Gründerpreis-Gewinner

Diese beiden Brüder haben laufend innovative Ideen

Die Brüder Ulf (l.) und Lars Lunge im Lagerraum ihrer Laufschuh-Manufaktur
im mecklenburgischen Düssin

Die Brüder Ulf (l.) und Lars Lunge im Lagerraum ihrer Laufschuh-Manufaktur im mecklenburgischen Düssin

Foto: Roland Magunia / HA

Serie Teil 8: Ulf und Lars Lunge waren die Ersten, die Kunden aufs Laufband schickten, ihre Schuhe entstehen in Deutschland.

Figurprobleme haben sie beide nicht. Wie auch. Ulf Lunge (55) läuft pro Woche immer noch zwischen 40 und 50 Kilometer. Sein Bruder Lars (50) bringt es immerhin auf 20 bis 30 Kilometer. „Mit meinen 1,90 Metern bin ich eigentlich zu groß für einen Spitzenläufer“, sagt er. „Ulf hatte mit 1,80 Metern und 63 Kilogramm die Idealmaße für einen Marathonläufer.“ 1983 wurde der denn auch Hamburger Marathonmeister. Der Jüngere sammelte Preise als erfolgreicher Mittelstreckler.

Die Motivation der laufverrückten Lunge-Brüder, Gründer der gleichnamigen Laufschuh-Ladenkette, ist ein innerer Antrieb. Beide wollten ihre Rennen immer gewinnen, und auch heute noch, nach dem Ende der aktiven Zeit, muss wenigstens die selbst anvisierte Zeit stimmen. Inzwischen habe sich die Läufermentalität allerdings grundsätzlich geändert, finden sie. „Als ich vor 30 Jahren mitgekeult bin, da waren wir wenige, aber alle ehrgeizig“, sagt Ulf Lunge. „Heute laufen viele Menschen, aber wenige mit Leistungsanspruch.“ Das solle aber keine Kritik sein, betont er. Vom Massentrend Wellnesslaufen profitieren die Lunges ja auch – als Laufschuhanbieter. 2007 wurden sie für die Expansion ihrer Geschäfte in Hamburg und Berlin, aber auch für ihre innovativen Ideen mit dem Gründerpreis als „Aufsteiger des Jahres“ ausgezeichnet.

Es geht hanseatisch-direkt zu im Lunge-Imperium im 200-Seelen-Dorf Düssin (Mecklenburg-Vorpommern). Die Lauf-Profis verkaufen nicht nur seit Jahrzehnten Produkte anderer Hersteller, seit 2008 produzieren sie selbst Schuhe „made in Germany“. Tollkühn fand das die Konkurrenz. Denn Sportartikel werden fast ausschließlich in Billiglohnländern gefertigt – etwa in Asien. Doch die Hamburger waren fest entschlossen. Sie wollten Produkte herstellen, die umweltverträglich und nachhaltig sind. Nach eingehender Marktprüfung investierten sie mehr als drei Millionen Euro in einen alten Kuhstall, den sie zur herrschaftlich aussehenden Manufaktur umbauen ließen. 1,378 Millionen Euro EU-Förderung gab es obendrein.

Seither pendeln sie täglich zwischen Hamburg und Düssin. Immer noch aus Leidenschaft für perfektes Schuhmaterial, wie sie beteuern. Man glaubt es ihnen, wenn sie in ihrem riesigen Konferenzraum enthusiastisch Modell für Modell aus den Kartons holen, um deren Qualität dem Besucher zu erklären. Dass sie sich als Produzenten mit den Großen der Branche, also Nike, Adidas, Asics und Co. anlegen würden, war anfangs nicht abzusehen. Den ersten Laufschuhladen gründete Ulf Lunge 1979 noch als Student der Betriebswirtschaft. Zu Ende studiert hat er dann nicht mehr. „Ich wollte nur alles wissen, das man braucht, um ein Geschäft zu führen.“ Den Rest brachte die Praxis. Und Bruder Lars, ein Feinmechanikermeister, der ebenfalls einstieg und als Tüftler und pedantischer Kontrolleur die Ergänzung zum expressiven Ideengeber ist.

