Prozess

Critical Mass: Porsche Cayenne gegen Fahrrad

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Bettina Mittelacher
Ein Radfahrer hebt in Hamburg auf einer Brücke als Teilnehmer einer sogenannten "Critical Mass" sein Fahrrad in die Höhe

Ein Radfahrer hebt in Hamburg auf einer Brücke als Teilnehmer einer sogenannten "Critical Mass" sein Fahrrad in die Höhe

Foto: dpa Picture-Alliance / Axel Heimken / picture alliance / dpa

29-Jähriger mit Auto bringt einen Radfahrer der Critical-Mass-Rundfahrt zu Fall. 13 Monate Haft auf Bewährung und Führerschein weg.

Hamburg.  Für einen Teilnehmer der Critical-Mass-Rundfahrt endete die Fahrradtour durch Hamburg schmerzhaft. Er wurde bei der Rundfahrt angefahren.

Der Unfall war eine Ironie des Schicksals, denn die Radler demonstrierten gerade dafür, als gleichwertige Verkehrsteilnehmer wahr­genommen zu werden. Stattdessen kollidierte der Mann mit einem Auto, stürzte und verletzte sich.

Porsche Cayenne gegen Fahrrad: So ungleich soll die Kräfteverteilung am 26. Juni 2015 gewesen sein, als es bei der Critical-Mass-Rundfahrt durch die Fruchtallee ging. Die Radfahrer hatten sich spontan zu einer Mischung aus Fahrradausflug, Demo und Protestfahrt getroffen. Sie forderten mehr Rechte auf den Straßen und einen Verkehrsfluss auf Augenhöhe.

Danyal K. muss sich vor dem Amtsgericht verantworten, weil er laut Ermittlungen mit seinem PS-strotzenden Auto die abgesperrte Straße genutzt und die im Verband fahrenden Radler bedrängt hat. Schließlich, so die Anklage gegen den 29-Jährigen weiter, sei er auf einen der Teilnehmer so dicht aufgefahren, dass er dessen Rad touchierte, das Opfer daraufhin stürzte und sich verletzte. Sein Wagen kam demnach erst auf dem umgekippten Fahrrad zum Stehen. Darüber hinaus ist er angeklagt, an einem weiteren Tag einen Polizisten geduzt und ihn damit sowie mit diversen Bemerkungen beleidigt zu haben.

Der edle Geländewagen mag Dan­yal K. unbegrenzte Mobilität verschaffen. Gut zu Fuß ist der bärtige Abendschüler indes nicht. Wegen einer Rückenverletzung bewegt er sich langsam an Krücken, doch verbal geht er sofort zum Angriff über: „Das stimmt alles überhaupt nicht. Ich wusste gar nicht, was das sollte“, echauffiert sich der Angeklagte angesichts der Vorwürfe, er habe unter anderem einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr begangen. „Eine Absperrung gab es überhaupt nicht. Und die Radfahrer versperrten mir schlicht den Weg.“

Nur weil ein Rettungswagen passieren musste, hätten einige Teilnehmer der Rundfahrt Platz gemacht, er habe diese Lücke nutzen können. Doch es seien so viele Radfahrer unterwegs gewesen, die nach seiner Darstellung immer näher an sein Auto heranfuhren, „um mich zu blocken“. Vor allem der eine Radler, der dann stürzte, „machte eine Vollbremsung“, behauptet Danyal K. „Ich meine, dass er mir den Weg versperren wollte.

Doch davon könne keine Rede sein, widerspricht der damals Verletzte als Zeuge. Mehrere Tausend Radfahrer seien sie seinerzeit gewesen, alle in friedlicher Mission unterwegs, erzählt er. Wegen des Rettungswagen-Einsatzes hätten sie die linke Fahrspur geräumt. „Plötzlich wurde ich von hinten touchiert und fiel um.“ Er habe danach „ziemlich unter Schock gestanden“ und erlitt Schürfwunden sowie eine Fraktur im Bereich des Ellbogens. „Und der Wagen des Angeklagten stand halb auf meinem Rad, ich lag davor.“

Ein Teilnehmer der Fahrradaktion formuliert als Zeuge, der Angeklagte habe ein „drängendes Verhalten an den Tag gelegt“. Eine weitere Zeugin sagt, sie habe die Situation auf der Straße „als äußerst bedrohlich empfunden“. Und ein 51-Jähriger erinnert sich, dass der Angeklagte, nachdem er mit seinem Porsche „reichlich Gas gegeben hatte, in die Lücke preschte. Ich dachte, das geht nicht gut.“

Der Führerschein des 29-Jährigen wird für anderthalb Jahre eingezogen

13 Monate Haft, die noch zur Bewährung ausgesetzt werden, lautet schließlich das Strafmaß, das der Amtsrichter gegen Danyal K. wegen der Verkehrsdelikte und der Beleidigung der Polizisten verhängt. Der Führerschein des 29-Jährigen wird für anderthalb Jahre eingezogen.

Der Angeklagte habe sich „völlig dreist und frech“ in die Fahrraddemo „reingezwängt“, sagt der Richter. „Schon der gesunde Menschenverstand sagt einem, dass man da nicht reinfahren darf.“ Zudem sei er „völlig uneinsichtig gewesen, es gab kein Wort des Bedauerns“. Das Rammen des Radfahrers sei sicher keine Absicht gewesen, „das wäre ja noch schöner. Aber Sie haben das billigend in Kauf genommen.“ Der Angeklagte, redet der Richter ihm ins Gewissen, solle „mal im stillen Kämmerlein über sein Verhalten nachdenken“.

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