Sekte

Der Kampf von Hamburgs „Scientology-Jägerin"

| Lesedauer: 7 Minuten
Max Hübner

Vor 25 Jahren nahm Ursula Caberta ihre Arbeit auf. Sie wurde von der Sekte bedroht, verfolgt und angegriffen – nichts hielt sie auf.

Hamburg. Ursula Caberta zieht bedächtig an ihrer Zigarette. Vor ihr auf dem Tisch liegen Zeitungsartikel aus drei Jahrzehnten politischer Arbeit. Mit einem Lächeln betrachtet sie die Bilder, die sie als junge Bürgerschaftsabgeordnete zeigen. „Extremisten müssen nicht immer Bomben legen, um gefährlich zu sein“, sagt sie schließlich. Für dieses Verständnis hat sie ein Leben lang gekämpft.

So war es kein Zufall, dass man Ursula Caberta vor 25 Jahren damit betraute, die von der Innenbehörde neu eingerichtete Arbeitsgruppe Scientology (AGS) zu leiten. Ihre resolute und entschlossene Art schien so recht zu passen, um über Sekten und Psychogruppen aufzuklären, sie zu bekämpfen, indem man unermüdlich vor ihnen warnt, sie juristisch attackiert und möglichst viel über ihre Machenschaften ausfindig macht.

Faschistische Ideologie

Angefangen hatte alles 1988. Hamburger Scientologen wollten in Schleswig-Holstein eine Schule gründen. Caberta saß zu jener Zeit für die SPD in der Bürgerschaft und wurde auf die Sekte aufmerksam. „20 Bürger mit Beschwerden hatten sich schon an unsere Fraktion gewandt“, erinnert sie sich. Caberta lud alle Interessierten und Betroffenen zu einem Gespräch ein: „Ich war überrascht, wie viele kamen. Es waren weit über 100 Leute. Aussteiger, Journalisten, Angehörige und Juristen.“

Caberta stellte in der Bürgerschaft Anträge und Anfragen, las die Werke des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard und pflegte den Kontakt zu Aussteigern und anderen Betroffenen. „Ich kam an internes Kursmaterial der Sekte, und dadurch wurde dann endgültig klar: Das sind nicht irgendwelche Spinner, und das ist auch nichts religiöses, sondern eine politische, faschistische Ideologie.“

Scientology wurde als Gewerbe eingestuft

Bei der Bürgerschaftswahl 1991 wurde Scientology zum Wahlkampfthema, und die SPD erhielt viel Zuspruch für ihre klare Haltung – ein Verdienst Cabertas. Auf ihr Drängen machte der damalige Innensenator Werner Hackmann das Thema zu einer staatlichen Aufgabe und sie zur Chefin der Arbeitsgruppe, für die vier weitere Stellen bewilligt wurden. Fortan wurde Scientology nicht mehr als Problem Einzelner, sondern als Bedrohung für die Sicherheit aller angesehen.

Was die Sekte will

„Das Endziel war immer das Verbot von Scientology“, sagt Caberta. Der erste Schritt sei gewesen, klarzustellen, dass der Artikel vier des Grundgesetzes nicht für die ­Sekte gilt – also Scientology sich nicht auf die Religionsfreiheit beziehen kann. Scientology wurde als Gewerbe eingestuft. „Dadurch konnten wir beispielsweise untersagen, dass sie auf der Straße werben“, erklärt Caberta. Ihr Team klärte auf, führte Prozesse gegen die Organisation und belegte eine enge Verflechtung von Scientologen in die Hamburger Wirtschaft, besonders im Immobiliensektor.

Caberta mit Hitlergruß empfangen

Auch auf Bundesebene machte sich Caberta einen Namen. Sie arbeitete der Innenministerkonferenz zu und konnte belegen, „dass die SO sich gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung richtet“. 1997 stellte der Verfassungsschutz die Sekte unter Beobachtung. „Das war ein weiterer großer Schritt“, erzählt sie, und ihr ist anzumerken, welch ein Kraftakt vor allem die Arbeit in den Institutionen für sie war.

