Ballindamm

Tödlicher Unfall mit Barkeeper: Taxifahrer bangt um Existenz

Hier, an der Kreuzung Ballindamm/Glockengießerwall, ereignete sich der Unfall. Taxifahrer Mehmet Yilmaz hofft, dass der Täter hart bestraft wird

Hier, an der Kreuzung Ballindamm/Glockengießerwall, ereignete sich der Unfall. Taxifahrer Mehmet Yilmaz hofft, dass der Täter hart bestraft wird

Foto: Roland Magunia

Autodieb fuhr Barkeeper tot und verletzte zwei Menschen. Mehmet Yilmaz geht noch immer an Gehhilfen und lebt von Hartz IV.

Hamburg.  Mühsam stemmt sich Mehmet Yilmaz (57) auf Gehhilfen die Stufen hoch in die Bar Ciu am Ballindamm. Am Tresen bestellt er einen Espresso. Als er seinen Namen nennt, holen die Kellner den Chef. „Wir haben viel über dich geredet“, sagt Phil Blankenburg, einer der vier Inhaber. „Glaub mir“, antwortet Yilmaz, „ich hätte deine beiden Kollegen so gern sicher nach Hause gebracht.“ Blankenburg schüttelt den Kopf: „Mehmet, wir wissen, dass dich die geringste Schuld trifft.“ Dann deutet er auf ein Bild an der Wand der Bar: „Das hat John für uns gemalt. Es wird uns immer an ihn erinnern.“

Es waren fünf, vielleicht sieben Sekunden, in denen Taxifahrer Mehmet Yilmaz an jenem frühen Morgen des 4. Mai mit zwei jungen Barkeepern des Ciu eine Schicksalsgemeinschaft bildete. Um 4.15 Uhr hatte er John B. und dessen Kollegen nach ihrer Nachtschicht abgeholt, um sie nach Winterhude zu chauffieren. Ein paar Augenblicke später bohrte sich an der Kreuzung Glockengießerwall ein anderes Taxi in den Mercedes Vito. Gesteuert von Ricardas D. (24), der das Auto kurz zuvor entwendet hatte und nun auf der Flucht vor der Polizei durch die Innenstadt raste. Rettungskräfte flexten die völlig zerstörten Taxis auf, für John B. kam jede Hilfe zu spät, sein Kollege (25), Taxifahrer Yilmaz und der Täter aus Litauen überlebten schwer verletzt.

„Ich hatte einen Totalschaden“, sagt Yilmaz knapp fünf Monate später. Er deutet auf sein linkes Auge: „Hier musste ich wegen eines Augenhöhlenbruchs operiert werden.“ Der Finger wandert den Körper herunter, zum rechten Arm, fixiert nach mehreren Brüchen mit einer Titanplatte, bis herunter zum ebenfalls gebrochenen linken Fuß. Dazwischen: Lendenwirbel (angebrochen), Becken (gebrochen), Rippen (fünf gebrochen), Knie (Kreuzband-, Meniskus- und Innenbandriss). Zwei Tage künstliches Koma, fünf Operationen. Yilmaz trägt beim Abendblatt-Termin T-Shirt und Sporthose, er hat soeben wie jeden Tag seine dreistündige Behandlung im Rehazentrum der Berufsgenossenschaft absolviert.

An den Moment des Aufpralls hat Yilmaz keine Erinnerung

In Sachen Gesundheit, sagt Yilmaz, habe er das Gröbste überstanden: „Die Ärzte sagen, dass ich in ein paar Wochen auch mein kaputtes Knie wieder belasten kann.“ Sein Sehvermögen hat nicht gelitten, die Operation an der Augenhöhle verlief ohne Komplikationen. Längst geht es bei den Gesprächen mit dem Psychologen im Therapiezentrum nicht mehr um den Unfall selbst. An den Moment des Aufpralls hat Yilmaz ohnehin keine Erinnerung mehr: „Nur manchmal sehe ich ein Bild vor mir, wie ein helles Auto in meine Fahrertür rast.“

Weitaus belastender ist für den geborenen Türken, der im Alter von neun Jahren mit seiner Familie nach Deutschland kam, der Gedanke an seine Existenz: „Für meine Frau und für meine Kinder steht alles auf dem Spiel, sogar unser Haus.“ Yilmaz arbeitet als Kleinunternehmer, bis zum Unfall fuhr ein Angestellter die Tagschicht, er die Nachtschicht. Sieben Nächte pro Woche, insgesamt 70 Stunden. 5000 Euro verdiente er im Monat, die siebenköpfige Familie – der jüngste Sohn ist zehn Jahre alt – kam gut zurecht.

