Heringsdorf

Hamburger Feuerwehrleute als Lebensretter am Strand

Der Hamburger Christian Fricke hat seinen Strandabschnitt an der DLRG-Station
in Süssau an der Ostsee fest im Blick. Sein Einsatz in der Urlaubsregion ist ehrenamtlich

Der Hamburger Christian Fricke hat seinen Strandabschnitt an der DLRG-Station in Süssau an der Ostsee fest im Blick. Sein Einsatz in der Urlaubsregion ist ehrenamtlich

Foto: Roland Magunia / HA

Baywatch an der Ostsee: Fünf Hamburger arbeiten in ihren Ferien in Süssau ehrenamtlich als Rettungsschwimmer für die DLRG.

Heringsdorf.  Ein Tornado über dem Meer und eine Herde Schweins­wale vor dem Strand – das waren selbst für die Rettungsschwimmer am Strand von Süssau dramatische Stunden. Feuerquallenalarm, Kinder auf abgetriebenen Luftmatratzen und sogar gekenterte Segler sind dagegen fast schon Routine, damit haben die DLRG-Männer regelmäßig zu tun. Sie sind zudem von Berufs wegen Notfallsanitäter bei der Feuerwehr in Hamburg. Und als solche weit größere Gefahren gewohnt.

Das Schichtschieben am Ostseestrand ist für Roger Freiheit, Peter Filip, Niels Schaefer, Christian Fricke und René Florek also wie Urlaub. In Süssau, einer kleinen Feriensiedlung zwischen Grömitz und Großenbrode, überwachsen sie rund 500 Meter Strand und etwa 800 Meter Badezone. Regelmäßig verbringen sie in Süssau sogar ihre Ferien. Oft mit Frau und Kindern, für die es ausreichend Platz gibt: in der Ferienwohnung des DLRG-Häuschens oder in einem der drei Wohnwagen, die den Rettungsschwimmern auf dem nahen Campingplatz zur Verfügung stehen.

Feuerwehrmänner als ehrenamtliche Rettungsschwimmer hat lange Tradition

Dass Hamburger Feuerwehrmänner in Süssau ihre Urlaube dem Ehrenamt widmen, hat eine lange Tradition. Angefangen hat alles 1926, als eine Gruppe von wassersportbegeisterten Feuerwehrmännern Kontakt zum DLRG-Landesverband aufnahm. Sie wollte bei der Wasserrettung helfen. Nachdem sie zunächst jahrzehntelang an einem See in Gudow auf Schwimmer und Nichtschwimmer aufgepasst hatte, zog sie dann nach Süssau. Dort campte sie zunächst wild am Strand, später errichtete die Gemeinde einen Campingplatz und baute für sie die damals modernste DLRG-Station an der Ostsee.

1961 wurde die Gruppe als eigenständiger Bezirk anerkannt, der noch heute neben „Alster“ und „Oberelbe“ zu den neun Bezirken des DLRG-Landesverbands Hamburg gehört. „Bis heute sind wir einer der wenigen Einsatzgruppen, die sich selbst verwalten. Die meisten anderen werden von der DLRG gesteuert“, sagt Roger Freiheit. Der 60-Jährige mit den weißen Haaren und dem sonnengegerbten Gesicht ist seit 1980 fast jeden Sommer in Süssau, seit 1990 hat er als technischer Leiter die Geschicke des Bezirks „Feuerwehr“ gelenkt.

Neben der DLRG-Tätigkeit bilden er und seine Kollegen auch die Rettungsschwimmer der Feuerwehr aus. Freiheit selber hat mit der von ihm in den 70er-Jahren mitbegründeten Sondereinsatzgruppe Tauchen auch den Grundstein für die Feuerwehrtaucher gelegt.

Da er, wie bei Polizei und Feuerwehr üblich, mit 60 pensioniert wurde, hat er auch sein Ehrenamt weitergegeben. Dennoch hat er es sich nicht nehmen lassen, heute selbst in Süssau vorbeizuschauen. Das wird er auch weiterhin so oft wie möglich tun. Die Kameradschaft innerhalb der Stamm-Crew von etwa 30 Feuerwehrmännern, die ihren Urlaub als Rettungsschwimmer in Süssau verbringen, ist groß.

Fast genauso lange wie Roger Freiheit ist Niels Schaefer (35) Süssau verbunden. Da schon sein Vater hier als Feuerwehrmann für die DLRG im Einsatz war, ist er am Ort quasi groß geworden, hat seine ersten Schritte auf der Promenade gemacht und im seichten Wasser schwimmen gelernt. Es folgte die klassische Laufbahn: mit 16 Jahren das erste Mal für die DLRG in Süssau aktiv, ab 2005 für die Feuerwehr, in der Feuer- und Rettungswache Sasel. Jetzt schaut er seiner eineinhalbjährigen Tochter Nell zu, wie sie über die Promenade flitzt. Sie freut sich sichtlich über die Aufmerksamkeit, die ihr auch die anderen rot gekleideten Männer schenken. Heute ist wegen des Wetters nichts los am Strand. Abgesehen von den Spaziergängern, die hier ab und zu vorbeikommen und einen Plausch halten wollen, ist wenig zu tun. Lediglich das Funkgerät wird den ganzen Tag abgehört, und obwohl nur wenige Segler unterwegs sind, hat immer einer auch das Wasser im Blick.

Ertrunken ist an ihrem Strandabschnitt noch niemand

Richtig dramatische Vorfälle habe es hier äußerst selten gegeben, sagt René Florek, dessen Vater zu den Gründungsmitgliedern der DLRG-Wache am Süssauer Strand gehörte. Ertrunken sei an diesem Strandabschnitt noch niemand. Notarztwagen oder Rettungshubschrauber kämen höchstens wegen Herzinfarkten oder Kreislaufschwächen auf den Campingplatz. Wache geschoben wird täglich von 9 bis 18 Uhr. Pro Saison sind insgesamt 30 Wachgänge zu absolvieren, von jeweils vier- bis fünfköpfigen Mannschaften. Manche bleiben nur wenige Tage, andere zwei Wochen.

„Trotz der angenehmen Arbeits­bedingungen und der Möglichkeit, die Familie mitzunehmen, haben wir Schwierigkeiten, für Süssau Nachwuchs zu generieren“, sagt Roger Freiheit. Er und sein Kollegen können das überhaupt nicht verstehen. „Der Freizeitwert ist enorm hoch. Nach der Schicht kann man kiten oder surfen, die Familie ist dabei, und man ist den ganzen Tag am Strand. Ein kostenfreier Urlaub. Was will man mehr?“