Prozess

Wie Herr Marseille auf Gewürze als Potenzmittel hereinfiel

Der Klinikunternehmer lieh seinem Geschäftspartner eine Viertelmillion Euro – und der landete nun vor Gericht.

Hamburg. Ein Marketing-Experte witterte einen „Knaller“. Und sein Chef erwartete Traumrenditen. Ein siebenstelliger Gewinn schwebte dem Geschäftsmann vor, und das pro Jahr. Das Mittel, das die beiden Herren so euphorisch in die Zukunft blicken ließ, hätte in der Tat enormes Potenzial gehabt. Ein Lifestyleprodukt, das für Lebensfreude und Lebenskraft sorgt und insbesondere bei Männern auch für Vitalität und Stehvermögen – und das dabei vollkommen frei von Chemie ist. Das wäre schlichtweg der Hit!

Es hätte so schön sein können. Wenn es denn wahr gewesen wäre. Allein: Das Mittel, dem quasi Zauberkräfte zugesprochen wurden, hatte offenbar einen mächtigen Makel, der es als reines Naturprodukt disqualifizierte. Statt purer Honig-Gewürz-Mischung, die als Nahrungsergänzungsmittel frei verkäuflich wäre, soll es tatsächlich einen chemischen Wirkstoff enthalten, der auch in dem Potenzmittel Viagra vorkommt. Damit wäre es verschreibungspflichtig – und deshalb als Verkaufsknüller eher ungeeignet.

Und doch soll ein Mann es geschafft haben, sich damit die Auszahlung eines Darlehens von immerhin 250.000 Euro zu sichern. Weil Gerhard P. (Name geändert) diese üppige Finanzspritze mit falschen Behauptungen erschlichen habe, so die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft, muss sich der 52-Jährige jetzt wegen besonders schweren Betrugs vor dem Amtsgericht verantworten. Opfer der Tat wurde demnach Unternehmer Ulrich Marseille, ein Mann, der deutschlandweit Kliniken und Seniorenheime betrieben hat und auch als Politiker Ambitionen hegte.

Marseille hatte laut Angeklagtem Gefallen am Produkt

Der gelernte Schreiner Gerhard P. und Unternehmer Marseille: Für den früheren Handwerker schien sich alles zum Besten zu fügen, als sich zwischen diesen beiden Männern eine Geschäftsbeziehung anbahnte. „Ich habe zu keinem Zeitpunkt beabsichtigt, Herrn Marseille zu betrügen“, versichert der Angeklagte, ein hagerer Mann im dunklen Anzug, nun dem Gericht. Er vertreibe seit mehreren Jahren Nahrungsergänzungsmittel. Mit einem früheren Geschäftspartner habe es Probleme gegeben, weil dieser bemängelt habe, dass das Produkt nicht, wie zugesagt, frei von Chemie sei. Doch das habe nur eine einzelne Charge von einem ausländischen Lieferanten betroffen, der Rest sei in Ordnung gewesen. Wegen der juristischen Auseinandersetzung habe er sich einen neuen Geschäftspartner gesucht und dann über Bekannte den Unternehmer kennengelernt.

„Er sagte, er habe Gefallen an meinen Produkten. Er habe sie selbst ausprobiert“, sagt Gerhard P. Sein Geschäftspartner in spe habe ihm daraufhin ein Darlehen über 250.000 Euro gewährt. Anschließend habe Marseille eigene Untersuchungen des Produkts in Auftrag gegeben – mit dem Ergebnis, dass auch hier Chemiestoffe enthalten waren. „Das war auch für mich überraschend“, versichert Gerhard G. Aber schließlich habe sein Geldgeber von seinem Rechtsstreit um das Produkt gewusst und damit auch, dass es damit Probleme gebe.

Millionengewinne erhofften sich die beiden Unternehmer

Doch Zeuge Marseille schildert eine andere Version. Der 52-Jährige habe ihm von einem Mittel vorgeschwärmt, „von dem er sagte, es erzeuge gute Gefühle und wirke beim Mann wie Viagra. Dabei sollte es ausschließlich Gewürze enthalten. Das fanden wir erstaunlich“, so der Unternehmer. Hätte sich das Versprechen um das Wundermittel bewahrheitet, wäre ein siebenstelliger Gewinn pro Jahr möglich gewesen. Doch als sie die Rezeptur verlangten, um das Mittel überprüfen zu können, „druckste er herum“. Über seinen vorherigen Betriebspartner habe Gerhard P. nur erzählt, dass der „keine Lust mehr hatte“. Aus den Unterlagen, die er ihnen über den Rechtsstreit zur Verfügung stellte, „ergab sich nicht richtig, dass die sich schon getäuscht fühlten.“

Also gewährte Marseille dem Erfinder das Darlehen von 250.000 Euro. Später habe ihre Laboranalyse des angeblichen Naturprodukts ergeben, „dass da eine Substanz drin ist, die da nicht reingehört“, so Marseille. „Da war sogar viel von dem Zeugs drin. Das war Chemie.“ Als sie ihn damit konfrontierten, „sagte er, es tue ihm sehr leid, aber er sei selber betrogen worden. Und so direkt habe er das auch nicht gewusst.“

Der Staatsanwalt hat genug gehört. „Das ist eine schöne Geschichte, die Sie uns erzählt haben“, wendet er sich an den Angeklagten. „Die Wahrheit ist eine andere.“ Und nun gibt sich Gerhard P. einen Ruck und räumt ein, dass er den Unternehmer nicht ausreichend über den früheren Rechtsstreit um angeblich gepanschte Produkte aufgeklärt hat.

15 Monate Haft mit Bewährung lautet schließlich das Urteil des Gerichts. Zusätzlich muss der Angeklagte 75 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. „Sie haben gewusst“, redet die Richterin Gerhard P. ins Gewissen, „dass Sie Ihren Geschäftspartner umfassend über die Pro­bleme hätten informieren müssen. Dann hätte er den Vertrag mit Ihnen so sicher nicht geschlossen.“