Winterhude

Wie ein vierfacher Vater zum „Helden von Barmbek" wurde

Die Helden von Barmbek erzählen, wie sie den Attentäter stellten

Video: Abendblatt.tv
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Sieben Männer, die den Barmbeker Messerstecher stoppten, erhalten den Ian-Karan-Preis für Zivilcourage

Winterhude.  „Solche Menschen ziehen unsere Religion in den Dreck“, sagt Ömer Ünlü. „Zum Glück waren einige Muslime unter denen, die den Attentäter schließlich gestoppt haben.“ Mehrere junge Männer stoppten am vergangenen Freitag, bewaffnet mit Stühlen, Stangen und Steinen, den Messerstecher Ahmad A., der in einem Edeka-Supermarkt an der Fuhlsbüttler Straße in Barmbek-Nord einen Kunden getötet und dann mehrere Menschen zum Teil schwer verletzt hatte. Gestern wurden sieben „Helden von Barmbek“ dafür mit dem Ian-Karan-Preis für Zivilcourage ausgezeichnet.

Ömer Ünlü ist mit seiner ganzen Familie zu dem kleinen Festakt im Polizeipräsidium in Winterhude erschienen. Seine Mutter ist dabei, seine Frau Yasemin und die vier Kinder – die jüngsten sind Zwillinge (Junge und Mädchen) und erst sechs Monate alt.

Mit anderen trieb Ömer den Messerstecher in die Enge

„Wir saßen im Auto, und da war plötzlich dieser Mann mit dem blutverschmierten langen Messer“, erzählt Yasemin. Sie sahen, wie der Attentäter eine Radfahrerin mit dem Messer am Hals verletzte. Dann ist Ömer Ünlü sofort ausgestiegen, ein groß gewachsener junger Mann, der nur einen Gedanken hatte: „Wir müssen ihn stoppen.“

Mit anderen zusammen trieb Ömer den Messerstecher in die Enge. Haben sie sich abgesprochen? „Nein, wir waren plötzlich eine Einheit, das funktionierte automatisch und völlig ohne Worte.“ Als der Attentäter von einem Stein am Hals getroffen wurde, sei er wie ein „gefällter Baum“ umgekippt. „Das war nicht ungefährlich, aber ich bin froh, dass ich dabei gewesen bin“, sagt Ömer Ünlü.

Eine Botschaft an alle

Das Eingreifen so vieler mutigen Männer sei auch eine Botschaft an alle, dass man etwas tun kann, wenn man zusammenhält. Wie hat er die dramatischen Ereignisse verarbeitet? „Gut, wir reden da zu Hause gar nicht viel drüber. Und ich bin psychisch stabil.“

Das gilt offensichtlich für alle sieben Männer, die sich selbst auch gar nicht so sehr als Helden sehen. „Natürlich habe ich Angst gehabt“, sagt Sönke Weber. Der 28 Jahre alte Friseur sagt, er habe aber gar nicht lange überlegt, ob er helfen soll.

Genau wie Toufiq Arab: „Ich habe auch nicht lange nachgedacht, ob ich eingreife oder nicht“, sagt der 21 Jahre alte Auszubildende bei Edeka, der vor fünf Jahren alleine aus Afghanistan nach Hamburg kam. Er freut sich sehr über den Preis. „Nur den ganzen Medienrummel finde ich etwas komisch.“

„Die Männer haben Außergewöhnliches geleistet“

Saifallah Chourobi sagt: „Wir wollten nur Menschen retten. Wir mussten nicht überlegen, ob wir eingreifen oder nicht. Ich würde immer wieder so handeln.“ Er sei stolz darauf, den Leuten in Hamburg zu zeigen, „dass ich als Muslim so gehandelt habe. Denn es ist unsere Pflicht, Menschen zu retten“. Es sei eine Schande für sie, dass ein Moslem das getan hat. „Das hat uns in Rage gebracht.“ Ja, es hätte viel schlimmer ausgehen können. „Gut, dass keine weiteren Menschen verletzt wurden.“ Angst habe er aber nicht gehabt. „Ich war voller Adrenalin.“

Polizeipräsident Ralf Martin Meyer sagt, die Männer hätten Außergewöhnliches geleistet. „Ohne ihr Zutun hätte es noch mehr Verletzte, Schwerverletzte oder auch Tote gegeben.“ Ob er solche Reaktion empfehlen könne? „Man kann das gar nicht empfehlen, das ist eine Entscheidung die jeder für sich selbst treffen muss. Und ich glaube, wenn sie nicht als Gruppe agiert hätten, dann wäre es tatsächlich höchst gefährlich für jeden Einzelnen geworden. Sie haben sich auch gegenseitig in dieser Situation gestützt.“

Urkunde kommt in den Wohnzimmerschrank

Werner Jantosch, Vorsitzender des Polizeivereins Hamburg, freut sich auch deshalb, den mit insgesamt 3500 Euro dotierten Preis an die „Barmbeker Jungs“ vergeben zu können, weil die Zivilcourage in diesen Zeiten nicht gerade das „durchdringendste Merkmal“ in dieser Gesellschaft sei. Jantosch erinnert an den G20-Gipfel, als viele Gaffer die Straßen in Hamburg zugestellt hätten anstatt Helfer durchzulassen. „Auch deshalb ist Ihr Verhalten so ungewöhnlich, so einmalig und so beispiellos“, sagt Jantosch und überreicht den Preisträgern dann jeweils eine Urkunde und eine große Plakette.

„Die kommt bei mir zu Hause in den Wohnzimmerschrank“, sagt Ömer Ünlü, der in Hamburg geboren wurde. „Ich bin ein echter Barmbeker Jung.“ Seine Frau Yasemin ist richtig stolz auf ihren Mann. „Einen besseren Beschützer gibt es nicht.“ Seine Mutter erzählt, dass sie 1973 aus Adana im Süden der Türkei nach Hamburg gekommen ist. Sie wünscht sich, dass der Täter ein Leben lang im Gefängnis bleibt.

Dessen Familie bittet „Deutschland und die Opfer nun um Verzeihung“. Was auch mit Ahmad geschehen ist, „ es entschuldigt die Tat nicht“, zitiert „Die Zeit“ einen Onkel des Messerstechers. Ömers Ünlüs Mutter sagt: „Allah hat meinen Sohn beschützt.“