Hamburg

Greenpeace kämpft in Schlauchbooten gegen Kohle

| Lesedauer: 5 Minuten
Peter Wenig
Beginn der Greenpeace-Aktion auf der Elbe

Beginn der Greenpeace-Aktion auf der Elbe

Aktivisten von Greenpeace haben am Sonntag im Hamburger Hafen auf Höhe Hanskalbsand demonstriert.

Video: abendblatt.tv
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Spektakuläre Aktion der Umweltschutzorganisation auf der Elbe. Polizei kritisiert: Da wurden Menschenleben riskiert.

Hamburg.  Penibel kontrollieren die Bootsführer, ob die Schwimmwesten korrekt angelegt sind. „Der Kragen muss frei sein, an dem müssen wir euch notfalls rausziehen können“, sagt der Steuermann der „Hurricane“, einem Schlauchboot aus der Greenpeace-Flotte, das an diesem Sonntagmorgen um 8 Uhr mit Journalisten vom Fähranleger Dockland (Fischereihafen) ablegt. Spätestens zwei Stunden später, als die „Hurricane“ nur einen Meter neben der Bootswand eines Frachters schlingert, umkreist von Polizei- und Greenpeacebooten, wird klar: Diese Mahnung war berechtigt.

Mit 300 PS und 60 km/h über die Elbe

Dabei beginnt der Sonntagmorgen zunächst wie ein normaler Ausflug auf der Elbe, nur getrübt vom Nieselregen. Der Bootsführer macht Druck, dass man sich beim Einsteigen am Fähranleger Dockland (Fischereihafen) beeilen möge, da die nächste Hadag-Fähre nahe. Die Reporter kauern sich ins Boot. Greenpeace-Energieexperte Andree Böhling erklärt das Ziel: „Wir werden heute den Kohlefrachter ,Golden Opportunity‘ in Empfang nehmen, um vor dem G20-Gipfel gegen die deutsche Klimapolitik zu demonstrieren.“

Das Schlauchboot stoppt noch kurz am Museumshafen, um ein ZDF-Team an Bord zu nehmen. „Wie viel PS habt ihr denn?“, will einer der Schiffer wissen, der gerade mit Freunden auf dem Deck herumwerkelt. „300 PS“, antwortet einer der Greenpeace-Aktivisten. „Mensch, 50 PS mehr als wir“, staunt der Schiffer.

Die Kraft der zwei Motoren beschleunigt die „Hurricane“ auf 60 Kilometer pro Stunde. Das Presseboot muss sich beeilen, die Aktion steht unmittelbar bevor. Der Regen peitscht in die Gesichter, schmerzt wie Nadelstiche. Auf Höhe der Lühe-Mündung taucht die „Golden Opportunity“ auf, beladen mit 75.000 Tonnen russischer Steinkohle.

Wie auf ein Kommando rasen von allen Seiten rote Greenpeace-Schlauchboote auf den Frachter zu, wie Nussschalen wirken sie gegen die „Golden Opportunity“, 224,9 Meter lang, 32,25 Meter breit. Ein Matrose macht von der Reling aus Fotos, wie die Greenpeace-Aktivisten ein Spruchband mit einem Scherenschnitt-Profil der Kanzlerin an der Bootswand festmachen. Passend zu der Merkel-Geste mit dem Zeigefinger vor dem Mund, werden auf weiteren Schlauchbooten Transparente mit der Aufschrift „Merkel’s Dirty Secret: Coal“ („Merkels schmutziges Geheimnis: Kohle“) entrollt.

Zwei Minuten später kreuzen Polizeiboote mit Blaulicht zwischen den Greenpeace-Booten. Die Beamten, wie ihre Kontrahenten mit Helmen geschützt, versuchen die Aktivisten-Boote abzudrängen. Sie reißen das Merkel-Plakat ab, während eine Greenpeace-Crew gerade einen Farbroller mit einem extralangen Stiel in einen Eimer taucht. Der erste Buchstabe „E“ gelingt nach wenigen Versuchen, das „N“ und das „D“ folgen in leuchtender gelber Farbe. Auch „C“ und „O“ werden auf die schwarze Bordwand gepinselt, bis auf zwei Buchstaben ist der geplante Schriftzug „END COAL“, Titel einer Kampagne, die sich gegen den fossilen Energieträger wendet, komplett.

Der Verzicht auf Gewalt gehört zu Greenpeace wie der Kampf

Doch dann gewinnt die Polizei die Oberhand, mehrfach touchieren sich die Schlauchboote. Spätestens jetzt wird die Aktion wirklich riskant. „Sind euch ein paar Buchstaben wert, dass ihr Menschenleben riskiert?“, ruft ein Beamter der Wasserschutzpolizei.

Wenn man so will, kristallisiert sich in dieser Frage der schmale Grat, auf dem Greenpeace balanciert. Der Verzicht auf Gewalt gehört ebenso zur DNA der Organisation wie der Kampf für eine bessere Umwelt. „Wir sind friedlich, aber wir gehen auch dahin, wo es wehtut“, kontert Böhling.

Greenpeace muss schließlich Bilder liefern. Fotos oder Videos von Aktivisten in wendigen Schlauchbooten emotionalisieren, ob nun auf der Elbe im Kampf gegen Frachter oder auf hoher See gegen mächtige Walfangschiffe. Daher ist es Greenpeace auch so wichtig, dass Reporter die Missionen begleiten. Böhling beteuert, dass es dem Verein nie um die direkte Konfrontation mit der Staatsgewalt gehe, im Gegenteil, mitunter würden sogar Polizeibeamte an den Trainingscamps der Schlauchboote-Spezialisten teilnehmen. „Damit wollen wir auch den gegenseitigen Respekt wecken“, sagt Böhling.

Druckreif spricht er in die Fernsehkameras an Bord über den „notwendigen Ausstieg“ aus der Kohle. „Sonst bleibt die Kanzlerin unglaubwürdig“, sagt Böhling, während im Hintergrund Schlepper den Frachter in Empfang nehmen. Greenpeace-Boote steuern die „Beluga II“ an, das Segelschiff der Organisation hatte die Mission begleitet. „Wir haben es am Ende doch noch geschafft, das „A“ und das „L“ zu malen, sogar mit zwei Ausrufezeichen“, frohlockt ein Aktivist. Derweil machen sich im Hafen Schwimmer und Kanufahrer bereit, sie tragen Plakate mit der Aufschrift „Planet Earth First“, das Pendant zum Credo „America First“ des US-Präsidenten Donald Trump.

100 Greenpeace-Mitglieder aus ganz Deutschland und den Nachbarstaaten waren insgesamt dabei, allesamt ehrenamtlich. „Eine gelungene Aktion“, frohlockt Böhling. Ein juristisches Nachspiel hat sie auf jeden Fall. Die Polizei hat mehrere Boote konfisziert. „Greenpeace muss mit einem Verfahren rechnen“, sagt ein Polizeisprecher.

Auf www.abendblatt.de können Sie ein Video der Aktion sehen.

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