Ton Steine Scherben

Corny Littmann: „Rio Reiser ist bis heute unerreicht“

Der Beagle von Corny Littmann heißt Rio, benannt nach dem 1996 gestorbenen Freund des Schmidt-Chefs

Der Beagle von Corny Littmann heißt Rio, benannt nach dem 1996 gestorbenen Freund des Schmidt-Chefs

Foto: Andreas Laible / HA

Vor 20 Jahren starb der legendäre Sänger. Theatermacher Corny Littmann erinnert sich an seinen Freund.

Hamburg.  Er wollte „Das alles und noch viel mehr“, so zumindest sang Rio Reiser einst in seinem Hit „König von Deutschland“. Das ist lange her. Vor 20 Jahren am 20. August 1996 starb Rio Reiser und mit ihm wohl der begabteste und feinfühligste Songschreiber, den wir je hatten. Als Solokünstler und Frontmann der Ton Steine Scherben war er eine Lichtgestalt, ein Prophet, ein Rebell, aber auch ein Getriebener, süchtig nach Liebe und Anerkennung.

Einer, der es wissen muss, ist Corny Littmann. Littmann betritt sein Theater, im Schlepptau hat er seinen sechs Monate alten Beagle, Name des Hündchens: Rio. Das ist kein Zufall. Den Schmidt-Theater-Chef und den Sänger verband eine Jahrzehnte währende Freundschaft. Reiser blickt lachend von einem Schwarz-Weiß-Foto im Foyer. Aus bewegten Zeiten. In München waren die beiden sich einst begegnet, 1976 beim Gastspiel der schwulen Theatergruppe Brühwarm, in der Littmann damals spielte. Ton Steine Scherben lieferte Musik für das linke Münchner Theaterkollektiv Rote Rübe. „Wir hatten große Lust miteinander zu arbeiten. Eine schwule Musikkultur war ja praktisch nicht vorhanden, daher haben wir beschlossen eine Platte zu machen“, erzählt Littmann, krault Rio, den Beagle, und zieht an seiner Zigarette. Aus der einmaligen Zusammenarbeit wurden drei Jahre gemeinsames Musiktheater. Rio Reiser und Brühwarm: Populäre Platten wie „Mannstoll“ und „Entartet“ entstanden.

Die Songtitel mögen heute vielleicht etwas befremdlich anmuten, damals müssen „Bisex Boogie“ oder „Heute blasen wir den Marsch“ für das Establishment ein echter Schock gewesen sein. „Das war eine Mischung aus Musik und Nummernabfolge, eine Art Comedy-Revue mit kurzen Szenen und vielen Songs“, so Littmann. Es passte in die Jahre, die auf vielen Ebenen bewegt waren: Friedensbewegung, Frauenbewegung, Schwulenbewegung, neue Lebensentwürfe, alternative Wohnformen, Kommunen und erste Bioläden.

Wenn er über Rio Reiser spricht, wird Corny Littmann leise und nachdenklich. „Er war ein ungeheuer kreativer Mensch. Diese Emotionalität in der Stimme, die Sehnsucht auch, die in den Songs durchklingt, das tiefe Gefühl, das er in jedem der Lieder transportieren konnte, ist bis heute unerreicht“, sagt er. Reiser hat für Ton Steine Scherben komponiert, getextet und gesungen.

Kampfeshymnen wie „Keine Macht für niemand“ oder „Die letzte Schlacht gewinnen wir“ waren Wasser auf die Mühlen der Berliner Hausbesetzerszene, die ihn für sich vereinnahmte. Vor deren Ansprüchen floh er mit Gleichgesinnten aufs platte Land nach Fresen­hagen im Kreis Nordfriesland. Auch dort war der Bandleader das Oberhaupt der Scherben-Familie. Er bekochte sie mit Suppe und rieb sich auf für ihren Fortbestand. „Er hat diese Verantwortung über die Maßen angenommen und getragen. Er nahm sich selbst nicht so wichtig“, erzählt Corny Littmann. „Daher hat er auch erst in den 1980er-Jahren seine längst überfällige Solokarriere gestartet. Die hat ihm Bauchschmerzen bereitet, weil Ton Steine Scherben ohne ihn kaum vorstellbar war.“

Anarchoszene missfiel, das Reiser auch über die Liebe sang

Der linken Anarchoszene missfiel, das Rio Reiser auch über die Liebe sang, die homosexuelle zumal. Das galt als unpolitisch. Er selbst stand in einem ungeheuren Spannungsfeld zwischen weiblichen Fangruppen, die seine sexuelle Präferenz ausblendeten, und einem Musikbusiness, das die Tatsache wohl oder übel hinnahm, aber nicht weiter thematisieren wollte.

Darunter litt er – und Corny Littmann war ihm auch deshalb lebenslang ein wichtiger Freund, ein Vertrauter auf gleicher Wellenlänge. „Seine Umgebung hat es ihm nicht leicht gemacht. Er war damit sehr allein. Ich habe mit ihm ganz normal über seine Homosexualität geredet, über seine Träume und Sehnsüchte.“ Sechs berührende Auftritte hat Rio Reiser auch im Schmidt Theater bei seinem Freund Corny Littmann hingelegt, darunter mehrere unvergessliche Solokonzerte.

Der innerlich Zerrissene schonte sich und seinen Körper nicht, war untergewichtig, flüchtete in Drogen. Am 20. August 1996 starb Rio Reiser, zwar nach gesundheitlichen Problemen, letztlich aber doch völlig überraschend an Kreislaufversagen. Er sei nicht krank gewesen, so Corny Littmann. Auf einer großen Trauerfeier wenige Wochen nach seinem Tod im Berliner Tempodrom mit den Einstürzenden Neubauten, Herbert Grönemeyer und anderen erzählte Corny Littmann als Moderator, wie er seinem Freund eines Abends in Hamburg sagte: „Du siehst schlecht aus. Komm, wir suchen dir einen Kerl.“ Er habe ihn dann mit einem Ex-Freund bekannt gemacht. Spontan flogen die beiden nach Florida und blieben jahrelang ein Paar.

Endlich einmal kümmerte sich Rio Reiser um sich selbst, um sein eigenes Leben. Littmann lächelt zufrieden, wenn er davon erzählt. „Das hat ihm gutgetan. Er war ein bescheidener, schüchterner Mensch, der gar nicht so sehr in der Öffentlichkeit stehen wollte“, sagt der Schmidt-Chef und streicht seinem Hund über das weiche Fell. „Ich habe viele Momente mit Rio Reiser erlebt, in denen er glücklich war.“

Unsterblich ist die Erinnerung an den Mann, der davon träumte, „König von Deutschland“ zu sein, sowieso. Längst.

Rio lebt! – Konzert, Talk, Buchvorstellung und Film zum 20. Todestag von Rio Reiser
Fr 19.8., 21.00, Knust, Karten 13,-