Gründerpreis-Gewinner

Der Mann, der Fiat unter Strom setzte

Sirri Karabag, Gründer und Autohändler

Sirri Karabag, Gründer und Autohändler

Foto: HA / Klaus Bodig

Teil 11: Sirri Karabag war Pionier für Elektroautos. Diese Firmensparte hat er verkauft, aber das Thema lässt ihn nicht los.

Er weiß alles über Oliven und Käse. Wann die grünen und die schwarzen geerntet werden. Wie sie sich geschmacklich unterscheiden. Und dass der Salzlakenkäse aus der Türkei oft mit Olivenöl und verschiedenen Kräutermischungen eingelegt wird. „Mein Vadder hat Anfang der 70iger-Jahre die ersten Marktbeschicker mit Okraschoten, Schafskäse und Auberginen in Dosen beliefert“, erzählt Sirri Karabag in deutlich erkennbarem Hamburgisch. „Er baute hier die türkische Lebensmittel-Community als Großhändler auf. Ich habe schon als Schüler Oliven abgepackt und Peperoni in Gläser gefüllt.“

Die familiäre Verbindung zum ländlichen Lebensmittelhändler zu erkennen fällt heute schwer. Karabag (51) trägt zum weißen Hemd einen perfekt geschnittenen Businessanzug. Der haarlose Kopf glänzt glatt poliert. Verdient hat er sein Geld mit dem Verkauf von Fiat-Nutzfahrzeugen. Bekannt geworden ist er als Elektrofahrzeug-Pionier. Und weil er das Umrüsten von Autos auf Stromantrieb als Geschäftsmodell sehr innovativ und erfolgreich von Hamburg aus in ganz Deutschland etablierte, wurde er 2012 als Aufsteiger mit dem Gründerpreis geehrt.

Die Karriere in der Branche begann am 1. August 1987

Heute fragt er sich manchmal, wie erfolgreich es wohl gewesen wäre, den elterlichen Betrieb zu übernehmen. „Vielleicht wäre ich damit auch zufrieden gewesen“, sagt er. „Aber damals, als junger Mann, konnte ich es mir überhaupt nicht vorstellen.“ Stattdessen landete er nach einer Lehre als Groß- und Außenhandelskaufmann in der Autobranche. Ein Fiat-Händler suchte einen Verkäufer. Karaman las die Anzeige, ging hin. Es war Sonnabend, der 1. August 1987, „das Datum werde ich nie vergessen“. Sieben Stunden dauerte das Vorstellungsgespräch, immer wieder unterbrochen von Kunden, die den Chef sprechen wollten. Am Ende sagte der ziemlich genervt: „Na gut, dann komm am Montag.“

Fortan hieß es also Autos des italienischen Herstellers zu verkaufen. Das tat Karabag so erfolgreich, dass sein Chef eines Tages zu ihm kam und sagte: „Ich habe eine schlechte und eine gute Nachricht für dich. Die schlechte lautet, ich muss dir kündigen. Die gute ist, die Fiat-Niederlassung will dich als Verkäufer haben“ – ein erster Karriereschritt. Sechs Jahre später machte Karabag sich als Haupthändler mit Fiat Nutzfahrzeugen selbstständig und wurde mit einem Jahresumsatz von 20 Millionen Euro der größte deutsche Händler für Transporter des italienischen Autobauers. „Wer verkaufen kann, kann alles verkaufen“, sagt Sirri Karabag.

Womöglich war es genau diese Fähigkeit, die ihn Jahre später ebenfalls erfolgreich bei der Industrie vorsprechen ließ, als er im Auftrag der innovationswilligen Italiener schon 2008 Partner suchte, um die 500er-Modelle, aber auch Kleintransporter auf Elektroantrieb umzustellen. „Ich musste erst mal Menschen finden, die sich vorstellen konnten, dass so etwas funktioniert.“

