Expansion

Neue Kioske für Hamburgs U-Bahn-Stationen

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Steffen Preißler
Filialleiterin Angelique Anders mit Franzbrötchen: Der U-Store
vom Handelskonzern Valora im U-Bahnhof
Lattenkamp gilt als Vorzeigegeschäft des Unternehmens

Filialleiterin Angelique Anders mit Franzbrötchen: Der U-Store vom Handelskonzern Valora im U-Bahnhof Lattenkamp gilt als Vorzeigegeschäft des Unternehmens

Foto: Andreas Laible / HA

Handelskonzern Valora will in der Hansestadt expandieren. Leih-Akkus für Smartphones und sogar eine eigene Getränkemarke im Angebot.

Hamburg.  Der erste Ansturm legt sich gerade. Vier Stunden nach der Öffnung um sechs Uhr morgens wird es etwas ruhiger im U-Store am Bahnhof Lattenkamp. Kioskleiterin Angelique Anders kann ein wenig durchatmen und sich mit ihren Kollegen um Nachschub in den Regalen kümmern. „Wir wollen immer mehr Produkte frisch zubereiten oder zumindest veredeln“, sagt Anders. Der Orangensaft wird frisch gepresst, und auch die Smoothies werden selbst zubereitet. Auf 50 Quadratmetern Verkaufsfläche sollen möglichst viele frische Produkte angeboten werden, die der Kunde woanders so nicht findet.

Noch ist der U-Store am Lattenkamp ein Vorzeigeobjekt. Zusammen mit der Hochbahn, die eine 50-prozentige Beteiligung an den U-Stores hält, möchte Peter Obeldobel möglichst alle seine Kioske an den Hamburger U-Bahnhöfen umgestalten und ausbauen. „Das Konzept vom Lattenkamp werden wir jetzt nach der Erprobung in allen U-Stores ausrollen“, sagt der Geschäftsführer der Valora Holding Germany GmbH.

1000 Verkaufsstellen

Das Hamburger Unternehmen betreibt unter verschiedenen Marken mit rund 1000 Verkaufsstellen das bundesweit größte Kiosk-Netzwerk. „In Hamburg haben wir 90 Verkaufsstellen – von der Bahnhofsbuchhandlung in der Wandelhalle über die U-Stores und die Ditsch-Filialen für Brezel und Pizza bis zu Kiosken in den Kassenzonen der Supermärkte“, sagt Obeldobel. „Wir sind auf Expansionskurs.“ 600 Beschäftigte arbeiten in Hamburg für Valora. Neue Mitarbeiter werden gesucht.

Bis zu zehn neue Hochbahn-Standorte möchte der Deutschland-Chef allein in Hamburg eröffnen. Derzeit gibt es 19. In der Hansestadt heißen die Verkaufsstellen U-Store, ansonsten firmieren sie unter dem Namen Avec.

Hamburg dient als Testlabor

Erst 26 solcher Verkaufsstellen wie am Bahnhof Lattenkamp gibt es in ganz Deutschland – und Hamburg dient als Testlabor für neue Produkte und Verkaufskonzepte. „Was wir in Hamburg machen, kann ich mir sehr gut auch bundesweit vorstellen“, sagt Obeldobel im Gespräch mit dem Abendblatt, der vorher Vorstandsvorsitzender von Christ war und bei WMF den Geschäftsbereich Filialen verantwortete.

Mit Avec und U-Store will er bis zum Jahr 2020 ein wichtiger Spieler im Bereich regionale Verkehrsbetriebe und Busbahnhöfe werden. Insgesamt 60 neue Verkaufsstellen (U-Store/Avec) bundesweit sind bis zum Jahr 2020 geplant. Die Hälfte soll von Franchisenehmern betrieben werden. Mit immer neuen Produkten will Obeldobel vom Trend zum schnellen Snack für unterwegs profitieren.

Wachsende Konkurrenz

Angesichts wachsender Konkurrenz an fast jeder Ecke reichen Kaffee, belegte Brötchen und Zigaretten längst nicht mehr aus. Deshalb sind Obeldobel frische Produkte wie das neu eingeführte Brot mit Wurst oder veganem Belag sowie die Joghurts mit Müsli- und Nussmischungen wichtig. „Wir wollen für Pendler und Reisende Genuss zum Mitnehmen bieten“, sagt Obeldobel.

Sie sollen sich ein komplettes Abendbrot in den Verkaufsstellen zusammenstellen können und das auch noch zu später Stunde. Bis 23 Uhr hat der U-Store am Lattenkamp mindestens geöffnet. „Vor allem befinden wir uns dort, wo die Menschen auf ihrem Arbeits- oder Heimweg ohnehin sind“, sagt Obeldobel. Bundesweit betreut der 49 Jahre alte Manager 40 Prozent aller Verkaufsstellen des Schweizer Konzerns Valora, der mit europaweit insgesamt 2500 Verkaufsstellen und 1,6 Millionen täglichen Kundenkontakten Marktführer im kleinflächigen Handel ist.

