Norderstedt
Henstedt-Ulzburg

Hilfe in Afrika: Ein Arzt geht über Grenzen

Arzt Holger Weihe geht nach Äthiopien

Arzt Holger Weihe geht nach Äthiopien

Foto: Frank Knittermeier

Holger Weihe hat seine Praxis aufgegeben und will Menschen in Ländern der Dritten Welt helfen. Erstes Ziel ist Äthiopien.

Henstedt-Ulzburg.  Das Herz von Holger Weihe schlägt für Afrika. Das muss der Mediziner nicht extra betonen. Wer das Endreihenhaus an der Hamburger Straße in Henstedt-Ulzburg betritt, erkennt das sofort: Bilder aus Afrika, Bücher über Afrika, afrikanische Trommeln auf dem Fußboden und überhaupt – das ganze Wohnzimmer ist im Lodge-Stil eingerichtet. Das Interesse und die Liebe an diesem Kontinent und den dort lebenden Menschen reicht bei dem Mediziner sehr weit. Sogar so weit, dass er sein Leben umkrempelt: Holger Weihe, der in Henstedt-Ulzburg lange als niedergelassener Arzt unzählige Patienten behandelt hat, geht für neun Monate nach Äthiopien, um sich im Osten des Landes um die medizinische Versorgung zu kümmern.

Es ist natürlich kein endgültiger Schnitt, den der Arzt vollzieht. Das Leben wird nicht vollständig neu geordnet. Denn neun Monate sind schließlich eine überschaubare Zeit. Aber doch musste er einige entscheidende Entschlüsse fassen. Die gut gehende Arztpraxis in Ulzburg-Süd hat er an zwei Nachfolgerinnen verkauft, das dazugehörende Haus hat die Gemeinde erworben, um dort Flüchtlinge unterzubringen. Als Arzt hat er in seinem Wohnort gut verdient, als Mitarbeiter der Organisation Ärzte ohne Grenzen bekommt er 2000 Euro im Monat. „Ich hätte es nicht gemacht, wenn unsere Existenz hier nicht relativ gut gesichert wäre“, sagt Holger Weihe. Damit meint er: Seine Frau Kerstin, die in der Heimat bleibt, muss sich keine Sorgen machen. Der Lebensabend der Familie Weihe steht nicht auf dem Spiel. So weit geht die Abenteuerlust denn doch nicht.

Das Fernweh hat Holger Weihe schon lange erfasst

Weihe ist Jahrgang 1956, hätte seine Praxis also noch gut und gerne zehn Jahre weiterführen können. Aber für die letzten zehn Jahre seines Berufslebens sehen die Pläne eben ganz anders aus. Das Fernweh hat Holger Weihe schon lange erfasst. Er war zwei Jahre als Arzt in Burkina Faso – damals zusammen mit seiner Familie –, er war in Nicaragua und in Sierra Leone tätig. So lange die Kinder noch kleiner waren, schränkte er die Auslandsaufenthalte ein. Aber die Kinder sind jetzt aus dem Haus, und Ehefrau Kerstin legt ihm keine Steine in den Weg.

Am Mittwoch, 3. Juni, setzt sich Holger Weise ins Flugzeug, am Freitag, 5. Juni, nimmt er seine Tätigkeit im Krankenhaus des Ortes Warder im äußersten Osten des Gebietes Ogaden unweit der somalischen Grenze auf. Im Einzugsbereich des Ortes leben, weit verstreut, etwa 50.000 Menschen. Während in Deutschland 253 Ärzte auf 100.000 Einwohner kommen, sind es in Äthiopien gerade mal 1,5 Ärzte. Der Bedarf an medizinischer Versorgung ist also groß. Die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen kann nicht allumfassend sein, deshalb ist sie hauptsächlich auf Hilfe zur Selbsthilfe eingerichtet.

Weihe soll Tuberkulose- oder Impfprogramme auflegen

Holger Weihe wird in einem kleinen Krankenhaus tätig sein, in dem er für die Ausbildung und Supervision von einheimischem Personal, das auch in den umliegenden Gesundheitszentren tätig ist, zuständig sein wird. Dem medizinische Personal, vergleichbar mit Krankenschwestern und -pflegern, soll so viel Basiswissen vermittelt werden, dass es auch Notalloperationen ausführen kann. Hinzu kommen für den Henstedt-Ulzburger organisatorische Arbeiten: Er soll zum Beispiel Tuberkulose- oder Impfprogramme auflegen.

Für seinen Berufstrip nach Äthiopien hat Holger Weihe auch seine politische Tätigkeit eingestellt: Er war bisher Kreistagsabgeordneter der Linken, hat sein Mandat aber zurückgegeben. In seiner Abschiedsrede verglich er die aktuelle Situation von Deutschland und seinem Einsatzgebiet: Ähnlich wie hier muss das Gebiet Ogaden mit einem Flüchtlingsproblem fertig werden. 250.000 Flüchtlinge leben in den Savannen der Region – nach Einschätzung Holger Weihes gelingt die Inte­gration besser als in Deutschland. „Meine Motivation ist das Gefühl, dort gebraucht zu werden“, sagt der Hen­stedt-Ulzburger Arzt. „Wenn wir nicht da sind, ist niemand dort, der den Menschen helfen kann.“