Der rote Faden

Chronistin des Glücks: Die Frau für den schönsten Tag

Hochzeitsfotografin Nicole Siemers in ihrem Atelier auf St. Pauli

Hochzeitsfotografin Nicole Siemers in ihrem Atelier auf St. Pauli

Foto: Marcelo Hernandez

Nicole Siemers ist Hochzeitsfotografin. Für einen attraktiven Job im Ausland hätte sie notfalls ihre eigene Trauung verschoben.

Hamburg. Für diese Hochzeit hätte sie notfalls sogar ihre eigene verschoben. Als sie die Nachricht auf der Mailbox hörte, hüpfte Nicole Siemers voller Freude auf ihrem Bett herum, konnte ihr Glück kaum fassen. „Ich habe Zeugen: Mein Verlobter war dabei.“ Der muss allerdings etwas verdutzt dreingeschaut haben. Also erklärte Nicole Siemers ihm, dass eine Braut ihr eine Nachricht hinterlassen hatte. „Sie fragte mich, ob ich im Juni noch Zeit hätte, ihre Hochzeit in der Provence zu begleiten“, erzählt die 32-Jährige. „Einen Moment später sagte ich meinem Mann dann, dass wir notfalls einen anderen Termin für unsere eigene finden müssten, wenn beide Hochzeiten auf denselben Tag fallen sollten“, fügt sie hinzu und lacht. Aber das war nicht nötig.

Nicole Siemers ist Hochzeitsfotografin. Seit gut drei Jahren betreibt sie ihr eigenes kleines Atelier an der Clemens-Schultz-Straße auf St. Pauli. Sie lichtet Brautpaare vor, während und nach der Trauung ab, dafür ist sie vor allem im Sommer in Hamburg und Umgebung im Dauereinsatz. Und nun zwei Tage arbeiten in der Provence. Südfrankreich. In der weiten Welt. Ein Traum für die Wahlhamburgerin. „Die Hochzeit werde ich wohl nie vergessen. Es war einfach wunderschön.“

Vom Land ins Fotostudio nach Hamburg

Siemers stammt „aus der tiefsten Provinz“, sagt sie. Aus Mellinghausen, einer Rund-1000-Seelen-Gemeinde gut 50 Kilometer südlich von Bremen. „Ein Ort, in dem es mehr Kühe als Menschen gab.“ Hier wuchs die älteste von drei Töchtern mit ihren beiden Schwestern auf dem Bauernhof der Eltern auf, ließ sich im benachbarten und ebenso beschaulichen Affinghausen zur Porträtfotografin ausbilden. Bis vor sechs Jahren war der Alltag auf dem Land der Mittelpunkt ihres Lebens. Dann zog die damals 26-Jährige für eine Stelle als Leiterin eines Fotostudios in die Großstadt. „Ich hatte gerade eine schwere Trennung hinter mir und glaubte, ich würde in Hamburg Glück und Freiheit finden. Das war wohl etwas einfach gedacht.“

Tatsächlich tat sich die familienverbundene junge Frau schwer, in der Millionenmetropole anzukommen. Vor allem die Nähe zu ihren geliebten Schwestern fehlte. „Die Tage vollgepackt mit Arbeit und Stress, fand ich erst einmal alles andere als das, was ich gehofft hatte. Das erste Mal in meinem Leben begriff ich, was allein sein bedeutet.“ Doch sie hielt durch. Ihre Erkenntnis aus jener Zeit: „Ankommen braucht Zeit.“ Nach etwa zwei Jahren in Hamburg fasste Siemers Fuß – und den Mut, sich selbstständig zu machen.

13 Stunden ist sie auf den Beinen

Der Markt für Hochzeitsfotografie ist groß. Um sich von der wachsenden Konkurrenz abzuheben, bieten Fotografen immer häufiger ausgefallene Shooting-Ideen an. Die Preise für ein Hochzeitsshooting variieren dabei stark. Nicole Siemers berechnet für ein achtstündiges „Alles inklusive“-Paket 2100 Euro. Die Kunden bekommen sowohl die Fotos in digitaler Form als auch einen hochwertigen Bildband. Vor der Konkurrenz schreckt die Fotografin nicht zurück. In ihrem Job habe sie es nur mit glücklichen Menschen zu tun, sagt die Frau mit den leuchtend roten Haaren. „In keinem anderen Beruf auf der Welt grinsen dir so viele Menschen ins Gesicht wie in meinem.“

Freude, die sich auch auf die Fotografin überträgt. Das ist zu spüren, wenn sie über die rund 120 Hochzeiten spricht, die sie bisher begleitet hat. Wenn sie vom Shooting in St. Peter-Ording erzählt oder vom Happy End eines Paares, das Jahrzehnte nach seiner Trennung wieder zueinanderfand.

