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Architektenkammer: Hamburg muss Billig-Wohnungen bauen

| Lesedauer: 7 Minuten
Friederike Ulrich, Oliver Schirg

Weniger Platz, Estrichfußböden, Bäder mit Minimalausstattung: „Wir müssen unsere Ansprüche reduzieren.“

Hamburg. Express- und Effizienzwohnungsbau – der Senat treibt den Bau günstigen Wohnraums voran. Das Abendblatt sprach mit Karin Loosen, Präsidentin der Hamburgischen Architektenkammer, über Chancen und Gefahren.

Sie sehen den Effizienzwohnungsbau kritisch. Warum?

Karin Loosen: Architekten hatten schon immer die Aufgabe, mit den Bauherren die kostengünstigste Lösung zu entwickeln. Derzeit ist das besonders wichtig, weil Hamburg mehr bezahlbaren Wohnraum braucht. Der Bedarf steigt nicht nur wegen des Zuzugs von Menschen. Es fallen auch viele Sozialwohnungen aus der Preisbindung heraus.

Viele Sozialwohnungen gehören Genossenschaften, und die erhöhen die Mieten nur moderat. Woran liegen aus Ihrer Sicht die hohen Mieten bei Neubauten?

Loosen: Die hohen Grundstückspreise tragen dazu erheblich bei. Durch eine bessere Politik der Grundstücksvergabe könnte man Kosten einsparen und effizientes Bauen fördern.

Was kritisieren Sie an der Vergabe?

Loosen: Für innovative Projekte mit kostensparenden Ansätzen werden zu wenige günstige Grundstücke zur Verfügung gestellt. Die Konzeptverfahren „im Drittelmix“, nach denen mindestens 30 Prozent neuer Mietwohnungen sozial gefördert sein müssten, waren ein erster Schritt.

Welche innovativen Projekte gibt es?

Loosen: Gespart werden kann durch kompaktere und sich wiederholende Grundrisse oder bei der Ausstattung. Ein Ausbau mit Estrichfußboden oder Bäder mit Minimalausstattung wären kostensenkende Ansätze. Solche Projekte könnte man fördern, indem man die Grundstücke dafür günstiger anbietet.

Was heißt kompakt? Kleiner?

Loosen: Wir müssen bei der Größe einer Durchschnittswohnung auch mal unsere Ansprüche unter die Lupe nehmen, wenn wir die Baukosten senken wollen. Derzeit leben wir auf großem Fuß. Wir sollten uns Gedanken über andere Grundrisskonzepte machen, minimaler ausgestattet, vielleicht loftartiger und über die Jahre flexibler nutzbar.

Ihr Lösungsvorschlag heißt also, einfach kleinere Wohnungen zu bauen?

Loosen: Ich plädiere dafür, beim Bau von Wohngebäuden das gesamte Quartier im Blick zu behalten und nicht nur an das einzelne Haus zu denken. Kleinere Wohnungen sind kein Problem, wenn es im Quartier schöne Parks und Plätze gibt. Die Menschen nutzen heute den öffentlichen Raum für soziale Kommunikation und zum gemeinschaftlichen Treffen. Bislang wird Wohnungsbau zu wenig städtebaulich gedacht.

Senkt das die Baukosten?

Loosen: Die Kostenoptimierung ist mit Sicherheit ein wichtiges Ziel, es reicht aber nicht, nur günstig zu bauen. Zumal das Thema nicht neu ist. Wir optimieren Bauabläufe im Wohnungsbau seit Jahren. Bevor der Bauantrag eingereicht wird, ist das Projekt in der Regel mit Bauherr und Bauwirtschaft kostenoptimiert durchgeplant.

Wie sollte die Stadt aus Ihrer Sicht an den Bau günstigen Wohnraums herangehen?

Loosen: Das ist ein komplexes Thema mit vielen Stellschrauben, und ich bedauere es sehr, dass der Stadtentwicklungsausschuss damit nicht befasst wurde. Was bislang beim Bau von kostengünstigen Expresswohnungen für Flüchtlinge bekannt wurde, ist eher ernüchternd. Da werden bestehende Typenbauten zu einem neuen Stadtteil addiert, aber die städtebauliche Quartiersqualität leidet. Auch gibt es für den ruhenden Verkehr noch keine intelligenten Lösungen. Später, wenn die Bewohner eigene Autos haben, werden die Straßenräume zugeparkt sein. Wie wäre es mit Carportdächern, die man, solange die Autos noch nicht da sind, als Quartierstreff nutzt? Wir sollten das „draußen“ als erweitertes Nutzungsangebot der Wohnungen verstehen, ähnlich wie Balkone und Terrassen.

