Islamischer Staat

Der Hamburger Junge, der zum IS-Kämpfer wurde

| Lesedauer: 8 Minuten
Daniel Herder
Florent alias
Bilal – hier beim
Kletterspaß an der
St. Pauli Kirche im
Sommer 2008

Florent alias Bilal – hier beim Kletterspaß an der St. Pauli Kirche im Sommer 2008

Foto: privat

Der 17 Jahre alte Florent wuchs auf St. Pauli auf. Pastor Sieghard Wilm verfolgte seine Radikalisierung - und übt Kritik an Behörden.

Hamburg.  Als Florent versteht, ist es längst zu spät. Der junge Hamburger befindet sich in Raqqa, mitten im Dschihadgebiet also, in das er im Frühjahr 2015 gereist ist, um für die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) zu kämpfen. Irgendwann, vermutlich im Juli 2015, hat Florent das perfide Spiel der Terroristen durchschaut. Ihre falschen Versprechen. Ihre Lügen.

Lügen. So nennt er es in seiner letzten Audiobotschaft, die er kurz vor seinem Tod als Warnung für seine Glaubensbrüder über das Internet abgesetzt hat – und die der Hamburger Verfassungsschutz jetzt auf seiner Homepage veröffentlicht hat. Die sechsminütige Audiosequenz ist vor allem eine Abrechnung. Der IS habe ihm alles versprochen und nichts gehalten, sagt Florent.

Arabische Glaubensbrüder seien wie Kanonenfutter an der Front in die vorderste Reihe geschickt worden. „Das ist so, du kannst gleich ’ne Pistole nehmen und dir in den Kopf schießen“, ist in dem Mitschnitt zu hören. Kurz darauf stirbt Florent, 17 Jahre alt, eines unbekannten Todes.

In den Hamburger salafistischen Kreisen wird nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes gemunkelt, der IS selbst könnte Florent umgebracht haben. Sieghard Wilm, der Florent gut kannte, sitzt in seinem Büro am Park Fiction, da wo St. Pauli mit am schönsten ist. Wer aus dem Fenster schaut, blickt direkt auf den Hafen, links steht die Ruine des abgebrannten Golden Pudel Clubs. „So beschaulich, wie es sich auf den ersten Blick darstellt, ist es natürlich nicht“, sagt der Pastor der St. Pauli Kirche. Gerade hier, im Herzen von St. Pauli, direkt vor seiner Haustür, spielten sich häufig schlimme Dinge ab. Doch nach 14 Jahren Gemeindearbeit, die vielfach Sozialarbeit ist, weiß Wilm: Nicht jeder Gestrauchelte ist zu retten.

Auch Florent war nicht zu retten, was Wilm traurig und fassungslos macht. Sein Abrutschen in die islamistische Szene wäre wohl zu verhindern gewesen, glaubt der 50-Jährige, denn die Radikalisierung des Jungen sei immer wieder Thema gewesen im Stadtteil. „Wenn Florents Tod einen Sinn gehabt hat, dann ist es diese Audiodatei, die vielleicht dazu führt, dass sich andere nicht dem IS anschließen.“

"Ein Racker eben mit großer Klappe"

Wilm lernt den Jungen 2008 kennen, er ist der beste Freund seines Pflegesohnes. Bald geht er bei ihm ein und aus. Er habe ihn als sehr herzliches, sehr fröhliches Kind erlebt. „Ein Racker eben mit großer Klappe“, sagt Wilm. Auf seinem Laptop zeigt er Fotos aus früheren Tagen: Florent, wie er sich im Sommer mit zwei Freunden auf der Straße von einem Sprinkler berieseln lässt; Florent beim Klettern an der Kirchenwand; Florent auf dem Kindergeburtstag seines Pflegesohns. Ein Foto zeigt ihn mit einem Armband, an dem Bilder christlicher Heiliger aufgereiht sind. Wer dort lebt, kennt den Dreikäsehoch mit dem auffällig offenen, ansteckenden Lachen. Ein Junge, der das Leben umarmt. „Er war einer von uns“, sagt Pastor Wilm. Warum nur verschreibt sich ein so unbeschwerter Junge dann Hass, Mord und Terror?

