Hamburg

Zu viele Förderkinder in den 5. Klassen der Stadtteilschulen

Schüler einer siebten Klasse der Heinrich-Hertz-Stadtteilschule
in Winterhude. Von der siebten Klasse an steigt in der Regel der Anteil ehemaliger Gymnasiasten an den Stadtteilschulen

Schüler einer siebten Klasse der Heinrich-Hertz-Stadtteilschule in Winterhude. Von der siebten Klasse an steigt in der Regel der Anteil ehemaliger Gymnasiasten an den Stadtteilschulen

Foto: picture alliance / dpa

Inklusion stellt viele Stadtteilschulen vor große Herausforderung. 72 Prozent erreichen den vorgesehenen Höchstwert.

Hamburg.  Noch ist das Schuljahr 2015/16 nicht beendet, aber an den Schulen läuft längst die Organisation der nächsten Unterrichtsrunde, die nach den Sommerferien beginnt. Dabei stellt sich heraus, dass die Inklusion – also die Beschulung von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Regelklassen – viele Stadtteilschulen vor große Herausforderungen stellt.

Laut Vorgabe der Schulbehörde sollen in einer Klasse höchstens vier Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf sitzen. Doch 28 der 58 Stadtteilschulen werden diesen Wert von August an in ihren fünften Klassen rechnerisch überschreiten. An weiteren 14 Standorten ist der Höchstwert von vier Kindern erreicht. Anders ausgedrückt: 72 Prozent der Schulen erreichen den Grenzwert oder haben ihn überschritten. Das hat der Senat in seiner Antwort auf eine Kleine Anfrage der CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Karin Prien jetzt mitgeteilt.

Der Wert von vier Kindern mit Förderbedarf ist nicht beliebig gewählt. Mit dieser Anzahl von Schülern, die im Unterricht eine besondere Aufmerksamkeit brauchen, gilt es aus Sicht der Behörde (noch) als möglich, auch alle anderen Kinder ihrem Leistungsstand entsprechend zu fördern.

Die Stadtteilschulen werden voraussichtlich 5177 Jungen und Mädchen in die fünften Klassen aufnehmen. Der Anteil der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf liegt bei 17,5 Prozent (908 Jungen und Mädchen). Die mit Abstand größte Gruppe sind 794 Schüler mit Defiziten in den Bereichen Lernen, Sprache sowie emotionale und soziale Entwicklung (LSE). Daneben gibt es Kinder mit speziellem Förderbedarf, etwa beim Hören, Sehen, der körperlichen und motorischen Entwicklung oder Autismus.

Vor allem die Standorte in sozial benachteiligten Gebieten weisen hohe Zahlen von LSE-Kindern auf. Die Stadtteilschule (STS) Lurup will 23 Kinder mit LSE-Förderbedarf in fünf Parallelklassen aufnehmen. In der Stadtteilschule Horn sind es 25 Kinder mit speziellem Förderbedarf in sechs Klassen. In der STS Mümmelmannsberg sind es sogar 30 Kinder, die auf sechs Klassen verteilt werden. Ähnlich ist die Situation in den STS Öjendorf (20 Kinder, vier Klassen) und Wilhelmsburg (28 Kinder, sechs Klassen). Alle genannten Schulen haben den Sozialindex 1 oder 2. Das heißt, dass der Bildungsstand der Eltern im Stadtteilvergleich relativ niedrig und der Anteil der Arbeitslosigkeit oder des Sozialhilfebezugs relativ hoch ist.

CDU-Schulpolitikerin Karin Prien weist darauf hin, dass die Schulen in sozialen Brennpunkten häufig auch besonders viele Flüchtlingskinder aufnehmen. Am Standort Horn gibt es eine Basisklasse und drei Internationale Vorbereitungsklassen (IVK) mit zusammen 60 Flüchtlingskindern. In Mümmelmannsberg sind es ebenfalls vier Klassen mit 59 Schülern, und an der STS Süderelbe, die 22 Kinder mit speziellem Förderbedarf in fünf Klassen aufnehmen will, lernen sogar 72 Flüchtlingskinder in fünf IVK-Klassen.

Die Schulbehörde setzt 860 zusätzliche Lehrerstellen für die LSE-Kinder ein

„Gerade vor dem Hintergrund der steigenden Zahlen von Flüchtlings­kindern an unseren Stadtteilschulen ist es umso wichtiger, dass die einzelnen Klassen und Schulen vor allem in sozialen Brennpunkten nicht über Gebühr mit Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf und Flüchtlingskindern belastet werden“, sagt Prien. „Inklusion und Integration können nur gelingen, wenn ein ausgewogenes Verhältnis unter der Schülerschaft herrscht.“

Die Schulbehörde macht eine andere Rechnung auf. Die Zahl der inklusiv beschulten Schüler in der fünften Klassenstufe der Stadtteilschulen sei in den vergangenen drei Jahren weitgehend konstant geblieben. „Aufgrund der etwas niedrigeren Anmeldezahlen bei Stadtteilschulen insgesamt werden in 25 der 263 fünften Klassen mehr als vier Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf LSE eingeschult“, sagt Behördensprecher Peter Albrecht. In 90 Prozent der Klassen liege die Quote niedriger. Von der siebten Klasse an sinke der Anteil der LSE-Kinder ohnehin, weil dann einige keinen Förderbedarf mehr aufwiesen und zudem rund 1000 Schüler zumeist aus den Gymnasien aufgenommen würden.

Grundsätzlich gehe es der Behörde darum, dafür zu sorgen, dass Kinder mit speziellem Förderbedarf gleichmäßig auf die Schulen verteilt werden. Albrecht räumt jedoch ein, dass es aufgrund der hohen Zahl förderbedürftiger Kinder in einigen Stadtteilen Schulen mit mehr als vier LSE-Kindern pro Klasse gebe. „Manche Stadtteilschulen, etwa die der Elbinsel, entscheiden sich auch bewusst zur Aufnahme eines zusätzlichen LSE-Kindes, um so einen langen Schulweg zu verhindern“, sagt Albrecht.

Die Schulbehörde setzt zurzeit 860 zusätzliche Lehrerstellen ein, um LSE-Kinder an den Regelschulen besser zu fördern. Seit dem vergangenen Jahr erfolgt die Zuweisung der Stellen an die Schulen passgenau nach der Anzahl der förderbedürftigen Kinder.