Deutscher Lehrerpreis

Bergedorfer Lehrer machen ausgezeichneten Unterricht

Pablo Vázquez, Stefanie Hummel und Matthias Laabs (v. l.) vom Bergedorfer LuisenGymnasium.
Mitpreisträgerin Bodil Ambrock ist nicht auf dem Foto

Pablo Vázquez, Stefanie Hummel und Matthias Laabs (v. l.) vom Bergedorfer LuisenGymnasium. Mitpreisträgerin Bodil Ambrock ist nicht auf dem Foto

Foto: Klaus Bodig / HA

Pädagogen des Luisen-Gymnasiums in Bergedorf werden mit dem Deutschen Lehrerpreis in der Kategorie „innovativ“ ausgezeichnet.

Hamburg.  Am Anfang waren die Schüler verunsichert und lustlos. Sie sollten das Klassenzimmer verlassen und im Stadtteil Lohbrügge ausschwärmen; sie sollten nachforschen und Antworten suchen auf die Frage „Was braucht dieser Ort?“ Doch statt sich über die Auszeit vom Unterricht zu freuen, fragten sich die Neuntklässler des Luisen-Gymnasiums in Bergedorf: „Was soll das?“

Die Lage war ja bis dahin übersichtlich gewesen. „Klassenzimmer. Aufgabe. Machen. Fertig“ – so beschreibt es Schülerin Mia Jablonski. Als sie und ihre Klassenkameraden dann jedoch die Komfortzone verließen, geschah Erstaunliches: In zehn Gruppen entwickelten die 28 Schüler eigene Konzepte, befragten Passanten, luden Politiker und Architekten ein, präsentierten ihre Ergebnisse in einer Ausstellung – und waren am Ende „richtig stolz“, wie Jablonski erzählt.

Bewirkt haben das vier Lehrer; sie hatten die Idee für das achtwöchige Projekt: Matthias Laabs, Bodil Ambrock, Stefanie Hummel und Pablo Vázquez. Zunächst sorgten die Pädagogen nur in Bergedorf für Aufsehen. Nun erfahren sie sogar bundesweite Aufmerksamkeit: Heute wird das Quartett in Berlin mit dem Deutschen Lehrerpreis in der Kategorie „Unterricht innovativ“ ausgezeichnet.

Welchen der drei Plätze in ihrer Kategorie die Hamburger belegen und ob sie 2000, 3000 oder 5000 Euro Preisgeld gewinnen, das nicht für private Zwecke gedacht ist, sondern dem Unterricht zugutekommen soll, gibt die Jury erst bei der Verleihung gegen Mittag bekannt. In dem Auswahlgremium sitzen neben Bildungspolitikern, Verlagsleuten und Schülervertretern auch Forscher wie Prof. Jürgen Baumert, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, und Prof. Olaf Köller, Direktor des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel.

Ausgelobt wird die Auszeichnung seit 2009 jedes Jahr vom Deutschen Philologenverband und der Vodafone Stiftung Deutschland. In diesem Jahr gab es 85 Bewerbungen in der Kategorie „Unterricht innovativ“; in der zweiten Kategorie „Schüler zeichnen Lehrer aus“ gingen 529 Bewerbungen ein. Insgesamt werden heute in Berlin Pädagogen aus zehn Bundesländern geehrt. Die Bergedorfer Lehrer um Matthias Laabs sind dabei die einzigen Gewinner aus Hamburg.

„Der Lehrerberuf gehört zu den anspruchsvollsten und wichtigsten Tätigkeiten in unserer Gesellschaft“, schreiben die Initiatoren des Preises. Viele Lehrer unterrichten bereits engagiert und ideenreich. Aber „noch selten werden innovative Unterrichtskonzepte über die Schulmauern hinaus bekannt, zu selten wirkt solcher Unterricht in die Breite.“ Dies zu ändern und damit auch das Image des Lehrerberufs zu verbessern, sei Ziel der Auszeichnung.

Schüler beackerten mehr als ein Dutzend Themen

Noch sind Lehrer meist Einzelkämpfer. „Man hat selten die Chance, über eine längere Zeit eng mit Kollegen zusammenzuarbeiten“, sagt Pablo Vázquez, der am Luisen-Gymnasium in Bergedorf die Fächer Spanisch und Theater unterrichtet.

Wenig Austausch hat allerdings auch Vorteile – bei der Unterrichts­planung redet einem niemand rein. „Als wir das gemeinsame Projekt ,Was braucht dieser Ort?‘ gestartet haben, war deshalb auch die Frage: Hält man dieses Miteinander als Lehrer überhaupt aus?“, erzählt Stefanie Hummel, die Französisch und Geschichte unterrichtet. „Wir haben dann aber schnell festgestellt, dass wir gemeinsam viel mehr wagen können.“

Die Idee ihres fächerübergreifenden Projekts bestand darin, die Schüler bei einem forschenden Lernen zu unterstützen. Genügend Ansätze dafür, so sahen es die Pädagogen, bietet Lohbrügge. „Die Schüler sollten Ideen entwickeln, wie sich das Viertel beleben lässt“, erzählt Vázquez.

An der Alten Holstenstraße, die von Leerstand und Billigläden geprägt ist, machten die Lehrer eine leer stehende Ladenfläche im März 2015 mit Erlaubnis der Besitzer zum Hauptquartier für ihr Projekt. Über acht Wochen verteilt verbrachten sie dann mit den Schülern vier bis sechs Stunden pro Woche in dem Viertel.

Es gab kaum Vorgaben, nicht einmal einen Leitfaden. „Das war schwierig“, erzählt Schülerin Jola Michaelis. Einige Ansätze hätten sie verwerfen müssen. „Nach zwei Wochen standen wir wieder bei null.“

Die Schüler beackerten mehr als ein Dutzend Themen. Eine Gruppe beschäftigte sich etwa mit der Geschichte der Alten Holstenstraße; eine weitere Gruppe untersuchte, welche Rolle Grünflächen für die Bewohner spielen. Weil Passanten in Interviews sagten, dass es an der Alten Holstenstraße an Grün fehle, entwickelten die Schüler Pflanzenkonzepte für die Fußgängerzone. Das reichte von der Idee, die Fußgängerzone komplett mit Kunstrasen auszulegen, bis zu dem Vorschlag, dass die Pflanzen vor Ort wenigstens farbige Blüten haben sollten, damit die Straße fröhlicher wirkt.

Ob jede Idee tatsächlich umsetzbar ist, war nicht entscheidend: „Wir wollten erreichen, dass der Ort bei den Schülern einen Denkprozess in Gang bringt und dass sie lernen, ein Thema aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten“, sagt Kunst- und Geografielehrer Matthias Laabs. Er plant gerade das nächste Schülerforschungsprojekt.