Doch ist auch ihr Job harte Arbeit. Bis zu 13 Stunden lang ist Siemers bei den Hochzeiten auf den Beinen. Vom Anziehen des Brautkleids bis zum Ehrentanz muss sie fokussiert und konzentriert bleiben und auch im ergreifendsten Moment Profi sein. Später geht es dann ans Sichten der rund 3500 Fotos, die sie pro Auftrag macht. „Die Schwierigkeit ist, die besten Bilder des Tages auszuwählen.“

Ihre eigene Liebe traf sie im Stadion

Jede einzelne Hochzeit bereite ihr „großes Kribbeln im Bauch“, und bei jeder Trauung müsse auch sie eine Träne verdrücken, sagt Siemers. „Ich bin ein kleiner Schnulzi.“ Zu bewegend sei es, wenn sich zwei Menschen gefunden haben und sich für das Leben miteinander entscheiden. „Ich treffe eine Entscheidung im Leben, die dazu führt, dass ich einem Menschen begegne, mit dem ich dann den Rest meines Lebens verbringen will. Hätte ich diesen Weg nicht eingeschlagen, hätte ich auch diesen einen Menschen nicht getroffen.“ Wenn Siemers über Zufall und Schicksal im Leben zweier Menschen philosophiert, schießen ihr sofort wieder die Tränen in die Augen. „Jede Geschichte beginnt mit einer Entscheidung“, sagt sie. „Ohne meinen Entschluss, nach Hamburg zu gehen, hätte ich nie meinen Mann kennengelernt.“

Ihre eigene Liebesgeschichte begann vor fünf Jahren. Bei der Charity-Fußballveranstaltung „Tag der Legenden“ im Millerntor-Stadion lernte Siemers ihren Mann Fritjof über WG-Freunde kennen. Es habe sofort geknistert, sagt sie, bald darauf folgte das erste Date. „Unsere Liebesgeschichte ging eigentlich ganz einfach.“

Vor einem halben Jahr sagte sie: Ja

Vor einem halben Jahr sagte sie dann selber „Ja, ich will“. „Eigentlich heirate ich ja jedes Wochenende – zumindest fühlt es sich so an. Aber als wir dann unsere eigene Hochzeit geplant haben, hat es mich einfach umgehauen.“ Gefeiert wurde natürlich zu Hause bei den Eltern auf dem Land in Niedersachsen, eine Trauung im Wald mit 80 Gästen. „Eine kleine Hochzeit für ländliche Verhältnisse, eine große aus Stadt­perspektive.“ Für ihren eigenen großen Tag engagierte Siemers zwei befreundete Fotografen. „Sie haben wunderschöne Bilder gemacht, die mich immer wieder an den Hochzeitstag zurückversetzen.“

Auf dem Tisch in Siemers’ Atelier auf St. Pauli liegt ein Bildband mit dem Titel „Liebesgeschichten“. Und mit viel Liebe zum Detail hat sie auch den kleinen Raum eingerichtet. Auf dem Tisch stehen Bonbons und Schokolade. „Schön süß muss es sein. Ich bin kein Zartbitter-Fan“, sagt Siemers lachend. In ihren Hochzeitsfotos versucht sie mit ebenso viel Hingabe wie für ihre Inneneinrichtung, „die Geschichte des Tages zu erzählen“.

Nahaufnahmen sind ihr am liebsten

Dabei scheut sie sich nicht, so dicht wie möglich am Geschehen dran zu sein. Nahaufnahmen mit ihrem 35-Millimeter-Objektiv sind ihr am liebsten. „Früher wurde das Brautpaar noch in einem künstlichen Hochzeitsgarten arrangiert. In den Bildern war kaum Bewegung, sie wirkten sehr statisch.“

Siemers will Erinnerung an das Gesamterlebnis Hochzeit schaffen, auch an die Momente, die den Gästen verborgen bleiben. Dafür seien die Details wichtig. Wie reagiert die Braut, wenn sie zum ersten Mal in ihrem Kleid vor dem Spiegel steht? Was ist in den Augen des Bräutigams zu erkennen, wenn er seine Zukünftige vor dem Pastor oder Standesbeamten in Empfang nimmt? Wie ist die Stimmung unter den Hochzeitsgästen? Was verrät der Ort der Hochzeitsfeier über das Brautpaar?

Die Fotografin darf nichts verpassen. Mit ihrer Kamera versucht sie, diese einzigartigen Momente „zu sammeln“. „Ich will den Paaren eine Freundin für den Tag sein. Ich weiß, dass man diese Momente, diesen Tag, nicht so einfach wiederholen kann.“

Auch privat hat sie die Kamera immer dabei

Auch abseits der Hochzeitsfeiern geht für sie nichts ohne die Fotografie. Sei es beim Spaziergang durch St. Pauli, bei dem für sie nichts schöner ist, als die Spiegelungen und Lichtreflexe in den Fensterscheiben festzuhalten. Oder bei der Reise nach New York – mit der sie sich im Herbst einen Mädchentraum erfüllte –, wenn das Empire State Building durch einen winzigen Spalt einer Brüstung zu sehen ist. Siemers liebt es, die Kleinigkeiten im Leben zu finden, „die so schön und wichtig sind“. Ihr Motto ist dabei stets das Sprichwort des bengalischen Dichters Rabindranath Tagore: „Ich gehe durch die Straßen wie ein Fremder, erst dann entdecke ich, woran ich oft achtlos vorübergehe.“

Der rote Faden zieht sich durch die Stadt: Er verbindet Menschen, die einander schätzen, bewundern, überraschend finden. Sie entscheiden, an wen sie ihn weiterreichen: an andere, die hier arbeiten, Besonderes für die Stadt leisten, als Vorbild gelten. Nicole Siemers bekam den Faden von Katja Stechemesser und gibt ihn an Olaf Koop weiter.