Gründerpreis

Die diskreten Kaputtmacher

Serie Teil 7: Was wurde aus den Siegern des Gründerpreises? Reisswolf-Mitgründer Volker Henning wurde mit dem Vernichten von Akten groß. Inzwischen hat er sich zurückgezogen – die Firma ist auf dem Weg in die digitale Welt

Zum Gespräch begleiten ihn vier Manager. Um Volker Henning zu „beschützen“, wie einer aus der Runde scherzt. Als ob der 67-Jährige darauf angewiesen wäre. Leicht gebräunt und mit der Ausstrahlung eines in sich ruhenden Menschen erzählt der Gründer von Reisswolf gut gelaunt, was geschehen ist, seit er 2002 für sein damals schon als Franchise-System ziemlich perfekt strukturiertes Geschäft mit der Aktenvernichtung den Gründerpreis als „Aufsteiger des Jahres“ erhielt. Die Kooperationspartner des Unternehmens „zerkleinern und vernichten diskret“ lautet das Versprechen. Das Firmenlogo zeigt einen stilisierten Wolf mit scharfen Zähnen. Aber bei Reisswolf wird nicht mehr nur zerstört – auch die Sicherung und Aufbewahrung von Daten gehören mittlerweile zum Geschäft.

„Sie wollen also tatsächlich die alten Geschichten noch einmal hören?“, fragt Henning und guckt amüsiert durch die Gläser seiner schwarz geränderten Brille. Eigentlich sei das so gar nicht seine Welt, bekennt er dann. „Weißt-du-noch-Geschichten“ langweilten ihn und Vergangenheit sei nun mal Vergangenheit. Außerdem sei er seit 2009 raus aus dem operativen Geschäft.

Doch er will kein Spielverderber sein. „Mit 23 Jahren habe ich zusammen mit meinem zwei Jahre älteren Bruder Hans-Heinrich das väterliche Recyclinggeschäft übernommen. 2007 haben wir es veräußert und gemeinsam das von uns schon 1985 gegründete Unternehmen Reisswolf fortgeführt. Mein Bruder ist 2000 aus dem operativen Geschäft ausgeschieden. Er lebt jetzt in Namibia und züchtet Rinder. Und ich genieße mein freies Leben und lasse die anwesenden Herren machen.“ So einfach kann Unternehmensgeschichte sein.

Dass das Familiengeschäft, gegründet bereits 1921, einmal von angestellten Managern geleitet werden würde, war ursprünglich nicht geplant. Acht Mitarbeiter gab es, als Emil Henning 1973 unerwartet im Alter von 56 Jahren starb. Die Söhne stiegen ein und machten aus der Firma eines der führenden Recycling-Unternehmen im Norden.

Parallel dazu bauten sie erst deutschlandweit, dann auch international die Reisswolf-Gruppe auf, die 2001 bereits einen Umsatz von 25 Millionen Euro erwirtschaftete und mehr als 100.000 Tonnen Papier schredderte. Heute liegt der Umsatz in Deutschland bei 57 Millionen Euro. Im europäischen Ausland werden mit 50 Lizenzpartnern an 70 Standorten etwa 40 Millionen Euro erlöst. Aber auch nach Asien, Afrika und dem Mittleren Osten wurde das deutsche Geschäftsmodell Aktenvernichten exportiert. Banken, Versicherungen, öffentliche Einrichtungen, aber auch die Privatwirtschaft fragen die Dienstleistungen der seriösen Norddeutschen nach.

Mit der Freiheit im Rücken, durch den Verkauf des Recycling-Unternehmens finanziell unabhängig zu sein, leitete Volker Henning mit 58 Jahren seinen Ausstieg und die familiäre Nachfolge ein. Tochter Julia, die Betriebswirtin, hatte schon während des Studiums viele Stationen im väterlichen Unternehmen durchlaufen, Schwester Katin hatte zwar Foto- und Kommunikationsdesign studiert und arbeitete für Modezeitschriften, doch als die Anfrage vom Vater kam, ob sie nicht in Teilzeit mal reinschnuppern wolle, machte auch sie mit. Per Vertrag wurde alles bis ins Kleinste geregelt. „Nicht aus Misstrauen, nur um Klarheit zu haben“, sagte damals Katin Henning. 2013 wurde Reisswolf als „Marke des Jahrhunderts“ ausgezeichnet – in einer Reihe mit Traditionsfirmen wie Nivea und Melitta.

