Bildung

Geschichte – das ungeliebte Fach an Hamburger Schulen?

Geschichte zum Anfassen: Schüler der Stadtteilschule Wilhelmsburg im Internationalen Maritimen Museum Hamburg

Geschichte zum Anfassen: Schüler der Stadtteilschule Wilhelmsburg im Internationalen Maritimen Museum Hamburg

Foto: Bertold Fabricius / HA

Unterricht gerät in Konkurrenz zu Naturwissenschaften. Kritik anlässlich des Historikertages, der heute beginnt.

Hamburg.  Bildungsexperten und Gewerkschaftler sorgen sich um die Zukunft des Geschichtsunterrichts in Hamburg. Das Fach gerate immer mehr in Konkurrenz zu Naturwissenschaften und Technik, sagte Anja Bensinger-Stolze, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) dem Abendblatt. „Gerade angesichts der aktuellen Herausforderungen wie der Flüchtlingspolitik und dem erstarkenden Rechtspopulismus sollten die Schüler sich stärker mit historisch-politischen Phänomenen befassen.“

Anlass für den neuen Streit um die Zukunft des Unterrichtsfachs Geschichte ist der heute in Hamburg beginnende 51. Deutsche Historikertag. 3500 Teilnehmer aus 20 Nationen werden über das Thema „Glaubensfragen“ und die Weltreligionen debattieren. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) wird per Liveschaltung aus New York den Eröffnungsvortrag halten.

Im Vorfeld der Veranstaltung hatte Professor Martin Schulze Wessel, Vorsitzender des Deutschen Historikerverbandes, die „schleichende Entwertung und Deprofessionalisierung“ des Geschichtsunterrichts an den Schulen beklagt. Um auch nur die allerwichtigsten historischen Ereignisse in den Blick zu nehmen, würden die Lehrpläne bei einer viel zu geringen Stundenzahl überfüllt. Der Hamburger Privatdozent, Lehrer und Vorsitzende des Vereins für Geschichte des Weltsystems, Helmut Stubbe da Luz, sagt: „Viele Hamburger Schüler können die Schuljahre elf bis 13 – je nach Wahlverhalten – ganz und gar ohne Geschichte durchlaufen.“

Zwar gibt es nach Ansicht von Helge Schröder, Vorsitzender des Hamburger Fachverbandes für Geschichte und Politik, Schulen mit „vorbildlich viel und gutem Geschichtsunterricht“. Aber das Fach sei ins Hintertreffen geraten. „Das zeigt sich darin, dass die einzelnen Schulen dem Fach Geschichte zunehmend Stunden genommen und für andere Bereiche eingesetzt haben.“ An den Stadtteilschulen zum Beispiel gehört Geschichte gemeinsam mit Politik und Geografie zum Lernbereich Gesellschaftswissenschaften. Dieser aber werde nur mit zwei bis drei Wochenstunden unterrichtet, so Schröder. „Das hat zur Folge, dass für die Schüler weniger Zeit für den konkreten Geschichtsunterricht bleibt.“

Kritik an Geschichte im Rahmen eines Fächerverbundes

Dass sich die Zahl der Wochenstunden für die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer in den vergangenen 20 Jahren grundlegend verändert haben, kann die Schulbehörde jedoch nicht bestätigen. Der Stundenansatz sei allenfalls „leicht reduziert“ worden, sagte Behördensprecher Peter Al­brecht. Die Regelstundenzahl an den integrierten Gesamtschulen betrug 1998 für die entsprechenden Fächer mit Geschichte insgesamt 17 Wochenstunden in den Jahrgangsstufen fünf bis zehn. „Die derzeit geltenden Stundentafeln weisen für die Sekundarstu­fe I der Stadtteilschulen ein Kontingent von 16 Unterrichtswochenstunden für den Lernbereich Gesellschaftswissenschaften aus, in den Gymnasien sind es 19.“ Die Kritik von Martin Schulze Wessel als Chef des Historikerverbandes wies Behördensprecher Albrecht als „überzogen und inhaltlich in wesentlichen Punkten unzutreffend“ zurück.

Dass Hamburg allerdings zu jenen Bundesländern gehört, die Geschichte im Rahmen eines Fächerverbundes vermitteln, stößt zunehmend auf Skepsis. Es bestehe die Gefahr, dass der „Charakter des einzelnen Fachs, die Tiefe und Differenziertheit in der inhaltlichen Auseinandersetzung“ verloren gehe, kritisiert Erhard Porten, Schuldezernent des Katholischen Schulverbandes.

Ähnlich sieht es Bensinger-Stolze. „Wir kritisieren die Tendenz, einen Fächerverband aus Geschichte, Geografie und Politik zu bilden mit der Folge, dass Geschichte nicht immer von einem ausgebildeten Geschichtslehrer unterricht wird.“ Der Hamburger Historiker Stubbe da Luz setzt dennoch seine Hoffnung ganz auf die professionell ausgebildeten Lehrer. „Eine Erneuerung des Geschichtsunterrichts kann nur von ihnen getragen werden.“