Nachdem die Produktion erfolgreich angelaufen und die Nachfrage für das Nischenprodukt groß war, entschloss sich Karabag 2009, die Fahrzeuge in Eigenregie umzubauen. Prototypen im Markt zu platzieren schien damals zu gewagt. 25 Partner-Unter-nehmen, darunter große wie Still, Eberspächer und Linde, aber auch den Strom- und Gasversorger Wemag aus Schwerin, überzeugte er von seiner Vision, Autos mit Strom zu betreiben. „Ein wildes, aber sehr innovatives Potpourri von Partnern war das“, sagt er. „Und ich war der Orchesterchef, der den Taktstock schwang.“ Aus einer motorlosen Karosse von Fiat ließ er den elektrisch angetriebenen Kleinwagen 500e bauen, auch einen Elektro-Umbaukit für Young- und Oldtimer bot er an.

Immerhin 800 Elektroautos brachte der Mittelständler zwischen 2011 und 2013 deutschlandweit auf den Markt. Ein Netz mit mobilen Servicestationen wurde aufgebaut. Eine Ladestation, die berührungs- und kabellos funktioniert, ließ er ebenfalls zur Serienreife entwickeln. Zum Vorreiter für Technologie-Management machte ihn die Idee, Hausstromversorgung durch die Integration der Akkus von Elektroautos zu realisieren. In Norderstedt, seinem Wohnort, hat er ein Haus gebaut, das über eine Fotovoltaik-Anlage und einen Stromspeicher mit Energie versorgt wird. Die am Tage zu viel erzeugte Energie wird in der Batterie des E-Autos zwischengespeichert und kann nachts aus ihr abgerufen werden. „Wir haben schon ein paar Sachen gemacht, die weltweit einmalig waren“, sagt Karabag heute. Mit der Gesamtleistung seiner Autos von ungefähr zwölf Millionen gefahrenen Kilometern habe er sich zudem eine Elektroauto-Expertise erarbeitet, wie sie bis heute kein anderer Hersteller vorweisen könne.

„Die Kleinen haben keine Chance mehr“

Dennoch gab es kein Happy End für den Visionär. 2015 verkaufte er die Elektroautosparte an den Partner Wemag, der sie im Dezember des gleichen Jahres als Reevolt GmbH an Emovum weiterveräußerte, eine Tochter des Hamburger Unternehmens Wulf Gaert­ner Autoparts. „In Anbetracht der Tatsache, dass die Großen aufrüsten, haben die Kleinen keine Chance mehr“, sagt er. „Wenn VW Elektroautos in großem Stil baut, was sie nun nach ihrem eigenen Bekunden und vermutlich vor dem Hintergrund ihrer Verluste auch tatsächlich tun, kann ich nicht mehr mithalten.“

Bisher sind Elektroautos in Deutschland flächendeckend wenig gefragt, weil sie teurer als Benziner sind und im Alltagsbetrieb oft nur knapp über 100 Kilometer Reichweite haben. Der VW-Konzern hat eine Offensive mit Elektroautos angekündigt und plant mehr als 30 neue Modelle bis 2025, günstiger und mit einem größeren Kilometer-Durchhaltevermögen. „Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass jemand sagt, wir brauchen deine Kompetenz“, sagt Karabag. „Das hat sich nicht ergeben.“ Nun ist er wieder ausschließlich Autohändler, und die Lebensplanung ist neu überdacht. „Ich bin stolz darauf, dass ich mit meiner Mannschaft so eine Riesenleistung vollbracht habe. Hamburg war Primus im Bereich Elektrofahrzeuge. Ohne meine Partner in der Stadt und im Senat, besonders Olaf Scholz als Ersten Bürgermeister, wäre das nicht möglich gewesen. Nun stelle ich mein Unternehmen strukturell so auf, dass es fit ist für die nächsten 20 bis 30 Jahre.“ Mit den 100 Mitarbeitern an vier Standorten will der alleinige Gesellschafter 2017 das 25-jährige Bestehen des Unternehmens feiern.

Ob eines der drei Kinder mal das Unternehmen übernehmen werden, ist ungewiss. Vater Karabag drängt nicht. „Ich warte auf die nächste Entwicklung im Bereich E-Cars“, sagt er. „Die Elektromobilität wird uns alle einholen. Vielleicht bin ich dann noch einmal dabei.“