Dass auch die Henning-Töchter sich vor zwei Jahren weitestgehend aus dem operativen Geschäft verabschiedet haben, hat mehrere Gründe. „Irgendwann war das Rad zu groß, an dem wir gedreht haben“, sagt ihr Vater. „Außerdem ist es schwierig, Familie und Karriere bei einem 14-Stunden-Arbeitstag unter einen Hut zu bringen.“ Vor allem war klar, dass auch bei Reisswolf die Zukunft digital sein muss. „Und das ist nur mit Spezialisten zu schaffen.“ Also beschloss der Familienrat, dass externe Manager das Ruder übernehmen sollten.

Seit dem vergangenen Jahr heißen die neuen Entscheidungsträger an der Spitze Burkhard Feiks, Vorstandschef der Muttergesellschaft Red File, Oliver Graumann (Vorstand der Reisswolf International AG) und Michael Schubert (Vorstand bei Red File für Reisswolf se­cret.service) sowie Torsten Wellnitz als Geschäftsführer der Tochterfirma CIBS, die für die Bereiche Dokumentation und Archivierung zuständig ist. „Die Familie gibt als Gesellschafter die Richtung vor, in die es gehen soll“, sagt Volker Henning. „Außerdem stellen wir die Mittel bereit für Investitionen und verzichten dafür auf so manches.“ Die Aussage begleitet ein listiges Augenzwinkern.

Tatsächlich ist der Henning-Clan längst finanziell abgesichert. „Die Familie muss nicht vom Erfolg der Reisswolf-Gruppe leben“, sagt er. Die fehlende Angst vor wirtschaftlichem Misserfolg mache zudem locker. „Deshalb geht es hier so zahm zu.“

Außerdem sei er ohnehin jemand, der gut loslassen könne. Damals, als er an die Töchter übergeben hatte, ging er mit Ehefrau Anja erst einmal ein halbes Jahr auf Reisen, um Abstand zu gewinnen. „Lebenszeichen haben wir nur gesendet, wenn wir bei Ikea oder bei McDonald’s online gehen konnten.“

Die digitale Transformation hat längst begonnen. Schon jetzt gibt es eine Reisswolf-Software, die wie ein virtueller Safe funktioniert. „Unser Server steht in Deutschland“, sagt Oliver Graumann. „Und wir sind auch nicht in der Cloud. Unser Geschäft ist die Datensicherheit. Bei uns bleibt alles in einer Hand und immer unser Eigentum.“ Feiks, der schon von 2003 bis 2007 für Volker Henning arbeitete, hat plötzlich eine Idee. Er habe kürzlich gelesen, dass die Justiz in Hamburg Probleme habe, ihre Akten ins elektronische Zeitalter zu überführen. Sein Vorschlag: „Wir können professionelle Hilfe anbieten. Außerdem sind wir günstiger.“

Die Reihe der Aktenkartons ist 1000 Kilometer lang

Eine Million Kartons mit Papierunterlagen lagern derzeit in einer Halle in Oststeinbek. In einer Linie aufgereiht entspricht das einer Länge von 400 Kilometern. Insgesamt sind es 1000 Kilometer Kartons, die verwahrt werden. Im Januar jeden Jahres wird geschreddert, was nicht mehr aufbewahrt werden muss. Unter höchsten Sicherheitsbedingungen, versteht sich.

Ein Großteil der Papiere und Akten wird zukünftig digitalisiert werden müssen. Das papierfreie Office im Internet wird zunehmend Normalität. Dafür gilt es, ein Konzept zu entwickeln. „Wir arbeiten daran, einen einheitlichen digitalen Standard für alle unsere Standorte zu entwickeln“, sagt Wellnitz, der IT-Experte in der Runde.

Und dann ist da ja auch noch der Privatkunde. Der soll künftig ebenfalls bedient werden. „Unsere Aufgabe besteht darin, ein Old-Commercial-Unternehmen zukunftssicher in die digitale Welt und an den Endverbraucher zu bringen“, sagt Manager Schubert.

„Charmant“ nennt Volker Henning die Idee vom erfolgreichen Übergang in die digitale Welt. Und verbreitet Optimismus. „Wir haben immer schon quergedacht“, sagt er. „Und ja, andere haben auch schon Ideen. Aber wir sind anders. Und wir sind besser.“