Ton Steine Scherben

20 Jahre später: Woran Rio Reiser wirklich starb

Die Hamburger Rockband "Komitee für Unterhaltungskunst" mit Frontman Christian Rudolf im Knust

Die Hamburger Rockband "Komitee für Unterhaltungskunst" mit Frontman Christian Rudolf im Knust

Foto: Irene Jung / HA

In Hamburg wurde an den Sänger erinnert, der 1996 überraschend aus dem Leben schied. Weggefährten und Freunde erinnern sich.

Hamburg. Bei Rio Reiser gerieten sogar „taz“-Redakteure in ganz große Dichterlaune: „Wenn man ihn hört, weiß man, dass seine Küsse schmecken, wie das Taj Mahal im Mondschein aussieht.“ Kaum ein Künstler hat den Nerv einer Generation so vielschichtig getroffen, ob es nun um Hausbesetzungen, Liebe, Krieg oder Frieden ging. Entsprechend groß war der Andrang am Freitag im Knust: Rund 300 Fans wollten die Rio-Reiser-Nacht zum 20. Todestag des Künstlers erleben. Viele schon mit schütterem Haar und praktischer Ü-50-Freizeitkleidung, sogar Gehstöcke wurden beobachtet. „Wir waren überrascht, es war ja eher ein Versuchsballon“, sagt Michael Rode von der Band „Komitee für Unterhaltungskunst“, die den Abend organisiert hatte.

Woran Rio Reiser wirklich starb

Rund zweieinhalb Stunden lang sorgte das Komitee mit Titeln wie „Lass uns ’n Wunder sein“, „König von Deutschland“, „Junimond“ oder „Das ist unser Haus“ für heftiges Reiser-Feeling. Eine Wohltat, viele Reiser-Songs von einer Rockband zu hören, denn die Synthie-Arrangements aus den 80ern und 90ern wirken heute oft antiquiert. Zwischendurch wurde viel erzählt. Zwar ließ sich Reisers Bruder Gert Möbius, der aus seinem neuen Buch „Halt dich an deiner Liebe fest – Rio Reiser“ lesen sollte, entschuldigen: Der über 70-Jährige fühlte sich vom Veranstaltungsmarathon zum 20. Todestag überfordert.

Stattdessen kamen Weggefährten wie der Musiker Ramon Kramer und Reisers letzter Freund Jan Bajen zu Wort. Rio habe unglaublich viel gearbeitet, konnte aber auch launisch sein, erzählte er: „Wenn die Spaghetti zu hart waren, flogen sie schon mal an die Wand.“ Gleichzeitig sei Reiser ein nachdenklicher Mensch gewesen, der nicht nur oft in der Bibel, sondern auch im Koran las. Bajen lüftete auch das Geheimnis, woran Reiser am 19. August 1996 nun wirklich starb: Er verblutete an einer geplatzten Krampfader in der Speiseröhre. Offiziell war damals von Herzversagen die Rede.

Spätestens nach „Alles Lüge“ und dem ultimativen Lovesong „Für immer und dich“ war das Publikum auf den Beinen und sang aus vollem Hals mit. Zum Schluss gab es noch den Film über Reisers Konzert 1988 in Ostberlin. Auch damals, ein Jahr vor dem Mauerfall, traf er den Nerv seiner Zuhörer mit dem Refrain­ „Dieses Land is’ es nicht“.

Gert Möbius liest aus "Halt dich an deiner Liebe fest - Rio Reiser" auf dem Harbourfront Literaturfestival: Di., 20.9.2016, 20 Uhr im Imperial-Theater, Tickets: 16 Euro. Mehr Informationen unter harbourfront-hamburg.com.