Naturschutz

200 Möglichkeiten, das wilde und grüne Hamburg zu entdecken

Insektenforscher Martin Kubiak lädt zum Langen Tag der Stadtnatur auf den Energieberg Georgswerder

Insektenforscher Martin Kubiak lädt zum Langen Tag der Stadtnatur auf den Energieberg Georgswerder

Foto: Roland Magunia

Die Loki Schmidt Stiftung lädt zum Langen Tag der Stadtnatur vom 16. bis 18. Juni. Aufruf mit dem Abendblatt zum Naturschutz-Preis.

Hamburg. Auf einmal muss alles sehr schnell gehen. Bis eben sah die geführte Insektenwanderung nach einem gemütlichen Spaziergang über ungemähte Wiesen aus. Wissenschaftler Martin Kubiak hatte hier ein bisschen auf den Boden gestarrt, da eine Hummel eingenetzt, dort den Blick zu den Schloten der Aurubis-Kupferhütte schweifen lassen. „Stadt trifft Natur“, hatte er noch gesagt. Nun beschleunigt der Insektenforscher.

Mit schweren Gummistiefeln und ausladendem Schmetterlingsnetz tritt der Entomologe hart an, rennt über leicht abschüssiges­ Terrain, erreicht seine Endgeschwindigkeit und schwingt sein Netz einmal gezielt über das Grün. Als er keuchend den Hang wieder hinaufkommt und seinen Fang präsentiert, reicht die Luft noch für ein kurzes „ein Baum-Weißling“. Während er das fragile Tier aus dem Netz pellt, fügt er erklärend hinzu: „Gut zu erkennen am Muster auf der Flügelunterseite.“ Hätte man hier oben, auf der ehemals stark verseuchten Deponie Georgswerder, auch nicht erwartet: die ganze Aufregung wegen eines Schmetterlings.

200 Veranstaltungen rund um die Natur

Kubiak (32) arbeitet als Insektenforscher an der Universität Hamburg und wirkt nicht so speziell, wie sein Beruf vermuten lässt. Der Energieberg Georgswerder, bis vor einigen Jahren Hamburgs skandalträchtige Müllkippe, sei qua Lage ein idealer „Pionierstandort“. Der 40 Meter hohe Hügel sei exponiert, biete Wärme am Südhang und üppig bewachsene Grasflächen – alles, was das neu ankommende Insektenherz begehrt. Sollten invasive Arten mit dem Gedanken spielen, in Hamburg heimisch zu werden, würde man sie wohl hier zuerst nachweisen. So war es zumindest mit der gefährdeten Westlichen Beißschrecke, die ihren Lebensraum gen Norden ausgeweitet hat. Die seltene Sumpfschrecke war auch schon da.

Bereits auf dem Weg nach oben hatte Kubiak dauernd auf den Boden gesehen und „viele Laufkäfer“ ausgemacht. Genau erhoben wurde der Insekten­bestand auf dem Energieberg noch nicht. Insofern ist die Krabbeltier-Exkursion „Insektenfauna auf dem Energieberg“, die Kubiak am Langen Tag der Stadtnatur vom 16. bis zum 18. Juni anbietet und für die Abendblatt-Leser Karten gewinnen können (siehe Kasten), nicht nur neu im Programm, sie ist auch eine durchaus bedeutsame wissenschaftliche Premiere. Mitte Juni wollen der Insektenforscher und Kollegen die Wiesen und Geröllflächen während des gleichzeitig stattfindenden „Geo Tag der Natur“ genau unter die Lupe nehmen. Es wird mit jeder Menge Schnecken, Wildbienen, Spinnen und Faltern gerechnet.

Ausflug in Moore und auf Verkehrsinseln

Organisiert wird der Lange Tag der Stadtnatur von der Loki Schmidt Stiftung. Am Dienstag stellte Schirmherr und Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) das Programm offiziell vor: „Dieses Jahr führen 200 Veranstaltungen in unberührte Moore, auf begrünte Dächer oder lärmumtoste Verkehrsinseln. Sie zeigen uns, wie schön, wie vielfältig und auch, wie zerbrechlich die Natur ist.“

Insektenforscher Kubiak wird den Hamburgern zeigen, was alles so krabbelt, kreucht und summt. Bis zu 40 Wildbienen-Arten ließen sich in Hamburg beispielsweise problemlos nachweisen. „Die Vielfalt bei Insekten ist wahnsinnig groß“, sagt Kubiak. Das habe ihn schon immer fasziniert. Etwa 100.000 Insekten­arten leben in Europa, und von seriös geschätzten zehn Millionen Insektenarten auf der Welt ist erst eine Million bestimmt. Die kleinen Tiere seien die artenreichste Klasse überhaupt. Und damit in allerlei Hinsicht wichtig für die Welt. Etwa als Teil der Nahrungskette, als Bestäuber oder als Holzzersetzer. Der aktuelle Schwund an Singvögeln etwa hat auch mit fehlenden Insekten als Nahrungsquelle zu tun.

