Sternschanze

Schanzenfest – zwar illegal, aber friedlich

Flohmarktstände und Kinderwagen dominieren am Sonnabend das Bild in der Schanzenstraße

Flohmarktstände und Kinderwagen dominieren am Sonnabend das Bild in der Schanzenstraße

Foto: © Michael Arning

Neustart zwei Monate nach den G20-Krawallen. Tourist: "Dieser Stadtteil ist eine eigenartige, aber lustige Familie."

Hamburg.  Auf ihrer illegalen Party machen sie es sich erst einmal hübsch. Frauen wuchten Kartons mit Kinderklamotten auf Tapeziertische, türkische Gastronomen schmeißen den Grill an, Linksextreme legen Flyer aus. Die Sonne wärmt. Endlich wieder Schanzenfest, so sehen sie das hier. Ein Neustart, zwei Monate nach dem ihr Viertel zum G20-Gipfel brannte. Auch wenn das nicht so einfach ist.

Schon Tage vor dem Fest hatte die Debatte wieder getobt. Sind erneut Krawalle im Schanzenviertel zu befürchten? Darf der Staat das noch hinnehmen, ein illegales, unangemeldetes Fest? Die CDU hatte gefordert, das Schanzenfest müsse „unterbunden“ werden, nach allem, was passiert ist.

Das Herz schlägt links

Wer aber am Sonnabend das Fest besuchte und die Schanzenbewohner sah, stellte sich eine ganz andere Frage: Ist überhaupt etwas passiert?

Gegen 13 Uhr am Sonnabend quillt die Susannenstraße über, Studentinnen mit langen Mänteln und großen Brillen, Kleinfamilien mit Kinderwagen, ein junger Mann mit Seitenscheitel macht ein Selfie und schickt es direkt auf die Jagd nach „Likes“ in soziale Medien.

Das offizielle Motto des Straßenfestes lautet in diesem Jahr „Freiheit für alle G20-Gefangenen“ – an einigen Ständen hängen Transparente mit Parolen. „Es ist schon ‘ne Sauerei, wie da jetzt von der Polizei Sündenböcke gesucht werden“, sagt ein Getränkeverkäufer, der auch ein kleines Banner aufgehängt hat. „Aber Politik ist mir eigentlich nicht so wichtig, mir geht es eher um das Zusammenleben hier.“ Und im Viertel schlägt das Herz eben in der Mehrheit links.

Markenklamotten neben linker Ideologie im Angebot

Einige professionelle Händler machen gute Geschäfte ohne Standgebühren, die meisten Buden werden von Anwohnern betrieben, die auch die schweren Krawalle miterlebt haben. Ob sie für den Abend nach dem Straßenfest wieder Ausschreitungen befürchten? „Es ist ja zum Glück nichts angekündigt“, sagt eine Nachbarin an einem Stand mit Kindermode, sie guckt dabei kurz nach oben, als würde sie über das Wetter reden. „Ich glaube, es war ja auch schlimm genug, was dieses Jahr alles schon los war. Es reicht einfach“. Dann vertieft sie sich wieder in das Gespräch mit einer Kundin, die piepsend ein „sooo süßes“ Mädchenkleid vom Tapeziertisch greift.

Dabei hat nur wenige Meter neben ihr der „Rote Aufbau Hamburg“ seinen Stand, eine antiimperialistische Gruppe. Vor dem G20-Gipfel hat die Polizei mehrere ihrer Quartiere durchsucht. Sie sollen noch deutlich stärker und aggressiver um linksextreme G20-Gegner aus dem In- und Ausland geworben haben als die Rote Flora – und auch gezielt Attacken auf Polizisten befürworten. Am Sonnabend hocken fünf junge Männer in dem Stand, sie sitzen auf Bierkisten und rauchen Kette – in den Prospekten, die sie verteilen wollen, werden zwar „willkürlich abgefackelte Autos“ abgelehnt, aber die Plünderung von Supermärkten wie im Schanzenviertel als „nachvollziehbar“ betitelt.

Die Passanten schenken den Linksextremen im Vorbeigehen aber höchstens ein scheues Lächeln. Weder finden die Männer einen Abnehmer für ihre Propaganda, noch stellt sie hier irgendjemand zur Rede.

Devotionalien vom G20-Gipfel

Auch die Rote Flora steht am Sonnabend nur stumm in der Sonne. Man wäre ja schön blöd, sich jetzt noch offensiv an Aktionen zu beteiligen, heißt es aus dem Umfeld der Autonomen. Die Politik warte doch nur auf „neue Munition, um alles wieder auf die bösen Linken zu schieben“. Die Sorge in der Szene war vor dem Fest, dass „erlebnisorientierte“ Krawalltouristen erneut in der Schanze einfallen könnten.

Am frühen Abend sammelt sich auf dem Schulterblatt aber nur das übliche Partyvolk, in der Susannenstraße florieren weiter die Geschäfte. An einem kleinen Stehtisch bietet eine Gruppe Eistee, Kuchen und Sekt feil – dazu werden kleine Kacheln verkauft, auf denen sie militante Sprüche und einen vermummten Steinewerfer mit dem Schriftzug „Smash G20“ gedruckt haben. Während einige im Viertel versuchen, diesen Sommer bloß zu vergessen, verbauen andere die Krawalle schon in den eigenen Mythos.

Eine lustige Familie

Die Polizei lässt einige Mannschaftswagen in die Nähe der Schanze verlegen, als die Dunkelheit hereinbricht. Aber die Beamten halten Abstand. Auf der Susannenstraße sägen Linke auf ihren Gitarren, fordern Freiheit für die Gefangenen, die Familien sind längst zu Hause und die Essbuden abgebaut. Am Stand des „Roten Aufbaus“ wird viel gelacht. Gegen 23 Uhr endet das Fest. „Still ruht der See, es ist alles friedlich“, sagt ein Polizist aus dem Lagedienst, er ist erleichtert.

In mehreren Seitenstraßen gibt es noch spontane Partys mit Elektromusik, aber die Musik ist nur so laut, dass die Kinder im Viertel nicht aufwachen. „Es ist wunderbar“, sagt ein spanischer Tourist. „Dieser Stadtteil ist eine ganz eigenartige, aber lustige Familie.“