Über Jahre trieben sie die Expansion ihrer beratungsintensiven Laufschuhläden voran. Lunge, das sprach sich schnell herum, war das erste Geschäft, bei dem Kunden auf einem Laufband Laufstil und Fußform testen konnten. „Wer bei uns kauft, verlässt den Laden vielleicht nicht immer mit dem modischsten Modell, aber bestimmt mit dem zu ihm am besten passenden“, sagt Lars Lunge. Drei Filialen in Hamburg, eine in Berlin sind von einst sechs Geschäften übrig geblieben. Inzwischen machen Bequem- und Gesundheitsschuhe einen großen Teil des Angebots aus. „Die Kunden verändern sich“, sagt Ulf Lunge. „Coole große Ladenflächen sind derzeit angesagt. Darauf haben wir mit zwei Flagship-Stores reagiert.“

Und weil sie auch in Düssin einen kleinen Gewinn erwirtschaften, sind die Unternehmer optimistisch. „Wir steigern uns Jahr für Jahr um 20 Prozent“, sagt Lars Lunge. 2012 verließen 8000 Paar Schuhe die ländliche Fertigungsstätte. 2014 waren 20.000 das Ziel. Beliefert werden etwa 120 Fachgeschäfte. In den Läden und in der Manufaktur arbeiten insgesamt 50 Mitarbeiter.

Zum Vergleich: Der große Konkurrent Adidas lässt pro Jahr 300 Millionen Paar Schuhe in Asien fertigen. „Wir sind zwar klein, aber ziemlich gut. Das hat sich in der Branche herumgesprochen“, sagt Ulf Lunge selbstbewusst, wie es sich für einen Unternehmer und Kommunikationsprofi gehört.

Schwierige Zeiten gab es immer mal wieder

Aktuelle Produktionszahlen wollen die Brüder derzeit dennoch lieber nicht nennen. Die Zeiten sind nicht einfach. Die internationalen Marktführer schauen mittlerweile genau hin, was die Kleinen in den Nischen so machen. Auch sie haben erkannt, dass Nachhaltigkeit und Transparenz bei der Herstellung im Sportschuhkauf zunehmend eine Rolle spielen. „Unser Alleinstellungsmerkmal war schon immer der Anspruch, schadstoffarm zu produzieren und sozialverträgliche Arbeitsplätze zu schaffen“, sagt Lars Lunge. „Unsere Schuhe werden so sauber produziert, dass sie ein Hund gefahrlos zerkauen kann.“

Dass sie einst bei Stiftung Warentest schlecht abgeschnitten haben, war zwar ärgerlich, hat ihnen aber nicht geschadet. Für Ulf Lunge allerdings, der Qualität für Leistungssportler wie für Jogger seit mehr als 30 Jahren im Laufschuhbereich propagiert, war das Ergebnis fast eine persönliche Beleidigung.

Nun setzt auch die Konkurrenz nicht mehr allein auf den Massenmarkt und kehrt sogar teilweise an den Produktionsstandort Deutschland zurück. Adidas hat in Ansbach in Franken eine Schuhfabrik gebaut. Eine Roboterfabrik zwar, doch die Schuhe sind „made in Germany“. Etwa eine halbe Million Paar Schuhe könnten in Ansbach künftig vom Band gehen.

„Wir müssen aufpassen“, sagt Ulf Lunge. „Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Großen demnächst auch mit unseren Materialien experimentieren.“ Die sind vegan, umweltverträglich und durch Orthopädietechniker bei der Herstellung veredelt. „Wir haben auch schon Spione bei uns entdeckt“, sagt Bruder Lars.

Schwierige Zeiten für das Unternehmen gab es immer mal wieder. Ausgerechnet als die Expansion im Osten bevorstand, erkrankte Ulf Lunge. Nach vielen Arztbesuchen wurde erst eine Schwermetallvergiftung diagnostiziert. Dann setzte ihn ein Burn-out außer Gefecht. „Ich musste ziemlich plötzlich alles allein regeln“, sagt Lars Lunge. Inzwischen ist der ältere Bruder wieder fit. Über Umweltgifte und ihre schädlichen Wirkungen auf den Menschen kann er kenntnisreich referieren. Der Jüngere gibt dem Gespräch dann gern eine neu­tralere Richtung. „Wir ergänzen uns perfekt“, sagt er. „Ich bin der Hüter der Qualität, mein Bruder ist der Querdenker.“ So funktioniert erfolgreicher Familiensinn.