Gruppenvergewaltigung

Jugendliche Angeklagte benehmen sich im Gericht daneben

Die Angeklagten und ihre gesetzlichen Vertreter sowie die Anwälte beim Prozessauftakt am Donnerstag im Hamburger Landgericht

Die Angeklagten und ihre gesetzlichen Vertreter sowie die Anwälte beim Prozessauftakt am Donnerstag im Hamburger Landgericht

Foto: dpa

Fünf junge Menschen müssen sich für die Vergewaltigung eines Mädchens in Harburg verantworten. Einer soll Tat gefilmt haben.

Hamburg. Sie wirken wie Kinder, im negativen Sinne unreif, als sie am Donnerstagmorgen nacheinander den Haftbereich verlassen und Gerichtssaal 237 betreten. Vier junge Menschen, ein Mann (21) und drei Jungs (14, 16, 17). Sie sollen ein 14 Jahre altes Mädchen vergewaltigt, gedemütigt und schwer verletzt haben.

Die Tatvorwürfe wiegen schwer. Treffen sie zu, dürfte das Opfer lange unter den Folgen der Tat zu leiden haben. Vor diesem Hintergrund verhalten sich einige der männlichen Angeklagten zum Prozessauftakt völlig ungebührlich: Dennis M. – 14 Jahre alt, fusseliger Pubertierenden-Bart, nach hinten gegelte Haare – schickt eine weit ausholende Jubelgeste gen Zuschauerraum und ein breites Lächeln hinterher. Bosko P., der mit seinen 21 Jahren sehr kindlich wirkt, gockelt im betont machomäßigen Gang nach vorn, lächelt, winkt fröhlich den Zuschauern zu, macht Siegeszeichen – dafür gibt es Luftküsschen von den Angehörigen seiner Großfamilie zurück. Hinter den Angeklagten, außer hinter Bosko P., dem einzigen Erwachsenen in diesem Prozess, haben ihre Mütter Platz genommen. Auch eine junge Frau ist unter den Angeklagten, Lisa H. Die 15-Jährige soll den Missbrauch der 14-Jährigen mit ihrem Handy gefilmt haben.

Die Angeklagten sollen ihre Taten gefilmt haben

Im scharfen Kontrast zum unbekümmerten Auftritt der Angeklagten stehen die Tatvorwürfe: Gemeinsam sollen die vier angeklagten Männer die 14 Jahre alte Sabina A. (Name geändert) sexuell missbraucht und sie bei Temperaturen um den Gefrierpunkt im Hinterhof eines Wohnhauses an der Bornemannstraße abgelegt haben. Seit Donnerstag stehen sie wegen schweren sexuellen Missbrauchs einer widerstandsunfähigen Person und gefährlicher Körperverletzung vor Gericht. Lisa H. und ein weiterer Angeklagter müssen sich zudem wegen unterlassener Hilfeleistung verantworten.

Wie aus der Anklage der Staatsanwaltschaft hervorgeht, treffen sich die sechs jungen Leute in der Nacht zum 11. Februar in der Wohnung an der Bornemannstraße. Dennis M., der Jüngste in der Runde, feiert seinen 14. Geburtstag – er ist jetzt strafmündig. Alle sind angetrunken oder betrunken; niemand ist aber so berauscht wie Sabine A., die unter der Obhut des Jugendamts Wandsbek steht und eigentlich in einer Jugendwohnung lebt. An Alkohol ist sie überhaupt nicht gewöhnt. Gegen 6 Uhr am Morgen, Sabina A. liegt auf dem Sofa in einer Lache ihres eigenen Erbrochenen, entschließen sich Bosko P. und Alexander K. (16) spontan dazu, die 14-Jährige zu missbrauchen, so die Anklage. Da liegt das Mädchen schon halb im Delirium.

Beim folgenden Missbrauch mit einer Bierflasche, einer Wodka­flasche und einer Taschenlampe machen dann auch Dennis M. und Zivorad S. mit. Sabina A. schläft und schläft doch nicht, zwischendurch schreit sie laut auf, übergibt sich, dann sackt sie wieder weg. Die sadistischen Übergriffe werden von den Angeklagten in wechselnder Beteiligung mit ihren Mobiltelefonen gefilmt. Die Filme sollen als Beweismittel in den Prozess eingeführt werden.

Das Urteil wird im Oktober erwartet

Offenbar haben die Täter irgendwann genug. Laut Anklage trägt Bosko P. die bis auf eine Bluse und ihre Unterwäsche entkleidete Sabina A. zur Tür der Erdgeschosswohnung. Er legt sie auf ein Bettlaken, schleift sie in den abgeschirmten Innenhof. Bei Temperaturen, die nur knapp über dem Gefrierpunkt liegen. Sabina A. holt sich bei der Aktion ein paar Schrammen. Schließlich verlassen die vier Männer und Lisa H. den Tatort, verabschieden sich mit den Worten „Hau rein!“ voneinander. Sabina A. bleibt alleine zurück. Glück­licherweise hören Anwohner ihre Hilferufe und alarmieren die Polizei. Mit einer Körpertemperatur von nur noch 35,4 Grad kommt das unterkühlte Mädchen ins AK Harburg, dort wird es sofort auf die Intensivstation verlegt.

Ursprünglich hatte die Staatsanwaltschaft wegen eines versuchten Tötungsdelikts ermittelt, den Vorwurf in diesem Punkt aber zu einer gefähr­lichen Körperverletzung abgemildert. Die Angeklagten hätten, davon geht die Staatsanwaltschaft aus, möglicherweise darauf vertraut, dass die 14-Jährige rasch in dem Hinterhof entdeckt werden würde. „Die Würdigung dieser Beweise muss der Hauptverhandlung vorbehalten bleiben, sodass wir zu den maßgeblichen Details derzeit noch nichts sagen können“, sagt Gerichtssprecher Kai Wantzen.

Der Prozess geht vorerst über acht Verhandlungstage, ein Urteil wird nicht vor dem 12. Oktober erwartet. Abgesehen von der Anklageverlesung und der Urteilsverkündung wird hinter verschlossenen Türen verhandelt. Auf Antrag der Verteidigung entschied das Landgericht unter Vorsitz von Richter Georg Halbach am Donnerstag, dass die Öffentlichkeit – mit Blick auf das sehr junge Alter der Angeklagten – von der Verhandlung ausgeschlossen wird.

Drei der angeklagten Jugendlichen waren zwei Wochen nach der Tat verhaftet worden. Der 14- und der heute 17-Jährige kamen in Jugendeinrichtungen, aus denen sie flohen. Sie konnten kurz darauf gefasst werden. Der 21-Jährige stellte sich nach einer Öffentlichkeitsfahndung der Polizei, der 16-Jährige wurde in Rahlstedt aufgespürt.