Medizin

Der Arzt aus Hamburg, der kein Geld mehr nimmt

Dr. Matthias
Angrés hat die
Hamburger
Stiftung Robinaid
gegründet

Dr. Matthias Angrés hat die Hamburger Stiftung Robinaid gegründet

Foto: Robinaid

Matthias Angrés, ehemaliger Ärztlicher Direktor des Albertinen-Krankenhauses warf seinen Job hin, um in armen Ländern zu helfen.

Hamburg.  „Eddy würde ich am liebsten mit nach Hause nehmen“, sagt Dr. Matthias Angrés, 58. Der Intensivmediziner hat den kleinen rumänischen Jungen in Bukarest vor einem halben Jahr nach einer schweren Herzoperation betreut und dafür gesorgt, dass dieser schnell wieder auf die Beine kam. Der Vierjährige war nicht nur schwer krank. Er wurde nach der Geburt von seinen Eltern in der Klinik zurückgelassen und lebt in wechselnden Waisenhäusern. Er ist zudem Autist und hat bis vor Kurzem nicht ein Wort gesprochen. „Auf meinem Arm hat er angefangen zu reden. Ich besuche ihn jedes Mal, wenn ich in Bukarest bin. Am liebsten würde ich ihn adoptieren, aber Auslandsadoptionen sind in Rumänien verboten“, erzählt Angrés.

All seine Kraft und Energie setzt der ehemalige Ärztliche Direktor des Albertinen-Krankenhauses für kranke Kinder ein: Seit sieben Jahren reist er in arme Länder, um dafür zu sorgen, dass Kinder, die wegen eines angeborenen Herzfehlers operiert werden müssen, nach dem Eingriff schnell wieder gesund werden. Dafür hat er in Hamburg die Stiftung Robinaid gegründet.

Die Idee dazu entstand, als im Albertinen-Krankenhaus 2007 ein Hilferuf aus Afghanistan einging. Die Ärzte sollten sich um vier Kinder mit Verbrennungen kümmern. „Der Einsatz in Kabul hat mein Leben verändert. Ich bin mit einem Team und viel Ausrüstung dorthin geflogen und habe zum ersten Mal das ganze Ausmaß einer solchen Katastrophe gesehen, was es bedeutet, wenn ein Kind mit schweren Brandverletzungen im Bett liegt und niemand ihm helfen kann“, erzählt Angrés. Die Kinder wurden über eine Luftbrücke nach Deutschland gebracht und hier behandelt. Zu der Zeit entstand auch die Herzbrücke des Albertinen-Krankenhauses, die bis heute Kinder aus Afghanistan in Hamburg behandelt.

Doch die Bilder aus Kabul ließen den Mediziner nicht mehr los. Und so traf er ein Jahr später die Entscheidung: Ich steige aus meinem Job aus und gründe eine Stiftung, um Kindern in ihrer Heimat zu helfen. Und dort durch die Ausbildung von Medizinern Strukturen zu schaffen, die sie in die Lage versetzen, die Patienten auch ohne ausländische Hilfe zu behandeln.

Im Krankenhaus in Kabul lernte Angrés Mitarbeiter der französischen Hilfsorganisation Chaine de l’Espoir (Kette der Hoffnung) kennen, die ein ähnliches Konzept verfolgt. Heute ist Robinaid Teil eines Netzwerks unter dem Dach dieser Organisation, an dem mittlerweile Ärzte aus weiteren drei europäischen Ländern beteiligt sind. „Die Herzchirurgen kommen aus Italien, die Kardiologen aus Frankreich, die Anästhesisten aus Portugal, die Intensivmediziner kommen immer aus Deutschland. Wir konzentrieren uns auf die Kinderintensivmedizin und dabei fast ausschließlich auf die Kinderherzintensivmedizin“, erzählt Angrés. Zurzeit arbeitet Robinaid in Projekten in Rumänien, in Kairo, im Senegal, in Ägypten und in Kamerun.

Für die Stiftung sind aus Deutschland vier Intensivmediziner und ein Kinderarzt im Einsatz, sowie fünf bis zehn Schwestern. Alle arbeiten ehrenamtlich, Anreise und Unterbringung wird bezahlt. „Die Einsätze werden finanziert. Wir machen zu über 90 Prozent Auftragsarbeiten. Ein Beispiel sind die regelmäßigen Einsätze in Bukarest, die über das Ministerium für Gesundheit in Rumänien von der Europäischen Union bezahlt werden. Medikamente bezahlen wir über unsere Stiftung, Sponsoren und Spendern und bringen sie mit“, sagt Angrés

Unterstützung erhält er von seiner Familie in Hamburg „Wir leben von dem, was wir haben, und von dem, was meine Frau als Ärztin verdient. Seit 2010 habe ich kein Geld mehr verdient“, sagt der Mediziner. Seine Frau und seine 14-jährige Tochter sieht er allerdings nur noch selten. 40 Wochen im Jahr ist er für das Netzwerk unterwegs.

„90 Prozent meiner Tätigkeit ist Arbeit mit Patienten. Die Kinder werden von den Herzchirurgen operiert, danach kommen sie beatmet auf die Intensivstation. Dann ist es unser Job als Intensivmediziner, sie innerhalb von wenigen Stunden so fit zu machen, dass man alle Schläuche entfernen kann und sie dieses große Trauma Herzchirurgie überstehen und gesund werden“, erzählt Angrés. Bei den Einsätzen, die in der Regel zwei Wochen dauern, werden von den Ärzten des Netzwerks vor allem komplizierte Herzfehler operiert. Im Durchschnitt sind das zwei Operationen pro Tag. Weniger komplizierte Eingriffe sollen möglichst Herzchirurgen vor Ort vornehmen. „Wir behandeln nicht nur die Patienten, sondern bieten auch komplette Ausbildungsprogramme für Ärzte in der jeweiligen Region an. Beide Säulen haben bei uns den gleichen Stellenwert“, sagt Angrés.

Die Bedingungen, unter denen die Ärzte dort arbeiten, sind nur zum Teil mit deutschen Standards vergleichbar. Deswegen müssen alle, die bei der Stiftung mitarbeiten, sehr gut improvisieren können. Bei Einsätzen außerhalb Europas ist viel vorzubereiten. „Wenn ich dorthin komme, muss ich alle Apparate überprüfen, und aus fünf Beatmungsgeräten drei zusammenbauen, die funktionieren. Um alles kümmern heißt: Die Technik muss laufen, Medikamente müssen da sein, Material muss gecheckt werden, es muss sauber sein, der Sterilisator muss funktionieren, und wir müssen uns mit dem Personal vor Ort verständigen können.“

Trotzdem gibt es Situationen, die nur mit viel Erfahrung und Nervenstärke zu bewältigen sind. „Bei unserem letzten Einsatz in Kairo fiel während der OP der Strom aus. Das Kind war an die Herz-Lunge-Maschine angeschlossen. Wenn diese ausfällt, ist der Patient tot. Aber unser Kardiotechniker wusste, wie man das Gerät auch manuell in Betrieb halten kann, und wir haben es dann zehn Minuten mit einer Handkurbel am Laufen gehalten, bis der Strom wieder da war.“