Hamburg

Schon 100 Wale im Hafen – Gefahr durch Hafengeburtstag

Stintschwärme locken die Schweinswale in die Elbe (Symbolfoto)

Stintschwärme locken die Schweinswale in die Elbe (Symbolfoto)

Foto: B3500 Bernd Lammel Wwf / dpa

Die Tiere jagen nahe dem Elbufer – angelockt von großen Stintschwärmen. Experten rechnen mit vielen toten Walen beim Hafengeburtstag.

Hamburg. Mitten im Hamburger Hafen, am Südufer, vor Blankenese, Övelgönne, Teufelsbrück und sogar in der Norderelbe beim Anleger Entenwerder: In diesem Frühjahr lassen sich die Schweinswale besonders häufig in der Hansestadt blicken. „So viele Schweinswale gab es seit 100 Jahren nicht mehr in der Elbe“, sagt Denise Wenger, Walschutzexpertin bei der Gesellschaft zur Rettung der Delphine (GRD), dem Abendblatt.

Die Diplom-Biologin schätzt, dass sich etwa 80 bis 100 Exemplare der Meeressäuger in dem Gewässer tummeln. Das sei jedoch nur eine grobe Schätzung, sagt sie. „Auffällig ist, dass sich momentan große Gruppen von 15 bis 17 Schweinswalen vom Elbufer aus beobachten lassen“, so Wenger. Ein guter Beobachtungspunkt sei Teufelsbrück. „Dort schwimmen sie vorbei, um etwa im Köhlbrand zu jagen.“ Zudem sei das Gebiet sehr übersichtlich.

Die Wale jagen in Ufernähe im Flachwasser

Ungewöhnlich ist es nicht, dass sich die kleinen Wale momentan gerne im Hamburger Raum aufhalten. „Die kleinen Tümmler folgen im Frühling den wandernden Fischarten Stint und Finte, die zum Laichen die Elbe hinaufschwimmen.“ Und davon gibt es inzwischen wieder sehr viele – anders als in den vergangenen knapp 100 Jahren, in denen die Wasserqualität der Elbe miserabel war.

Seit sich die Wasserqualität verbessert hat, gibt es auch wieder Stinte und Finte. Mit dem attraktiven Nahrungsangebot kommen auch die Schweinswale zurück in die Elbe. „Die Stintschwärme ziehen die kleinen Wale mit“, erklärt Wenger. „Meistens gehen sie im Flachwasser auf die Jagd, 20 bis 30 Meter vom Ufer entfernt – denn dort schwimmen auch die Stinte.“

Wale jagen sogar zwischen Containerschiffen

Zudem sei die südliche Nordsee überfischt, so dass es die Tiere in den Norden treibe. „Sogar im Hafen zwischen den Containerschiffen jagen die Schweinswale trotz Lärm und Schmutz die kleinen Stinte“, sagt die Schweinswalexpertin. „Das ist bestimmt kein Vergnügen für die Meeressäuger.“

Für die bis zu 1,85 Meter langen Zahnwale ist die Elbe mitunter sogar ein äußerst gefährliches Terrain. Containerschiffe, Fähren, Lotsenschiffe und schnell fahrende Motorboote können für die Tiere schnell zum Verhängnis werden. „Sie müssen den Booten ständig ausweichen und sind dem Lärm ausgesetzt – das bedeutet Stress für die Wale.“

Gerade auf der Strecke vom Hamburger Hafen bis nach Blankenese seien die Schnellboote eine Gefahr für die Wale, sagt Denise Wenger. Ein Zusammenstoß würde von den Skippern vermutlich nicht bemerkt werden. Da sich in diesem Frühjahr so viele Schweinswale in der Elbe blicken lassen und die Meeressäuger schon häufig für Schlagzeilen gesorgt haben, hofft die Biologin, dass die Menschen auf dem Wasser verstärkt Acht geben auf die Tiere.

Hafengeburtstag fordere immer tote Tiere

Aber vor allem hofft Wenger, dass die Schweinswale kommende Woche wieder Richtung Nordsee ziehen. Grund ist der Hafengeburtstag, bei dem vom 5. bis 8. Mai mehr als 300 Schiffe erwartet werden. „Der Hafengeburtstag fordert immer Todesopfer unter den Tieren“, sagt die Expertin. Die vielen Schiffe, der Lärm – für Schweinswale wird es da schwierig, sich immer rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.

Ein Problem ist, dass sich die Stintwanderung in diesem Jahr länger hinzieht. „Da es noch so kühl ist, haben die Stinte noch nicht abgelaicht“, so Wenger. Denn das Wasser muss dafür wärmer als 9 Grad Celsius sein. Die Folge: Solange die Stinte da sind, locken diese auch die Schweinswale in die Elbe.

Denise Wenger untersucht bereits seit neun Jahren die Rückkehr der Schweinswale in der Weser, 2012 fand sie die ersten in der Elbe. Um sich für den Schutz der kleinen Wale einsetzen zu können, sammelt sie genaue Daten. Jeder kann das Schweinswal-Fluss-Projekt unterstützen. Denn bei den Erhebungen zur Verbreitung des Schweinswals bittet die GRD auch die Öffentlichkeit um Mithilfe. Wer einen Schweinswal sichtet – tot oder lebendig –, kann dies im Internet per Formular melden. Auch Beweisfotos sind willkommen. Auf einer interaktiven Karte werden die Schweinswal-Sichtungen registriert.