriebsstörungen zu vermeiden beziehungsweise die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten“, sagt der SPD-Bürgerschafts­abgeordnete Buschhüter. „Aber auch für den Ausbau des S-Bahn-Netzes und für mehr Fahrten im bestehenden Netz ist eine leistungsfähigere Infrastruktur unerlässlich. Daher darf es nicht zu Verzögerungen kommen, nur weil der Bund für seinen Beitrag immer noch keine Finanzierungszusage gemacht hat.“

Hamburg soll Geld vorstrecken

Der Senat soll daher laut Bürgerschaftsantrag prüfen, ob er die eigentlich vom Bund zu tragenden Kosten zunächst teilweise vorschießt – damit sich die nötige Modernisierung nicht immer weiter hinzieht. „Wir brauchen neue Weichen und Signale, um den Betrieb störungsfreier zu machen und um mehr Züge einsetzen zu können“, so Grünen-Verkehrspolitiker Bill. „Die Planungen hierfür gibt es schon, doch die Finanzierung ist immer noch nicht in trockenen Tüchern. Dies ist zwar Aufgabe des Bundes und der Deutschen Bahn, aber ein Verantwortungs-Hin und Her nützt den genervten Fahrgästen nicht. Deshalb machen wir jetzt Druck und wollen für Planungen einen Anteil vorstrecken, damit es endlich losgeht. Denn wir brauchen eine gut funktionierende S-Bahn.“

Auch Verkehrssenator Frank Horch (parteilos) möchte, dass rasch etwas geschieht. Das Hamburger S-Bahn-System sei zwar ein „Erfolgsmodell“ und die Fahrgastzuwächse seien enorm. Daher müsse die S-Bahn aber „fit gemacht werden für die Zukunft“, so Horch. „Wir brauchen mehr Beförderungskapazität, mehr Stabilität und Pünktlichkeit im Betrieb auf den heutigen Linien, um das Wachstum zu verkraften. Deswegen dringen wir in unseren regelmäßigen Gesprächen mit der Deutschen Bahn AG darauf, dass diese zusammen mit dem Bund in Hamburg mehr Geld in neue Signale, neue Schienen und in die Stromversorgung investiert.“

S-Bahn hat 30 Prozent mehr Fahrgäste als vor zehn Jahren

Hintergrund des Vorstoßes sind zahlreiche Ausfälle wegen technischer Störungen in diesem Jahr, etwa die Sperrung des Citytunnels im Sommer. Zwar sei mehr als die Hälfte der Störungen durch „externe Einflussgrößen“ verursacht, heißt es in dem Bürgerschaftsantrag – also etwa durch Wetterereignisse, das unbefugte Betreten der Gleise oder Rettungseinsätze. Der Rest aber sei zumeist auf „gestörte Infrastruktur- oder Fahrzeugeinrichtungen“ zurückzuführen. Im Jahr 2016 habe es bei der S-Bahn doppelt so viele Verspätungen wie bei der U-Bahn gegeben.

„Über Störungen im S-Bahn-System ärgern wir uns selbst am meisten“, sagt eine Bahnsprecherin. Der Hauptbahnhof sei ein „Nadelöhr“, wenn es hier Probleme gebe, strahle das ins gesamte Netz aus. Zudem habe die S-Bahn heute 30 Prozent mehr Fahrgäste als vor zehn Jahren. Ein S-Bahn-Sprecher sagt, die S-Bahn Hamburg begrüße die im Bürgerschaftsantrag genannten Maßnahmen.

Ende vergangener Woche ist auch die Verkehrsministerkonferenz in Wolfsburg unter dem Vorsitz Hamburgs hart mit der Bahn AG ins Gericht gegangen – auch wegen der vielen wetterbedingten Ausfälle. „Die Länder erwarten vom Infrastrukturbetreiber ein Konzept, das aufzeigt, wie die Infrastruktur vorsorgend widerstandsfähiger gegen klimatische Einflüsse gemacht werden kann“, heißt es in einem Beschluss, der dem Abendblatt vorliegt. „Darüber hinaus erwarten die Länder vom Infrastrukturbetreiber im Sturmfall zügige und differenzierte Reaktionen zur Beseitigung der Schäden und eine bessere und kundenorientiertere Information der Reisenden.“