Wie wäre es, einfach höher zu bauen?

Loosen: Das ist sicher ein Weg, wobei gesunde Wohnverhältnisse gewährleistet bleiben müssen. Man könnte bei Neubauprojekten generell ein Vollgeschoss mehr als im geltenden Baurecht ermöglichen, wenn keine negativen Auswirkungen wie die Verschattung von Nachbarhäusern nachgewiesen würden. Diese Sonderregelung könnte man auf fünf Jahre befristen. Wir würden damit eine höhere Verdichtung auf ausgewiesenen Baugrundstücken bekommen, eine bessere Ausnutzung bestehender Infrastruktur und eine Reduzierung des Flächenbedarfs für Wohnungsbau. Allerdings müssen die Freiräume besser qualifiziert werden. Dann ginge das.

Worin läge das Interesse der Investoren?

Loosen: Sie bekommen das Baugrundstück zu einem günstigen Preis, dürften höher bauen, müssten sich aber stärker als bisher um die Gestaltung des Freiraums kümmern. Viele Genossenschaften investieren ja schon jetzt in das Umfeld ihrer Wohngebäude, weil das langfristig den Wert ihrer Immobilie sichert. Die Politik hat Stellschrauben in der Hand, ihre stadtentwicklungspolitischen Ziele durchzusetzen.

Werden diese Stellschrauben genutzt?

Loosen: Ich habe die Sorge, dass die Politik derzeit schnelle Lösungen favorisiert und dadurch Quartiere entstehen, die irgendwann problematisch werden. Das widerspricht dem hohen Niveau im Hamburger Städtebau. Ich denke da an die guten Beispiele neuer Viertel in Hamburg: die HafenCity oder die Planung zur Neuen Mitte Altona.

Bedeutet billig zu bauen, dass es dann immer auch hässlich wird?

Loosen: Es geht mir nicht um Geschmack, sondern eher um eine „Standardisierung der Vielfalt“. An modularem Bauen, etwa mit sich wiederholenden Elementen in den Fassaden oder standardisierten Ausbauelementen wie Treppen und Sanitärkernen kommen wir nicht vorbei. Allerdings müssen wir, wie bei den beliebten Gründerzeithäusern, dabei nicht auf Vielfalt verzichten.

Wie kann diese bei Modulbauten aussehen?

Loosen: Man kann in mehreren Stadtteilen dieselben Hausmodule verwenden. Am Ende kommt es darauf an, wie sie städtebaulich gestaltet werden und ob die Situation vor Ort berücksichtigt wird. Mal verwendet man einen besonderen Kopfbau, mal unterschiedliche Gebäudehöhen, mal besondere Nutzungen im Erdgeschoss. Ich stelle mir das wie bei Legosteinen vor: Typisierte Bauteile werden unterschiedlich kombiniert, sodass am Ende innovative und unterschiedliche Viertel entstehen.

Sorgen neben den hohen Preisen für Grundstücke auch hohe staatliche Auflagen dafür, dass der Wohnungsbau so teuer ist?

Loosen: Die energetischen Auf­lagen haben inzwischen ein Maß erreicht, das kaum mehr sinnvoll und vor allem nicht praxisgerecht ist. Durch die Verschärfung der Energieeinsparverordnung steht der Aufwand in keinem Verhältnis mehr zu dem Nutzen, den er bringt. Aber das Problem kann Hamburg nur bedingt lösen, weil die Auflagen in Berlin und Brüssel beschlossen werden.

Wie könnte eine Entlastung aussehen?

Loosen: Man könnte die notwendige Be- und Entlüftung der Wohn­gebäude ohne eine teure Wärmerück­gewinnung gestalten. So würden auch die Nebenkosten für deren Wartung entfallen; ein Kostenfaktor, der gerade Baugenossenschaften belastet. Zudem sollte man gerade bei Gebäuden in lauten Lagen Lärmschutz- und Energieauflagen in Zusammenhang bringen. Vielleicht ist auch der Holzbau eine interessante Variante, Baukosten zu senken. Da gibt es kluge Systeme aus dem süddeutschen Raum, die man weiter verfolgen könnte. In diesem Punkt ist auch die Bauwirtschaft gefragt, innovative Ideen anzubieten. Die Politik könnte diese mit vergünstigten Grundstücken fördern.

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