Hamburg

Flüchtlingshelfer kaufen zweites „Sea Watch“-Rettungsschiff

Die Hamburger „Sea Watch“­Macher am Freitag auf ihrem neuen Schiff (v. l.): Max van Laak, Ruben Neugebauer, Ingo Werth, Ortwin Gehrke und Michael Schlickert

Die Hamburger „Sea Watch“­Macher am Freitag auf ihrem neuen Schiff (v. l.): Max van Laak, Ruben Neugebauer, Ingo Werth, Ortwin Gehrke und Michael Schlickert

Foto: Michael Arning

Das neue Schiff ist größer als sein Vorgänger und kann auch bei schlechtem Wetter im Mittelmeer eingesetzt werden.

Cranz.  An Deck schimmern in vielen Ecken noch Rostflecken, doch der ehemalige Fischtrawler der dort am Kai der Pella-Sietas-Werft in Cranz liegt, macht einen robusten Eindruck. Stark ragt der Bug auf, die hohen Bordwände versprechen Schutz vor schwerer See. „Die Substanz ist gut“, ruft ein Werft-Ingenieur der neuen Crew zu, die am Freitag an Bord gekommen ist.

„Clupea“ und „Amsterdam“ steht noch am Heck des bereits 1968 gebauten Schiffs – das zur neuen Hoffnung für verzweifelte Flüchtlinge auf dem Mittelmeer werden soll. Aus dem 33 Meter langen Trawler, der zuletzt zur Fischerei-Forschung vor Großbritannien eingesetzt war, soll jetzt die „Sea Watch 2“ werden. Skipper Ingo Werth, ein kerniger Mittfünfziger und Besitzer einer Autowerkstatt in Lohbrügge, stellt das Flüchtlingsprojekt vor. „Wir gehen davon aus, dass in diesem Frühjahr die Lage noch dramatischer wird, wenn die Türkei die Landwege in die EU dicht machen wird“, sagt er.

Dazu brauche man nun ein neues, besseres und größeres Schiff. Eine neue „Sea Watch.“ „Sea Watch“ – das ist die Geschichte von einigen Leuten, die es nicht mehr ertragen konnten, dass im Mittelmeer Flüchtlinge ertrinken und viel zu wenig offizielle Hilfe vor Ort ist. Zwei Familien aus Brandenburg fanden sich Ende 2014 zusammen, um die ehrenamtliche Organisation zu gründen. Viele Freiwillige wie Werth schlossen sich an, inzwischen gibt es knapp 100 Aktive. Dazu kommen etliche Anfragen von Freiwilligen für die wechselnden Crews. Zuerst wurde ein kleiner Fischkutter gekauft, die erste „Sea Watch“, die 2015 von Hamburg aus in See stach.

In einem relativ kleinen Seegebiet von etwa 140 mal 40 Kilometer Größe in internationalen Gewässern vor der Küste Libyens absolvierte der kleine Kutter bis zum Jahresende viele Patrouillenfahrten. „Wir verstehen uns als schwimmende Notrufzentrale“, sagt Ortwin Gehrke aus Buchholz. Mit einfachen Ferngläsern suchte die Mannschaft nach den Schlauchbooten, die meist in den frühen Morgenstunden das Suchgebiet erreichen.

Oft völlig überfüllt, oft schon kaputt, weil die Gummiboote aus chinesischer Produktion viel zu anfällig sind, wie Gehrke sagt. Bis zu 130 Menschen sitzen darin, eng gedrängt auf vielleicht 15 Quadratmetern. Am Strand sind sie meist in der Nacht gestartet. Die Motoren sind wegen des völlig verdreckten Sprits aber schon auf der offenen See am Morgen nicht mehr funktionstüchtig, um die Strecke bis nach Europa zu schaffen. In gut aus gestatteten Booten gibt es einen Notfallsender, in den meisten gibt es nichts Derartiges, nicht einmal Schwimmwesten. „Die Männer sitzen am Rand, Frauen und Kinder hocken auf dem Boden in einer ,Brühe aus Treibstoff, Seewasser, Urin und Erbrochenem‘“, berichten die Retter.

Sie versorgen die Flüchtlinge mit Schwimmwesten und Rettungsinseln und rufen die italienische Seenotrettung zu ihrer Position auf dem Meer. Nur in Notfällen können Verletzte an Bord genommen werden. Wie viele Boote trotz solcher Hilfe untergehen, weiß niemand genau. Auch 2016 werden sich die Menschen trotz der Gefahr weiter in die billigen Boote setzen, um in die EU zu gelangen, sagt Skipper Werth: „Die kommen missbraucht, ausgeplündert, ohne Geld am Strand an.“ Er habe Flüchtlinge kennengelernt, die waren vier Jahre unterwegs bis zur Küste. Oft finanziert von ihren Familien, die wiederum die Hoffnung in die jüngeren stärkeren Männer stecken.

„So einer kann nicht zurück, der muss es wagen“, sagt Werth. Doch oft waren die Retter ebenfalls an ihrer Grenze. Von vier, fünf Windstärken an rollt der kleine Kutter so heftig in der aufgewühlten See, dass sie kein Beiboot aussetzen können, um die Schwimmwesten zu den Booten zu bringen. Eine Versorgung von Verletzten ist an Bord kaum möglich.

Doch die Aktion im Mittelmeer fand auch viel Unterstützung Zum einen meldeten sich immer mehr Freiwillige, darunter etliche Mediziner. „Was wir aber dringend brauchen, sind alte erfahren Mechaniker, die sich mit der Schiffstechnik der 60er-Jahre auskennen“, sagt Skipper Werth.

Und es flossen auch Spenden: Rund eine Million Euro kamen so im vergangenen Jahr zusammen. Für 200.000 Euro konnten die „Sea Watch“-Macher nun das neue Schiff kaufen, das größer ist und auch bei schlechtem Wetter eingesetzt werden kann. „550.000 Euro Minimum“ brauche man nun, um es weiter umzubauen, zu sanieren und auszurüsten und im Frühjahr eine neue Aktion im Mittelmeer zu starten. Auch die Hamburger Traditionswerft hilft den Helfern – und rechnet alle Arbeitsstunden nur zum halben Preis ab.

Anfang Frühjahr, so der Plan, soll die neue „Sea Watch 2“ dann in Hamburg ablegen, denn eine wirksame Seenotrettung durch die EU gebe es immer noch nicht, sagt Werth. Die Zeit drängt: Noch 2014 kamen die Schlauchboote meist nur in den Gutwetterphasen in der warmen Jahreszeit. Werth: „Jetzt starten sie schon im Februar.“