Elbphilharmonie

Applaus und eine Rose für die kurdische Musikerin Aynur

Die Ethnomusikerin Aynur ist Vorbild für viele kurdische Mädchen

Die Ethnomusikerin Aynur ist Vorbild für viele kurdische Mädchen

Foto: Claudia Höhne

Die Sängerin hat in der Elbphilharmonie viele traditionelle Songs im Programm. Zuschauer sind überwältigt von ihrer stimmlichen Kraft.

Hamburg.  Am Ende gibt es eine rote Rose für Aynur Dogan. Ein kleiner Junge läuft über die Bühne der Elbphilharmonie und überreicht der kurdischen Sängerin die Blume. Aynur wird mit Beifall überschüttet. Nicht nur ihre zahlreichen kurdischen Landsleute im Publikum, auch viele der deutschen Zuhörer sind überwältigt von der stimmlichen Kraft und der Empathie, die Aynur in die Lieder legt. Im Programm hat sie viele traditionelle kurdische Songs, die seit Generationen von den Aleviten in Anatolien gesungen werden. Wie zum Beispiel „Malan Bar Kir“, ein Lied von einer jungen Braut und ihrem Bräutigam, die vor den Türken aus ihrer Heimat fliehen müssen. Die meisten Stücke sind Klagelieder, nicht unähnlich dem amerikanischen Blues oder dem portugiesischen Fado.

„Dersim“ zum Beispiel. Dersim ist der Name der Provinz, in der Aynur geboren wurde. Die Türken haben das Wort verboten und nennen diese Provinz jetzt Tunceli. Cemil Qocgiri, der Lautenspieler in Aynurs fünfköpfigem Ensemble, erklärt dem Publikum die Bedeutung des Liedes. „Seit 1400 Jahren versuchen sie uns zu vertreiben. Sie setzen unsere Wälder in Brand, wie gerade wieder geschehen, sodass wir unsere Dörfer verlassen müssen. Aber ein Feuer genügt nicht, um uns zu vertreiben“, sagt er. „Sie“, das sind die Türken in diesem seit Jahrhunderten tobenden Konflikt, der unter Präsident Erdogan wieder an Schärfe zugenommen hat. Einige der Lieder tragen Titel wie „Täubchen“ oder „Feigenbaum“, denn die naturverbundenen Kurden benutzen Tiere und Pflanzen als Sinnbilder für Gefühle, die sie ausdrücken wollen.

Manche Besucher verlassen vorzeitig den Saal

Mit gefälligem folkloristischen Mainstream und erst mit Wohlfühlmusik haben diese bis zu zehn Minuten dauernden Stücke nichts zu tun. Aynur und ihre Band machen aus den simplen Folksongs komplexe und polyrhythmische Kompositionen, ähnlich den Stücken, wie sie im zeitgenössischen Jazz gang und gäbe sind. Zu anspruchsvoll für eine Reihe von Zuschauern, die womöglich nicht wegen Aynur, sondern wegen des Erlebnisses Elbphilharmonie gekommen sind. Manche verlassen den Saal vorzeitig und leider störend.

Am Ende des Abends singt Aynur, begleitet von begeistertem Mitklatschen, das Lied, das sie bekannt gemacht hat. In „Keçe Kurdan“ („Die jungen Mädchen“) geht es um das Selbstbestimmungsrecht der jungen Mädchen und Frauen. Für sie ist die emanzipierte
Aynur ein Vorbild. Die Türkei sieht in der seit drei Jahren in Europa lebenden Ethnomusikerin offenbar eine Gefahr. Im Jahr 2005 wurde „Keçe Kurdan“ ver­boten, weil das Lied Frauen dazu ermutige, in die Berge zu gehen und sich den kurdischen Separatisten anzuschließen. Das Urteil ist zwar wieder aufgehoben worden, seine aktuelle Sprengkraft hat es jedoch nicht verloren.