Harburg
58 Sichtungen

Schweinswale lieben die Süderelbe

Foto: B3500 Bernd Lammel Wwf / dpa

Seit vielen Jahren untersucht Denise Wenger das Vorkommen der kleinen Wale in dem Fluss. Sie lassen sich immer häufiger am Südufer zwischen Stade und Harburg sehen.

Stade/Harburg.  Sie folgen den Stinten die Elbe hinauf und lassen sich in diesem Frühjahr besonders häufig sehen: 58 Sichtungen meldet die Gesellschaft zur Rettung der Delphine (GRD) aus dem Raum Hamburg. Sie hatte den Ostermontag zum Schweinswal-Zähltag ausgerufen und haben die bis Freitagnachmittag eingegangenen Meldungen nun ausgewertet. Viele stammen vom Südufer der Elbe.

Der knapp menschengroße, auch Kleiner Tümmler genannte Zahnwal ist die einzige Walart in deutschen Gewässern. Fast 100 Jahre war er aus den Nordsee-Zuflüssen Elbe, Ems und Weser verschollen. Deren Wasserqualität war so schlecht, dass sich Fische dort kaum halten konnten – damit fehlte den Schweinswalen die Nahrungsgrundlage. Diese sind ohnehin nur Saisongäste. Denn sie jagen wandernden Fischarten hinterher (Stint und Finte), die im Frühjahr zu ihren Laichgebieten die Flüsse hinauf schwimmen.

„Wie wir aus Daten der Vorjahre wissen, schwimmen die kleinen Wale oft in Ufernähe und werden deshalb von Spaziergängern und Besuchern der Restaurants am Elbufer gesichtet“, sagt Denise Wenger, Schweinswalexpertin bei der GRD. Manchmal durchqueren sie das Mühlenberger Loch, so Wenger. Dort, aber auch im Hauptstrom der Elbe seien sie besonders durch schnell fahrende Motorboote gefährdet. „Bei schönem Wetter, wenn mehr Boote unterwegs sind, finden wir mehr tote Wale.“ Die Biologin appelliert an Bootsbesitzer, bis Ende Mai besonders aufmerksam und nicht mit Vollgas zu fahren, um die Meeressäuger zu schützen.

Schweinswale nehmen beim Jagen mehrmals in der Minute einen Atemzug an der Wasseroberfläche und tauchen dann einige Minuten ab. Auf ihren Wanderungen atmen sie im Minutenabstand und sind dabei relativ gut zu entdecken. Die meisten Sichtungen geschehen am Nordufer der Elbe zwischen Blankenese und Nienstedten, das zeigen die im Internet veröffentlichten Karten (www.delphinschutz.org, „Aktuelle Projekte“). Aber auch zwischen Stade und dem Köhlbrand/der Süderelbe haben sich die dunkelgrauen Tiere mit ihren kleinen, markanten Rückenflossen sehen lassen.

Am Fähranleger Stadersand wurden bereits am 13. März zwei Schweinswale gemeldet, die in Ufernähe ruhig Richtung Cuxhaven schwammen. Über die Ostertage beobachteten Spaziergänger und Wohnmobilbesitzer in der Nähe des Lüheanlegers jeweils mehrere Tiere, einmal sogar eine Gruppe von fünf Walen. Ein Kajakfahrer meldete am Ostersonnabend einen Wal im Nebenwasser der Elbinsel Hanskalbsand/Neßsand. Am Auedeich von Finkenwerder waren am 26., 28. und 29. März jeweils zwei Tiere gesichtet worden, ebenso am Donnerstag und Freitag nahe des Fähranlegers. Am Mittwoch waren zwei bis fünf Tiere im „Abzweiger“ der Süderelbe, in der Rethe aktiv.

Seit neun Jahren untersucht Denise Wenger die Rückkehr der Schweinswale in der Weser, 2012 fand sie die ersten in der Elbe. „2013 kamen besonders viele Schweinswale nach Hamburg. Damals wurden im Köhlbrand über mehrere Wochen täglich bis zu zehn Wale beim Jagen beobachtet“, sagt die Biologin. 2014 und 2015 herrschte eher Flaute. Wenger führt das auf die milde Frühjahrswitterung in den beiden Jahren zurück, da seien die Stinte sehr früh und über einen kurzen Zeitraum zu ihren Laichplätzen geschwommen. In diesem Jahr habe das kalte Frühjahr dafür gesorgt, dass sich die Stintwanderung zeitlich stärker hinzieht – mit dem Ergebnis, dass mehr Wale folgen. Dafür spricht auch, dass in der Elbe oft Jungtiere gesichtet werden, die gern kleine Fische jagen, also auch Stinte.

Die bessere Wasserqualität habe die Voraussetzung geschaffen, dass wieder mehr Fisch im Fluss ist, sagt die Walschützerin. Doch auf der Nahrungssuche begeben sich die Schweinswale auf gefährliches Terrain: Sie riskieren Kollisionen vor allem mit Sportbooten, leiden unter dem Unterwasserlärm durch Schiffsantriebe, Bauarbeiten oder durch Messungen, die auf Schall basieren. Sie sind zudem Schadstoffen ausgesetzt, die zum Beispiel bei Baggerarbeiten freigesetzt werden.

Nicht immer ist der Weg nach Hamburg eine gute Idee, das zeigen die Totfunde am Elbufer. Am Ostermontag wurde ein totes Schweinswal-Kalb vor Blankenese gefunden, einer von zwei toten Walen, die seit Februar aus der Elbe geborgen wurden.

Für Spaziergänger, die einen gestrandeten Wal sehen, gibt die GRD Erste-Hilfe-Tipps: Wirkt das Tier gesund, dann sollten Helfer es zurück ins Wasser bringen. Dagegen muss ein verletztes Tier auf jeden Fall liegen gelassen werden, denn es hat sich wahrscheinlich ans Ufer gerettet, um weiter atmen zu können.