Der rote Faden

Pazifik statt Poppenbüttel: Das Porträt einer Umsteigerin

Anne Plein mit
gepackten Sachen
in ihrer Wohnung

Anne Plein mit gepackten Sachen in ihrer Wohnung

Foto: Andreas Laible / HA

Anne Plein liebt ihre Arbeit als Gymnasiallehrerin. Aber auch das Surfen. Beides verbindet sie demnächst als Entwicklungshelferin.

Hamburg. Nur 23 Kilo. So viel darf sie mitnehmen, sonst kostet es mehr. Das Surfbrett zählt sowieso extra. Und dann kommt noch ein Rucksack mit, den sie möglichst vollstopfen will. Er ist für das Handgepäck im Flugzeug bestimmt. Die Beschränkung auf das für sie Wichtigste fällt Anne Plein nicht schwer. „Ich bin geübt im Loslassen“, sagt sie. Nur die Sets vom Küchentisch darf sie nicht vergessen. Sie sind selbst genäht und ein Andenken an Südafrika, wo sie studiert hat. Nelson Mandela, der Kämpfer für die Freiheit und gegen die Rassentrennung, ist darauf zu sehen. „Er ist für mich eine der inspirierendsten Persönlichkeiten der Weltgeschichte.“

3 Fragen an

Für ein Jahr will die Deutsch- und Chemielehrerin vom Carl-von-Ossietzky-Gymnasium in Poppenbüttel nach Nicaragua gehen und in dieser Zeit versuchen, eine Schule aufzubauen. Deutsche Entwicklungshilfe in dem nach Haiti zweitärmsten Land in Mittelamerika hat Tradition. In den 70er-Jahren galt es zudem als Sehnsuchtsland der Linken. Staatspräsident Daniel Ortega wurde gerade zum vierten Mal gewählt. Kritiker mahnen Demokratiedefizite und Familienfilz an. Seine Unterstützung hat der deutsche Staat deshalb seit 2011 reduziert. Schokoladenhersteller Ritter Sport gehört zu den wichtigsten Arbeitgebern. Eigene Kakaoplantagen sollen den ökologisch einwandfreien Anbau sicherstellen. Zunehmend entdecken Touristen das Land als Urlaubsziel.

„Keinen Plan als Lebensplan"

Am 1. März besteigt Anne Plein den Flieger. Managua, die Hauptstadt, ist das Ziel. Von dort aus geht es weiter nach Popoyo, einem Dorf direkt am Pazifik gelegen. Der Ort ist berühmt für seine Offshore-Wellen das ganze Jahr über. Unter Surfern galt er lange als Geheimtipp. Inzwischen hat sich dort eine internationale Community eingenistet. Baugrund ist billig. Für die ersten drei Monate zieht Plein in eine möblierte Unterkunft. Auch ein Mietwagen ist bestellt. „Alles andere wird sich ergeben.“

Ihre schöne Altbauwohnung hat sie bereits vermietet, einen Teil der Möbel und Andenken verkauft. Der Rest kommt auf den Speicher. Ab Februar ist sie vom Schuldienst befreit. Sechs Jahre lang hat sie als Beamtin ein Rückkehrrecht. Ihr Schulleiter hat angeboten, ihre Stelle frei zu halten. „Ich habe abgelehnt“, sagt Plein. Zu viel Druck für eine, die sich vorgenommen hat, „keinen Plan als Lebensplan zu haben. Aber ich werde meine Schüler vermissen, das weiß ich jetzt schon.“ Die Älteren haben versprochen, in den Ferien vorbeizuschauen am Strand und beim Schulbau zu helfen. Die Kleineren wollen basteln und das Geld aus dem Verkauf spenden. „Ich bin total gerührt“, sagt Plein.

Etwas anderes aus dem Leben machen

Die Gastgeberin brüht noch einmal Kaffee auf, schenkt ein. Es gibt viel zu erzählen. Mehr, als man eigentlich erwartet von einem vordergründig abgesicherten und vorhersehbaren Lebensweg einer Gymnasiallehrerin. 41 Jahre alt ist Anne Plein. Sie sieht jünger aus. „Meine Hausärztin hat mir bestätigt, dass ich innen die Konstitution einer 36-Jährigen habe.“ Erst vor sieben Jahren hat sie mit dem Surfen angefangen. Etwas, das sie schon immer faszinierte, das sie sich aber nicht getraut hatte, auszuprobieren. Ein Schnupperkurs im Urlaub in Kapstadt brachte die Wende.

