Hamburger Start-up

Ab in den Urlaub – wo man Bullis leihen kann

Vermieten Bullis zum Campen: Jens Köhler (l.), Johannes Vieten (M.) und Torben Germis von Ahoi Bullis in Hamburg

Vermieten Bullis zum Campen: Jens Köhler (l.), Johannes Vieten (M.) und Torben Germis von Ahoi Bullis in Hamburg

Foto: Klaus Bodig / HA

Ein Hamburger Start-up vermietet reisefertige Camper. 40 Fahrzeuge haben die Unternehmer im Angebot.

Hamburg.  Seinen ersten VW Bulli fuhr Johannes Vieten mit 18, direkt nach der Führerscheinprüfung. Zu acht hatten sie damals für den Bus zusammengelegt. „Ein Jahr später habe ich mir alleine einen gekauft“, sagt Vieten und grinst. So groß war die Lust am Bulli-Fahren. Inzwischen ist der ehemalige Tourismus-Manager 37 Jahre alt, fährt den fünften VW-Bus und hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht: mit der Gründung des Campingbus-Verleihs Ahoi Bullis. Das Konzept kommt an. Das junge Unternehmen hat heute eine Flotte von 40 Fahrzeugen – alle brandneu.

Auf einem Gewerbehof unweit des Volksparkstadions rangiert Fuhrpark­leiter Torben Germis routiniert einen der Camper, der gerade von einem Mieter zurückgekommen ist, in Parkposition. In der großen Halle werden die Busse gereinigt und für die nächste Tour vorbereitet. „Wir verleihen nur California der aktuellsten Baureihe, alle sind weiß“, sagt Jens Köhler, der in diesem Jahr als Partner bei Ahoi Bullis eingestiegen ist. Mit einem satten Schmatzen lässt er die Schiebetür zurückrollen.

70 Jahre Bulli – eine bewegende Geschichte

Blick frei in das Wohnmobil im Kompaktformat, das mit Küchenzeile, Schränken und natürlich dem charakteristischen Aufklappdach ausgestattet ist. Markise, Stühle und Tisch sind auch drin. Eigentlich schon ziemlich gut. Das Besondere bei den Hamburger Bulli-Vermietern: „Wir übergeben unsere Wagen reisefertig“, sagt Köhler. Das heißt: Geschirr und Töpfe, Grill, Hängematte, Bulli-Kochbuch, Campingführer und – ganz wichtig – Handfeger und Schaufel sind schon eingepackt – eben alles, was zur Grundausstattung einer Bulli-Reise gehört.

Die Idee für den Verleih war vor einigen Jahren bei einer Australienreise entstanden, natürlich im Bulli. Johannes Vieten, begeisterter Surfer, war in seinem selbst ausgebauten Bus mehrere Monate lang unterwegs und begegnete auf dem Trip vielen Reisenden in Miet-Bullis. Dazu kam: „Als ich wieder zu Hause war, wollten Freunde immer wieder meinen Bus leihen“, erzählt er. 2015 kündigte er seinen Job bei einem Veranstalter für Sportreisen und machte sich mit Ahoi Bullis selbstständig.

Sommer­wochen aus­gebucht

Los ging es mit sechs Fahrzeugen, im zweiten Jahr waren es schon 23, und in dieser Saison sind es fast doppelt so viele. Trotzdem sind die Sommer­wochen bis auf wenige Einzeltage aus­gebucht. „Wir vermieten nicht nur die Wagen, sondern bieten einen Komplettservice an“, sagt Vieten. Surfbretter, Fahrräder, Kajaks lassen sich dazubuchen, genau wie Dachboxen, Vorzelte, Camping-Klos oder Bettensets. „Es gibt einen Einkaufsservice und einen deutschlandweiten Bringdienst“, erklärt der Bulli-Fan.

Meike und Michael Mertens gehören zu denen, die für den Juli einen Bulli ergattert haben. An diesem Nachmittag ist das Ehepaar aus Handorf (Landkreis Lüneburg) zur Tourenberatung angemeldet, die bei jeder Vermietung inklusive ist. „Wir haben sonst immer gezeltet. Jetzt wollen wir mal ausprobieren, wie es ist, mit dem Bulli unterwegs zu sein“, sagt Meike Mertens. Ziel der Urlaubsfahrt ist Skandinavien, drei Wochen haben die beiden Zeit. Johannes Vieten breitet eine Landkarte auf dem Tisch im Büro aus und fragt nach den Vorlieben.

„Es ist ein Entdeckerauto“

Es gibt Kaffee aus Bulli-Tassen, neben dem Sofa steht ein Kinderzelt in Form eines blau-weißen Retro-Bullis. Schnell ist klar, die Mertens sind eher an Natur-Campingplätzen statt am Fünf-Sterne-Segment interessiert. Vieten, der selbst oft im Norden unterwegs war, entwickelt einen Tourenplan mit Übernachtungsplätzen und Insidertipps. Die Mertens nicken, und man hat das Gefühl, am liebsten würden sie gleich einsteigen und losfahren.