Inzwischen wandten sich Menschen aus ganz Europa an die Hamburger Arbeitsgruppe. „Die Hilfe für Betroffene und Aussteiger wurde immer wichtiger für uns. Die menschlichen Schicksale nehmen einen mit“, sagt Caberta, die das aggressive Vorgehen der Sekte auch am eigenen Leib zu spüren bekam. Hinter den Aktionen gegen sie steckte nach ihrer Überzeugung meist der Scientology-Geheimdienst OSA. „Das Vorgehen ist ja so: Zum einen wollen sie dir Angst einjagen. Ich wurde verfolgt, durchleuchtet und diffamiert. Sie standen vor meiner Tür. Es gab Drohanrufe und so weiter. Zum anderen gehen sie an die Familie, Freunde und Arbeitskollegen, um irgendwas Belastendes herauszufinden. Auch mehrere Anzeigen haben sie gegen mich oder das Team erhoben. Ihr Ziel ist dabei nicht, zu gewinnen, sondern einen mürbe zu machen“, erinnert sich Ursula Caberta.

Sekte nicht mehr unter Kontrolle

Einschüchtern ließ sie sich jedoch nicht: „So etwas funktioniert bei mir nicht und macht mich eher grantig.“ Bei einem Besuch in der Scientology-Hochburg Clearwater (US-Bundesstaat Florida) wurde Caberta allerdings schmerzhaft klar, was es heißt, wenn eine Sekte nicht mehr unter Kontrolle ist. „Ich wurde am Flughafen von Scientologen empfangen. Sie zeigten den Hitlergruß und beleidigten mich“, erinnert sie sich: „In der Stadt konnte ich mein Hotelzimmer nicht verlassen. Sie waren überall.“

Caberta traf sich in den USA mit Aussteigern und anderen Gegnern der Sekte. Am zweiten Tag ihres Besuchs wurde sie von Scientology-Anwälten vorgeladen und sieben Stunden vernommen. „Sie haben mich alles gefragt: ob ich Hitlers ,Mein Kampf‘ gelesen hätte, aber auch über mein Sexualleben. Es war absurd“, sagt sie. Schließlich schaltete sich das deutsche Konsulat ein. Sie rieten Caberta, sofort abzureisen. „Sie haben am nächsten Tag einen Flug organisiert. Als ich im Flieger saß, fiel die ganze Anspannung von mir. Für mich war klar, dass Scientology in Deutschland niemals eine solche Macht bekommen darf“, erzählt Caberta, die seither von Reisen in die USA absieht.

Neue Strategien, um Mitglieder zu werben

Trotz ihrer Erfolge wurde die Arbeitsgruppe 2010 von Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU) aufgelöst. Laut internen Berechnungen sparte die Behörde pro Jahr 140.000 Euro. Was den damaligen SPD-Sicherheitsexperten Andreas Dressel zu der Bemerkung veranlasste: „Was Scientology nicht geschafft hat – Ursula Caberta kleinzukriegen –, das macht nun der Senat.“ Die anderen Bundesländer hatten sich übrigens nicht bereitgefunden, sich an der Finanzierung zu beteiligen. Die Hamburger Erkenntnisse nutzen sie trotzdem gern. Bis 2013 blieb Caberta in der Innenbehörde, dann quittierte sie endgültig den Dienst.

Heute lebt sie in einem Dorf bei Winsen. Noch immer ist sie in dem Thema aktiv. Sie hat Kontakt mit Aussteigern und Gegnern in der ganzen Welt, aber sie genießt auch die Ruhe. „Wenn hier ein Scientologe kommt, dann weiß das gleich das ganze Dorf“, sagt Caberta, die inzwischen als Kreistagsabgeordnete ehrenamtlich tätig ist.

Sekte ändert ihre Strategien

Scientology hat es inzwischen deutlich schwerer, in Deutschland und Europa neue Mitglieder zu rekrutieren. Der Verfassungsschutz, gegen dessen Beobachtung die Organisation mehrfach vergeblich klagte, schätzt die Zahl der Anhänger in Deutschland nur noch auf 3000 bis 3500, in Hamburg auf etwa 350.

Aber die Sekte ändert ihre Strategien. So betrieb sie amtlichen Angaben zufolge in Hamburg und im Umland Infostände und gerierte sich als Suchthilfe-Organisation. Und sie nutzt Twitter, um für ihre berüchtigten Persönlichkeitstests zu werben. Deren Ergebnis bekommt ein Teilnehmer aber nur, wenn er selbst bei Scientology erscheint.

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