Die monatliche Sozialhilfe reicht nicht

Jetzt zahlt seine Krankentagegeldversicherung 51,11 Euro pro Tag also rund 1500 Euro im Monat. Yilmaz, der noch nie einen Cent Sozialhilfe beansprucht hat, musste Hartz IV beantragen. Doch die insgesamt 2500 Euro im Monat reichen nicht, allein der Kredit für das 2003 gebaute Eigenheim verschlingt mehr als 1500 Euro.

Der Familienvater erleidet ein typische Opferschicksal. Yilmaz muss nicht nur um seine Genesung, sondern auch um seine Existenz kämpfen. Sein Pro­blem: Der Mann, der ihn fast zum Krüppel fuhr, hatte das Taxi gestohlen. Dies macht die Frage, wer für Verdienstausfall und Schmerzensgeld aufkommt, kompliziert, denn nicht der versicherte Halter oder ein rechtmäßiger Nutzer haben den Unfall verschuldet. Haften müsste im Prinzip zunächst der Dieb. Doch solche Täter sind zumeist mittellos. Auch der Litauer, der in Untersuchungshaft sitzt, dürfte kaum über eine nennenswerte Barschaft verfügen.

Im ersten Schritt hat die Versicherung des gestohlenen Taxis 5000 Euro überwiesen und angekündigt, den Fall weiterzuprüfen. Yilmaz hat einen Anwalt eingeschaltet, auch die Opferschutzorganisation Weißer Ring kümmert sich. Wann und in welcher Höhe die Assekuranz nun Schmerzensgeld und Verdienstausfall übernehmen wird, hängt auch davon ab, wie leicht dem Täter der Diebstahl gemacht wurde. Diese Klärung kann sich noch hinziehen.

Im Januar will Yilmaz wieder Taxi fahren

Doch Yilmaz rennt die Zeit davon. Die beiden Banken, die sein Haus finanzieren, haben aus Kulanzgründen die Tilgung zwar zunächst ausgesetzt, die Familie muss derzeit nur die Zinsen zahlen. Aber auch diese Regelung wird bald auslaufen.

Umso dankbarer ist Yilmaz für Spenden der bundesweiten Taxistiftung (15.000 Euro) sowie der Tätigen Hilfe Taxi Hamburg (2000 Euro), beide Organisationen helfen in Not geratenen Taxifahrern. Zudem sammelten Kollegen rund 500 Euro. „Ohne diese Spenden wäre unsere wirtschaftliche Lage fast aussichtslos“, sagt Yilmaz.

Von Januar an will Yilmaz wieder Taxi fahren. Psychologisch sei das kein Problem. „Ich mache diesen Job leidenschaftlich gern“, sagt er. Für den Dienst als Chauffeur ließ er sogar eine akademische Karriere sausen. Yilmaz hat Maschinenbau studiert, Taxi fuhr er nur im Nebenjob. Als nach dem Abschluss auf Hunderte Bewerbungen nur Absagen kamen, meldete er sein Taxigewerbe an: „Bereut habe ich es nie.“

Yilmaz hat seinen Lebensmut nicht verloren

Das sagt er sogar selbst jetzt noch, obwohl er allen Grund hätte, am deutschen Rechtsstaat zu verzweifeln, der ihn nun auch wirtschaftlich abstraft. Aber Yilmaz hat seinen Optimismus, seinen Lebensmut nicht verloren, das Wichtigste sei doch, dass er überlebt habe. „Mit Allahs Hilfe wird sich alles lösen“, sagt der gläubige Moslem. Und zu seiner großen Freude macht sein zweiter Taxigast aus dem Ciu, der in Lebensgefahr schwebte, in der Reha ebenfalls große Fortschritte.

Die beiden Opfer werden Ricardas D. in Kürze im Gerichtssaal wiedersehen, er muss sich wegen Mordes verantworten. Mit seiner Fahrweise habe er laut Staatsanwaltschaft den Tod von Unbeteiligten in Kauf genommen. „Ich hoffe, dass er mindestens zehn Jahre ins Gefängnis muss“, sagt Yilmaz. Dann hinterlässt er noch seine Telefonnummer im Ciu: „Bitte gebt sie Johns Mutter, ich würde mich so gern mit ihr treffen, um über alles zu reden.“