Damals hatte sie sich gerade von ihrem Ehemann getrennt. „Ein wunderbarer, ein lieber Mensch“, sagt Plein. Doch dann siegte ihre innere Unruhe. Der Drang, noch einmal etwas anderes aus dem Leben zu machen, statt weiterhin als Paar lange Radrennen zu bestreiten, mit dem Rucksack die Welt zu erkunden und harmonisch den Alltag zu gestalten. „Das ist vielleicht schwer zu verstehen“, sagt sie. „Ich wusste ja selbst nicht, was ich wollte. Nur eben das nicht mehr.“ Inzwischen ist der Ex, mit dem sie 14 Jahre zusammen war, wieder verheiratet, hat Kinder. Und sie gibt ihre bürgerliche Existenz auf, geht in ein Surfer-Paradies, um dort für den Nachwuchs der ansässigen Aussteiger und die einheimischen Kinder eine Schule aufzubauen.

„Es war Liebe auf den ersten Blick“

Die Idee dazu entstand 2015, als sie das erste Mal in Popoyo zum Surfen war. „Ich wollte den Sport endlich richtig lernen“, erzählt sie. Seit sie das Wellenreiten gepackt ist, sucht sie die Urlaubsorte nach den Windverhältnissen an den Stränden aus. Die Sicherheit regelmäßig auflandig blasender Böen lockte sie ans Meer dieses lateinamerikanischen Landes. „Es war Liebe auf den ersten Blick.“ Erstmals vermisste sie nicht das Herumreisen, das Sich-treiben-Lassen von Stadt zu Stadt, sondern genoss täglich Wind und Wellen an einem Ort.

Natürlich weiß Plein um die wirtschaftlichen und sozialen Probleme Nicaraguas. Und natürlich fiel ihr schnell auf, wie schlecht die Bildung der meisten Menschen dort ist, ihre Armut, aber auch ihr Bedürfnis nach Anerkennung und Teilhabe. Abends, wenn die Sonne unterging und sich die Glücksgefühle der Tage in azurblauem Wasser in jeder Körperpore eingelagert hatten, saß sie inmitten der anderen Urlauber und Einwohner entspannt am Strand und philosophierte. Darüber, was man tun könnte, um zu helfen, aber auch um die eigenen Träume zu leben. „Und irgendwann ging es konkret um eine Schule für alle.“

Mutter unterstützt sie

Zurück in Hamburg, dauerte es noch eine Weile, ehe das Lebensprojekt konkrete Formen annahm. Am Ende fanden sich zwölf Frauen, die den Verein „Eine Schule für Popoyo“ gründeten und die Voraussetzungen schufen, um über Crowdfunding im Internet genug Geld für den Bau einzusammeln. Ein Architekt aus Florida, den Plein kennengelernt hatte, sicherte inzwischen die Bauleitung zu, eine weitere Freundin kommt ebenfalls nach Popoyo. „Ich weiß nicht, ob es klappt“, sagt Plein, noch daheim am gemütlichen Küchentisch. „Ich weiß auch nicht, ob es wirklich das Leben ist, das ich mir wünsche. Aber ich weiß eines: Ich muss es versuchen.“ Das Geld für den Erwerb des Grundstücks, auf dem die Schule einmal stehen soll, hat sie jedenfalls schon zusammen.

Unterstützt wird sie bei ihren Plänen von Mutter Gertrud, 77. Die kaufmännische Angestellte hat jahrelang an der Seite von Ehemann Klaus-Peter die große, weite Welt erkundet. Der Kapitän nahm seine Frau, sooft es ging, mit auf Tour. „Meine Mutter war schon auf den Philippinen und hat Raupen und angebrütete Eier gegessen, als alle noch von einem Italienurlaub träumten.“ Und niemand ahnte, dass man beim Fernsehsender RTL im Dschungelcamp durch Madenessen Geld verdienen kann. Die große Schwester durfte damals manchmal mit auf große Reise. „Ich war der Nachzügler, da arbeitete mein Vater schon an Land für eine Reederei“, sagt Plein. Dennoch war die Küche zu Hause Treffpunkt für spannende Menschen aus aller Herren Ländern. „Mein Vater rief meistens spontan an. Gertrud, hieß es dann, ich bringe einen Gast aus Ägypten zum Essen mit. Koch mal was Schönes.“

Der Vater ist im vergangenen Oktober gestorben. Eine Krebserkrankung hatte er die Jahre zuvor erfolgreich überwunden, doch dann schaffte sein angegriffener Körper die Spätfolgen der Strahlentherapie nicht mehr. Nach einer Herz-Operation kam er nicht mehr auf die Füße. Schweren Herzens mussten ihn Ehefrau und Töchter gehen lassen. Die Trauer hat die Frauen zusammengeschweißt. „Ich habe überlegt, ob ich meine Mutter ausgerechnet jetzt allein zurücklassen kann“, sagt Anne Plein. Die große Schwester lebt in Bielefeld, ist mit einem Afrikaner verheiratet. „Sie hat sich die Welt ins Haus geholt.“

Doch Mutter Gertrud Plein blieb sich auch in den schwersten Stunden ihres Lebens treu. „Geh“, sagte sie zu ihrer jüngeren Tochter. „Du hast dir schon als Kind im Urlaub die größten Wellen ausgesucht.“