Filmfirma

Wie ein Mann aus dem Badischen nach Hollywood kam

Stephan Anspichler

Stephan Anspichler

Foto: Zen Cohen

Serie Teil 9: Was wurde aus den Gewinnern des Gründerpreises? Filmfirma von Stephan Anspichler existiert nicht mehr.

Schuld ist Udo Kier. Der deutsche Schauspieler, der es als einer der wenigen bis nach Hollywood geschafft hat, ging 2011 mit Stephan Anspichler beim internationalen Filmfest in Toronto eine Treppe hinauf. „Udo nahm voller Elan Stufe für Stufe und ich – der junge, dynamische internationale Filmproduzent – keuchte wie ein alter Mann nebenher. Er war immerhin schon 66 Jahre alt und ich gerade mal 30“, erzählt Anspichler. „Als er dann noch vorschlug ,Wollen wir nicht besser den Fahrstuhl nehmen?‘ und wir uns vor Lachen nicht mehr halten konnten, wurde mir klar: Ich muss erst einmal ordentlich abnehmen.“

Neuer Job, neue Stadt

Immerhin 40 Kilogramm sind es geworden, und – einmal dabei, sein Äußeres zu verändern – auch die Haare ließ Anspichler sich kürzer schneiden. Bei Frauen würde man sagen, sie arbeiten Veränderungen auf diese Weise ab: ein neuer Job, eine andere Stadt, eine Trennung. „Genau“, sagt Stephan Anspichler (35). „Ich hatte beschlossen, dass es Zeit für einen Neuanfang ist.“

Drei Jahre zuvor hatte der Wahlhamburger mit seiner 2006 gegründeten Filmfirma York Street Productions den Preis als Existenzgründer erhalten. „Über die Bestätigung meines Konzepts habe ich mich sehr gefreut“, erinnert er sich. „Es zeigte mir, dass reichlich Bedarf an neuen Inhalten vorhanden und ein Umdenken in der Finanzierung von Medienproduktionen begrüßt worden war.“ Google und Facebook waren gerade in Aufbruchstimmung, Anspichler wollte kommerzielle internationale Film- und Fernsehproduktionen nach Hamburg bringen. „Ich wollte die Zukunft der europäischen Medienlandschaft entscheidend mitgestalten“, sagt er. „Die Welt wuchs mit dem Internet zusammen. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Produktion von Inhalten.“

Seine Vision war nicht realistisch

Für diese Erkenntnisse und das damit verbundene unternehmerische Risiko war er geehrt worden. Doch seine Vision und die Realität waren nicht deckungsgleich. Stephan Anspichler sagt: „Unternehmertum verlangte für mich nach einer Geschäftsidee, die ihrer Zeit einen Schritt voraus war.“ Zwar machte er sechs mit Preisen ausgezeichnete Filme in sechs Jahren, „aber immer mit der Brechstange – und als Außenseiter.“

Mühsam sammelte Anspichler das Geld für die Produktionen zusammen, ging für seine Leidenschaft Klinken putzen. 300.000 Euro kamen für den hoch gelobten Dokumentarfilm „Egoiste“ zusammen, die anrührende Geschichte der Schweizer Entwicklungshelferin Lotti Latrous. Auch „Kalkutta – das Wirtschaftswunder“, das die Suche Indiens nach dem Anschluss an westliche Boom-Industrien thematisiert, wurde international verkauft. Mehrfach prämiert wurde auch seine türkisch-deutsche Koproduktion „Ecumenopolis – Stadt ohne Grenzen“, ein Porträt über das von Bausünden überschattete Istanbul.

Dennoch blieb in Anspichlers Augen die entscheidende Schubkraft aus – trotz Unterstützung durch die Filmförderung Hamburg/Schleswig-Holstein, ein Studio-Hamburg-Stipendium sowie Sponsoren aus der Wirtschaft. Anspichler erinnert sich an ein Gespräch, in dem sein Gegenüber sagte, dass seine Visionen zwar gut seien, aber nichts für den deutschen oder europäischen Film- und Fernsehmarkt. „Gehen Sie nach Amerika“, hieß es. „Dort haben Sie doch studiert. Dort kommt so etwas schneller ins Rollen.“

Ein schmerzhaftes Lebewohl

2012 liquidierte er seine Firma, Kündigungen folgten. „Einer selbst gegründeten Familie Lebewohl sagen zu müssen, ist sehr schmerzhaft“, sagt er. Anspichle­r verließ Hamburg Richtung Los Angeles. „Ich habe der Hansestadt ohne Gram und mit vielen tollen Erinnerungen den Rücken gekehrt“, sagt er mit dieser weichen Stimme, aus der man den gebürtigen Badenser aus Breisach noch immer heraushört. Neben Los Angeles ist seither Berlin für die Hälfte des Jahres sein Lebensmittelpunkt. „Hoffentlich nehmen mir die Hamburger diesen Städteverrat nicht übel“, scherzt er. „Aber die Hauptstadt ist bei Kreativen und Medienmachern in den Staaten im Gespräch, wohin das Auge reicht.“

Wenn er gerade nicht an Großprojekten beteiligt ist – beim gerade angelaufenen Sönke-Wortmann-Dokumentationsfilm „Deutschland. Dein Selbstporträt“ war er als Executive Producer beteiligt – entwickelt er Socialmedia-Kampagnen. „Ich bin nach wie vor ein Geschichtenerzähler“, sagt er. Und soziale Relevanz sei sein Rückgrat, wenn es um die Auswahl der Projekte geht, sagt Anspichler. Er engagiert sich für mehrere gemeinnützige Organisationen in den USA. Filmemachen, und darüber ist er sehr froh, ist heute leichter finanzierbar, als er es noch gelernt hat. „Die Industrie hat sich gravierend verändert. Mit wenigen Tausend Euro und einem Laptop kann jeder einen Film herstellen.“

Sein Wunsch: einen Blockbuster zu produzieren

Den Wunsch, mal einen richtigen Blockbuster, einen Kassenschlager, zu produzieren, hat er nicht aufgegeben. Natürlich nicht. Bis dahin gilt es, finanziell den Kopf oben zu halten. Hollywood ist ein teures Pflaster. In Los Angeles teilt er sich das Appartement mit einem Mitbewohner. „Geld und Pri­vatsphäre sind nicht so wichtig wie Zeit und Flexibilität“, betont er.

Wenn er in Deutschland ist, gehören Besuche in Südbaden dazu. Die Familie habe ihn immer geerdet, erzählt er. Auch wenn sie die Idee des gelernten Tourismuskaufmanns anfangs nicht nachvollziehen konnte, als er sich mit 22 Jahren aufmachte, um in Los Angeles das Geld für sein anschließendes Studium in New York an der Film Academy zu verdienen. „Ich wusste immer, wo ich hinwollte“, sagt Anspichler. Aber auch: „Niemals einen Traum aufgeben.“ Das hätte kein Amerikaner besser formulieren können.