Othmarschen

Horst Hesse: Erinnerungen an eine Flottbeker Institution

Bäckermeister Horst Hesse empfing die Schulkinder am Tor zu seiner Backstube und verteilte abgeschnittene Ränder vom Butterkuchen

Bäckermeister Horst Hesse empfing die Schulkinder am Tor zu seiner Backstube und verteilte abgeschnittene Ränder vom Butterkuchen

Foto: privat

Bäckermeister Horst Hesse ist tot. Er hat mit seinen Kuchenrinden Generationen von Schulkindern am Jenischpark erfreut.

Hamburg.  Es war zu einer Zeit, in der es noch nicht an jeder Ecke zig Filialen großer Bäckereiketten gab. Es war die Zeit, in der die Brötchen noch Rundstücke hießen und von Bäcker zu Bäcker unterschiedlich und immer handgemacht schmeckten. Es war Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre: Die Bäckerei Hesse in Klein Flottbek, direkt am Jenischpark an der Straße Hochrad gelegen, war eine Institution in den Elbvororten. Die Bäckerei gibt es schon lange nicht mehr – und jetzt ist ihr letzter Betreiber, Bäckermeister Horst Hesse, im Alter von 86 Jahren gestorben.

Die Erinnerungen an diese Zeit werden bei dieser Nachricht schnell wieder wach. Und sie werden bleiben. Denn die Bäckerei Hesse war Teil unserer Kindheit, sie hat uns – ebenso wie viele weitere Generationen von Elbvorortlern – geprägt. Es war dieser einmalige Geschmack der Brötchen, dieses sündhaft gute Aroma des sonntäglichen Weißbrots, das für uns Kinder damals die Bäckerei Hesse so unwiderstehlich und bis heute unvergessen macht.

Sonnabends standen die Männer Schlange

Es war auch das Bild des Sonnabendmorgens, das sich in unsere Köpfe eingebrannt hat. Das Bild, wie vornehmlich Väter den Brötchenholdienst hatten (bestimmt nicht unfreiwillig) und in einer langen Schlange geduldig die Außentreppe bis auf das Kopfsteinpflaster der Straße Hochrad hinunter standen und hofften, noch rechtzeitig aufgestanden zu sein, um die volle Auswahl zu haben. Es gab für uns damals wohl kaum etwas Schlimmeres, als dass die „Dänischen“ ausverkauft waren.

Es waren die persönlichen Erlebnisse, die uns Schulkinder mit dem Bäckermeister Horst Hesse verbanden. Denn wir haben auf unserem Nachhauseweg von der Grundschule Klein Flottbeker Weg sehr, sehr oft an das grau getünchte Holztor rechts neben dem Ladenlokal geklopft, vielmehr getrommelt, mit unseren kleinen Fäusten. Wir haben im Chor aus voller Kehlen mit der ebenso einfachen wie eingängigen kleinen Terz geschmettert: „Sind noch Ku-chen-rin-den da?!“ Und es waren eigentlich fast immer „noch Kuchenrinden da“. Der Bäckermeister, stilecht ganz in Weiß gekleidet und leicht mit Mehl bestäubt, erschien freundlich lächelnd an der Holztür und bat uns in seine Backstube.

Weltbeste Kuchenrinden

Wir bekamen die häufig noch warmen Teigstreifen mit der herrlich schmeckenden Butter und dem großzügig verwendeten Zucker in eine weiße Papiertüte gepackt. Es dauerte nur wenige Minuten unseres weiteren Heimwegs, bis diese Köstlichkeiten den Weg von eben dieser Papiertüte in unsere Münder gefunden hatten.

Zu Hause angekommen; waren wir gut gesättigt und bekamen nicht selten Ärger von unserer Mutter, die mit dem fertigen Essen auf dem Tisch erstens hatte warten müssen und zweitens auf großen Teilen der Mahlzeit sitzen blieb – weil wir einfach keinen Hunger mehr hatten. Aber diesen Ärger haben wir gern in Kauf genommen – für die weltbesten Kuchenrinden vom weltbesten Bäcker Hesse.

Die Geschichte des Familien­betriebs begann im Jahr 1910, als Robert Hesse die alte Klein Flottbeker Bäckerei in dem heute weit mehr als 150 Jahre alten Haus übernahm. Von Generation zu Generation wurden Geschäft und Rezepte weitergereicht. Horst Hesse übernahm 1971 die Geschäftsführung und führte die Bäckerei mit seiner Frau Hannelore und seiner Schwester Gerda. An den Wochenenden kamen Sohn Holger und Tochter Karina zur Verstärkung, die jedoch beide andere berufliche Laufbahnen einschlugen. Und so war Ende 1991 dann endgültig Schluss mit der Bäckerei Hesse.

Zeit der kleinen Ladenlokale

Seinerzeit gab es am Jenischpark noch ein kleines Ladenzentrum, das mittlerweile längst verschwunden ist. Dazu gehörte etwa das aus einem Kolonialwarenhandel erwachsene Feinkostgeschäft Busch und der Friseur „Die Schere“, der nach 35 Jahren 2011 endgütig seine Türen schloss. Einige Hundert Meter weiter westlich lag die Gärtnerei Gruba, etwas weiter östlich das Gasthaus Beese („Am Jenischpark“). All diese Familienbetriebe mussten im Laufe der Jahre schließen. Sie sind aber vielen Menschen noch gut in Erinnerung.

Noch einmal werden nun diese vielen Menschen im Westen Hamburgs diese Bilder im Kopf haben. Sie werden mit Freude, aber vor allem wehmütig an die Zeit der kleinen Ladenlokale denken, die es in dieser Form wohl nie wieder geben wird. Aber die Erinnerung wird bleiben wie die Erinnerung an Horst Hesse. Familie, Freunde, Bekannte und Weggefährten haben am Donnerstag in der Nienstedtener Kirche Abschied von ihm genommen. Anschließend wurde er auf dem Nienstedtener Friedhof beigesetzt.