Begriff Kiosk eher negativ besetzt

Obwohl der Begriff Kiosk in der Schweiz eine etablierte Marke ist, vermeidet Obeldobel ihn. Denn in Deutschland sei Kiosk eher negativ besetzt, sagt er. Die einzelnen Verkaufsketten tragen daher andere Namen oder werden noch umbenannt. In Deutschland heißen die Valora-Verkaufsstellen Press & Books (P&B) Cigo, Avec und ServiceStore der Deutschen Bahn.

Auch im Bahnhofs- und Flughafenbuchhandel mit rund 160 Verkaufsstellen bundesweit will Valora seine Marktführerschaft ausbauen. Gerade wurde ein Konkurrent in Düsseldorf übernommen. „Wir bieten bundesweit das größte Presse- und Buchsortiment an“, sagt Obeldobel. In der Wandelhandel im Hauptbahnhof werden allein 18.000 Buchtitel verkauft. „Online kann aus einer Million Buchtiteln bestellt werden“, sagt Obeldobel. „Das Buch kann dann in den P&B-Shops abgeholt werden.“

Einer der wichtigsten Verkaufsorte

Überraschend: 40 Prozent der Shopkunden fahren gar nicht mit dem Zug. „Das zeigt die Anziehungskraft unseres Sortiments“, sagt Obeldobel Am Hamburger Flughafen wurde gerade ein P&B-Shop umgestaltet. Auch Dienstleistungen gehören zum Bahnhofsbuchhandel: Brief- und Paketauf­gabe, Lottoannahme sowie Tickets für verschiedenste Veranstaltungen.

Bahnhöfe sind für Valora einer der wichtigsten Verkaufsorte. Denn das Unternehmen betreibt auch die ge­meinsam mit der Deutschen Bahn entwickelten ServiceStores, unter anderem an der S-Bahn-Station Jungfernstieg. Zu den bundesweit 114 Standorten sollen in den kommenden drei Jahren 25 weitere hinzukommen. Erfolgreiche Produkte aus den Avec-Shops sollen hier in­tegriert werden.

Eigene Marke

Um Kundenbindung und Bekanntheit zu steigern, setzt Valora zudem auf eine eigene Marke: „ok.-“. Bei Heimspielen des FC St. Pauli soll die Eigenmarke durch Bandenwerbung bekannter gemacht werden. „Sie ist auch eine preisgünstige Alternative zu Markenprodukten“, sagt Obeldobel. Das Label prangt auf Bier, Wasser, Cola, Energydrinks. Zuletzt kamen zwei neue Eiskaffeesorten hinzu. Und im August wird es einen „ok.-“-Müsliriegel geben. „Die Marke gibt es nur in unseren Verkaufsstellen.“

Die rund 600 Cigo-Filialen, die zum Teil noch „k kiosk“ heißen, sind in den Vorkassenbereichen der Supermärkte oder in Einkaufszentren zu finden. Hier kann man vor allem Tabakerzeugnisse, Presseartikel und Getränke kaufen. Obeldobel setzt darauf, dass eines Tages die Zigaretten direkt über den Warenbändern der Supermarktkassen verschwinden. Denn viele Kunden in der Warteschlange würden sich an den gesetzlich vorgeschriebenen ekligen Bildern auf den Verpackungen stoßen. Davon könnten dann die Cigo-Filialen im Vorkassenbereich profitieren.

E-Zigarette bietet große Wachstumschancen

Doch selbst wenn ihm das Zigaretten­geschäft der Konkurrenten nicht komplett zufallen würde, sieht er durch die E-Zigaretten und die dazugehörigen Liquids große Wachstumsmöglichkeiten. Die Liquids sind die Flüssigkeiten, die in der E-Zigarette verdampft werden. Obeldobel rechnet damit, dass jeder zweite Raucher mittelfristig die E-Zigarette nutzen wird. Das Sortiment dazu umfasst 1500 Artikel. „Manche beginnen mit nikotinhaltigen Tabakgeschmacksrichtungen und dampfen später nur noch mit nikotinfreiem Apfelkuchen- oder Brombeergeschmack“, sagt Obeldobel. „Wir rollen dieses Sortiment in den Filialen gerade aus.“

In den Entwicklungslaboren in der Schweiz wird daran getüftelt, mit welchen Dienstleistungen das Kioskgeschäft erweitert werden kann. Dort können die Kunden zum Beispiel solargeladene Akkus ausleihen, um unterwegs ihr Smartphone aufzuladen. Der Akku kann an jedem Kiosk wieder abgegeben werden. Weitere Konzepte bis hin zu Kleinkrediten sind denkbar. Valora hat noch eine ganze Menge vor – und Hamburg wird dabei weiter das bundesweite Testlabor bleiben.

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