Vielleicht, weil Florent schon damals mehr Probleme mit sich herumträgt, als es den Anschein hat. Als Kleinkind ist er mit seiner Mutter und zwei Geschwistern von Kamerun nach Deutschland ausgewandert. In Hamburg findet die Familie nahe der Reeperbahn eine Bleibe. Die Mutter, eine strenggläubige Christin, die gelegentlich Gospellieder in der St. Pauli Kirche singt, ist mit der Situation völlig überfordert, Florents Bruder kommt zwischenzeitlich in die Psychiatrie. Der Vater, der in Kamerun geblieben ist, fehlt allenthalben. In der Familie findet Florent keine Stabilität. „Für mich war er immer jemand, der auf der Suche nach Wärme und Anerkennung war, der sich zugehörig fühlen wollte“, sagt ein Sozialarbeiter, der den Jungen im Kindesalter zeitweise betreut hat.

Salafisten als Ersatzfamilie

Halt findet Florent 2012 in der salafistischen Szene, da ist er 14 Jahre alt. „Warum ausgerechnet bei denen?“, fragt sich Wilm heute, „zumal der Junge eine Reihe anderer Hobbys hatte, Fußball etwa“. Florent kleidet sich wie viele Salafisten, trägt weiße Pluderhosen und lange weite, weiße Hemden. Mit sechs anderen Jungs bildet er eine Islamisten-Clique. Alle laufen mit diesen Klamotten herum, alle haben den gleichen Duktus: kaum ein Satz, in dem nicht wenigstens einmal das Wort „Inschallah“ oder „mein Bruder“ fällt. Florent hat seine Ersatzfamilie gefunden.

Er lebt nun stramm nach dem bigotten Weltbild der Islamisten. Mädchen, die kein Kopftuch tragen, bepöbelt er; mit dem erhobenen rechten Zeigefinger rezitiert er ständig Koranverse; wer nicht seine extremen religiösen Ansichten teilt, ist für ihn ein „Kuffar“, ein Ungläubiger. Damit eckt er auch bei den muslimischen Kids an, die er seit Jahren aus dem Jugendhaus der St. Pauli Kirche kennt. Er weigert sich, Lehrerinnen die Hand zu geben, in den Schulpausen besucht er mit anderen Schülern eine nahe gelegene Moschee. Florent möchte auch nicht mehr Florent heißen, sondern in Verehrung des dunkelhäufigen Gefährten des Propheten Mohammed nur noch Bilal genannt werden. So wie andere Teenager für Fußball schwärmen, schwärmt Florent für den IS und salafistische Popstars wie den Kölner Hassprediger Pierre Vogel. Selbst die Gräueltaten des IS sind für ihn Ausdruck reinsten Heldentums. Auf einem der Propagandafilme, die er reihenweise auf Facebook postet, ist zu sehen, wie eine Leiche an die Stoßstange eines Jeeps gekettet und über die Straße gezogen wird.

Die Veränderungen entgehen auch der Schule nicht. Runde Tische mit der Polizei, mit Schulvertretern und Sozialarbeitern werden anberaumt. Schließlich setzt die Schule durch, dass Florent wieder alltagstaugliche Klamotten trägt – viel mehr passiert aber nicht. Während der Junge äußerlich wieder einem normalen Teenager ähnelt, setzt sich die Radikalisierung im Innern fort. An den Wochenenden, meist am Hauptbahnhof, verteilt er an den Ständen der Kampagne „Lies!“ den Koran. Ende 2014 trifft Wilm den Jungen dort zufällig. Es ist das letzte Mal, dass er ihn sieht. Die beiden geben sich die Hand, wechseln ein paar Worte. „Diese natürliche Fröhlichkeit, die war bei Florent schon nicht mehr da“, sagt Wilm. Dass sich der Junge religiös radikalisiert hatte, wusste Wilm. schon lange, „aber dass er zur Gewalt bereit ist – das hätte ich ihm nicht zugetraut. So war Florent nie“, sagt Wilm.

"St. Pauli hat sich nicht mir Ruhm bekleckert"

Hätte Florent vor den Rattenfängern des IS gerettet werden können? „Ich vermute es, aber leider hat sich St. Pauli hier nicht mit Ruhm bekleckert“, sagt Wilm. Termine seien verschoben, beschlossene Maßnahmen nicht umgesetzt worden, so hätten sich „Übergabelücken“ aufgetan. „Man hätte sofort handeln müssen, doch das Problem wurde verschleppt“, sagt Wilm. „Wir brauchen künftig kompetente Menschen, die sich mit der Salafistenszene sehr gut auskennen, am besten eine Art Kriseninterventionsteam – damit so etwas nicht noch einmal passiert.“

Der desillusionierte IS-Kämpfer – halb Kind, halb Mann – starb vermutlich im Juli 2015. In dem veröffentlichten Audiomitschnitt habe er für ihn nicht geklungen wie Bilal, sondern wie der alte, der integre Florent, sagt Wilm. „Aber da war es leider schon zu spät.“

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