So sind Bulli-Fahrer. „Es ist ein Entdeckerauto“, beschreibt Jens Köhler das, was für ihn das besondere Bulli-Feeling ausmacht. 70 Jahre, nachdem der niederländische VW-Importeur Ben Pon die Idee für den ersten VW-Bus (damals als Lieferwagen) in sein Notizbuch malte, ist die Fangemeinde größer denn je. Volkswagen meldet für die Camper der aktuellen Modellreihe T6 einen neuen Rekord. 12.887 California wurden 2016 produziert, ein Plus von 37 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Insgesamt verkaufte der Konzern in der T-Reihe 199.486 Fahrzeuge (plus 11,6 Prozent).

Auch in diesem Jahr läuft es bestens. 28 Jahre nach dem Produktionsstart lief im Januar der 75.000ste California-Bus vom Band. In den ersten drei Monaten 2017 stiegen die Produktionszahlen erneut um fast 25 Prozent. Und das, obwohl man in der Preiskategorie auch Luxuskarossen fahren könnte. „Die Bullis, die wir stehen haben, kosten zwischen 65.000 und 80.000 Euro“, sagt Johannes Vieten.

Bei Ahoi Bullis gibt es drei Ausstattungstypen. Die Preisspanne reicht im günstigsten Fall von 85 Euro am Tag für eine Langzeitmiete des einfachen Modells „St. Pauli“ in der Nebensaison bis 140 Euro für den Typ „Blankenese“ für einen Kurztrip in der Hochsaison. „Am beliebtesten ist das mittlere Niveau. Das haben wir ,Eppendorf‘ genannt“, sagt Jens Köhler, der bei Ahoi Bullis für die Finanzen zuständig ist.

„Wir leben vom Sommergeschäft“

Der 39-Jährige, der vorher in einer Autovermietung und bei einer Leasingfirma gearbeitet hat, ist auch für das spezielle Leasing-Finanzierungskonzept des Start-ups verantwortlich. Die Ahoi-Bullis laufen immer nur eine Saison von April bis Oktober, dann werden sie ausgetauscht. Die Wagen haben alle verfügbaren technischen Assistenzsysteme vom automatischen Abstandhalter bis zur Notbremsfunktion. Und wegen der besonderen Diebstahlsgefahr auch verschiedene Alarmsysteme. Partner ist der Hamburger Volkswagenhändler Auto Wichert.

„Wir leben vom Sommergeschäft“, sagt Finanzmann Köhler. Genaue Zahlen will er nicht nennen. Aber die Kunden kommen inzwischen aus ganz Deutschland, auch aus Österreich und der Schweiz. Gebucht wird alles, von der Wochenend-Surftour an die Ostsee bis zu Fahrten über mehrere Monate. „Gerade in der Elternzeit wollen viele mit dem Bulli los“, sagt Vieten. Inzwischen ist auch VW auf die Großkunden aus Hamburg aufmerksam geworden. „Lokale Autohäuser verweisen auf uns, wenn Kunden ohne Campingerfahrung einen Bus kaufen und vorher ausprobieren wollen“, sagt Köhler. Für das kommende Jahr gibt es Überlegungen, die Flotte nochmals aufzustocken.

Der Markt boomt

Ahoi Bullis ist nicht die einzige Möglichkeit in Hamburg und Umgebung, einen VW-Bus zum Campen zu leihen: Arne Finck und Mario Montefrancesco haben während des Studiums angefangen, Bullis umzubauen. Im Jahr 2012 haben der gelernte Kfz- und Elektrikermeister ihr Unternehmen Camper Vermietung Hamburg gegründet. 14 VW-Busse der Modelle T4, T5 und T6, weiterhin alle selbst umgebaut, sind im Angebot zu Preisen ab 75 Euro pro Nacht. „Es läuft gut. Im Sommer gibt es nur noch wenige Buchungslücken“, sagt Co-Gründer Arne Finck.

Der Markt boomt, die Nachfrage wächst. In den vergangenen Jahren sind Start-ups wie Roadsurfer, Rent-a-Bulli oder BulliHoliday entstanden, die in mehreren Städten Bullis zum Mieten anbieten. Zahlreiche Wohnmobil-Verleihe haben VW-Busse im Angebot. Auch Volkswagen-Händler wie Wichert vermietet sie – und selbst Volkswagen bietet seit April Miet-California bundesweit über sechs sogenannte TradePorts an, der nächste ist in Hannover.

Macher sehen die Konkurrenz gelassen

Dazu kommen Nischen-Angebote wie Old Honk Hansens Retro Camper in Wedel, der drei Bullis älterer Baureihen restauriert hat und verleiht. Nach dem Prinzip der Vermittlungsplattform Airbnb können über PaulCamper.de auch VW-Campingbusse von privat gemietet werden.

Die Macher von Ahoi Bulli sehen die Konkurrenz gelassen, sind mit viel Herzblut bei der Sache. „Das Schönste ist, wenn Kunden, die bei der Übernahme hektisch und unentspannt waren, relaxt von ihrem Trip wiederkommen“, sagt Johannes Vieten. Das ist genau das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit, das die Bulli-Fans mit dem Kult-Bus verbinden. „Da würde man dann schon gerne manchmal auch selbst losfahren“, sagt Köhler. Das geht erst nach dem Ende der Vermietungszeit im November. Die Entscheidung, wohin die Bulli-Tour geht, fällt kurzfristig – „je nach Wetter­lage“. Das macht den Unterschied.