Leser-Preis zu gewinnen

Die gesicherte Deponie Georgswerder ist dabei nicht nur ein sogenanntes Trittsteinbiotop für Tiere, das es neuen Arten leicht macht, in der Stadt Fuß zu fassen. Der Müllberg ist auch ein außergewöhnliches Beispiel für die Renaturierung einer scheinbar für immer verlorenen Fläche. Hier kehrte das „Grüne Hamburg“, unter dessen Motto das Abendblatt gemeinsam mit der Loki Schmidt Stiftung zu einem Leser-Preis aufruft, zurück.

Auf den einstigen Wiesen im Süden der Stadt wurden seit 1947 erst Trümmer, später Haus-, Sperr- und sogar hochgiftiger Industriemüll abgeladen. Heute wuchern wieder Sträucher und Gräser auf dem künstlichen Hügel, der während der Internationalen Bauausstellung 2013 begehbar und energiegewinnend umgestaltet wurde. Auch an so unwirtlichen Orten wie dem Autobahndreieck Süd – auf einer Seite eine Kupferhütte, auf der anderen ein Logistikpark, mittendrin donnernder Verkehr – kann sich die Natur erholen.

Am Tag der Stadtnatur Insekten entdecken

Schon pflückt Martin Kubiak einen Soldatenkäfer aus dem hohen Gras. Die Beschaffenheit des Körpers gibt dem Kerbtier seinen Namen; Augen, Antennen und Mundwerkzeuge sehen in Kombination mit dem Thorax aus wie eine Uniform . „Insekten sind natürlich eine weniger gut erlebbare Tiergruppe“, sagt der Wissenschaftler. Gerade deshalb sei der Tag der Stadtnatur eine hervorragende Möglichkeit, auch den kleinen Sechsbeinern ein Forum zu bieten.

„In urbaner Umgebung ist es immer wieder erstaunlich, wie groß die Vielfalt nicht nur bei den Insekten ist.“ Aber allein die Tatsache, dass einige Insekten andere Insekten benutzen, um ihre Eier in ihnen abzulegen, sei zwar wenig appetitlich, aber ein faszinierender Zug. Solch eine Verhaltensweise müsste erst mal erkannt und erforscht werden. Im Centrum für Naturkunde der Universität werden die Tiere dafür „genadelt“. „Manche Arten sind so klein und so ähnlich, dass man sie nur bestimmen kann, wenn man sie im absolut ruhigen, also toten Zustand untersucht.“

Berg aus sieben Millionen Kubikmetern Müll

Von ehemals 14 Millionen Kubikmetern Müll bilden heute noch sieben Millionen den Untergrund für den Ort der Insekten-Exkursion, den Energieberg. Eine etwa drei Meter dicke Schicht aus Mutterboden und Spezialfolie trennt Wiesen und Altlasten. Schützenswerte Naturflächen mit unterschiedlichen Wildgräsern wurden ebenso ausgewiesen wie nach wie vor sensible Deponiebereiche. Neben Hasen, Füchsen, Falken und anderen Vögeln besiedeln vor allem Insekten den Berg.

Besonders bedrohte Arten hofft Kubiak auf dem Berg nachweisen zu können. Insgesamt geht er davon aus, dass etwa 200 unterschiedliche Arten in kurzer Zeit mühelos bestimmt werden können.

Je nach Monat verändere sich auch die vorherrschende Insektenwelt auf dem Berg. Eigentlich sei gerade Schmetterlingszeit, doch da der Himmel zuzieht, lassen sich auch die Tagfalter blicken. Es bedarf schon eines geübten Auges und eines schnellen Antritts, um wenigstens einen Baum-Weißling zu schnappen. Weniger schwer zu erkennen ist die gewaltige, etwas herumeiernde Hummelkönigin. „Die fangen wir aber besser nicht“, sagt Kubiak. Manchmal, gerade bei der Insektenbeobachtung, reiche es schon, den Blick zu beruhigen. Dann fängt nämlich irgendwann der Boden an, sich zu bewegen. Am Ende ist die Insekten-Wanderung also doch ganz entspannend.