Olympia-Pleite

Wie es war: „Die Nacht, in der die Flamme erlosch"

Statt Feierstimmung
purer Frust:
Die Olympiabefürworter
wollten im
Skylight-Café
ihren
Traum von den
Ringen feiern. Doch
die Hamburger
stimmten mehrheitlich
gegen das
Projekt

Statt Feierstimmung purer Frust: Die Olympiabefürworter wollten im Skylight-Café ihren Traum von den Ringen feiern. Doch die Hamburger stimmten mehrheitlich gegen das Projekt

Foto: picture alliance

Entgegen aller Umfragen stimmten 51,6 Prozent gegen die Ringe. Peter Wenig über eine Party, die zu einem Fiasko wurde.

Die Digitaluhr auf dem mächtigen Videowürfel unter dem Hallendach springt auf 20.34 Uhr, als an diesem Sonntagabend Herbert Schalthoff die letzten Hoffnungen der versammelten Pro-Olympia-Kämpfer begräbt. Auf den Bildschirmen im Skylight-Café Barclaycard Arena verkündet der Politikchef von Hamburg 1, dass der Vorsprung der Neinstimmen nicht mehr aufzuholen sei, und resümiert: „Das Referendum ist gescheitert.“

Die Minuten danach. Alexander Otto, Gründer und Mäzen der Initiative „Feuer und Flamme“ schreitet durch das Skylight-Café der Arena, drückt mit gefrorenem Lächeln Mitstreitern die Hand, es wirkt wie ein Kondolenzgang. Jürgen Mantell, Präsident des Hamburger Sportbunds (HSB), erklärt in einem Fernsehinterview, warum er Volksbefragungen für keine gute Idee hält, und taumelt sofort in einem veritablen Shitstorm. Unerhört, der Mann, tobt das Netz, kein Respekt vor dem Willen des Volkes. Weg müsse der. Und zwar sofort. Und überhaupt sei die Arroganz der Eliten unerträglich.

Man kann das so sehen. Man kann an diesem Abend aber auch einfach Edina Müller anschauen. Auch sie ist Gast in der Arena, nachdem sie über Monate jede freie Minute aus ihrem eng getakteten Kalender als Leistungssportlerin im paralympischen Kanu und als Sporttherapeutin im Unfallkrankenhaus Boberg herausgepresst hat, um für ihren olympischen Traum bei Veranstaltungen zu werben. Stets ohne einen Cent Gage, nicht einmal den Abholservice wollte sie in Anspruch nehmen. Doch nun sitzt sie gebeugt in ihrem Rollstuhl, leerer Blick, das Kinn gestützt auf dem rechten Arm mit dem „Feuer und Flamme“-Klebetattoo. Für sie ist in diesen Minuten mehr zerbrochen als die Hoffnung auf das größte Sportfest der Welt. Denn noch stärker hatte sie der geplante Umbau des Kleinen Grasbrook zum ersten barrierefreien deutschen Stadtteil angetrieben.

Ein paar Meter weiter starren Frederik und Gerrit Braun fassungslos auf die Stimmergebnisse. Die Brüder sind Experten in Sachen Vision. 2000 skizzierten sie auf zwei DIN-A4-Blättern die Pläne für eine Modelleisenbahnanlage, inzwischen ist ihr Miniatur Wunderland in der Speicherstadt eines der größten Publikumsmagnete des Nordens. Beide glaubten auch an diesem Abend lange an die Wende, als sich die Zahlen gegen 19.30 Uhr einmal etwas zugunsten der Befürworter verschoben, tippte Frederik die Werte sofort in sein mit einem „Feuer und Flamme“-Logo beklebtes Smartphone: „Vielleicht geht es ja doch noch gut aus.“ Doch nun ist das Rennen gelaufen. „Alles für nichts“, sagt Gerrit bitter, als Hamburg 1 noch einmal zeigt, wie 10.000 Olympiafans die Ringe im Stadtpark bildeten. Die große Aktion der Brauns.

Vor einem anderen Bildschirm steht Reinhard Wolf, pensionierter Syndikus der Handelskammer, der wohl größte Olympiakämpfer Hamburgs. Als die ganze Stadt inklusive seines Arbeitgebers im April 2003 nach dem krachenden K. o. gegen Leipzig alle Olympiapläne ins Archiv verbannen wollte, machte er als Einzelkämpfer weiter, wachte mit Argusaugen, dass kein Bauvorhaben die fünf Ringe im Hafen unmöglich machen würde.

Am 17. März, dem Morgen nach der Feier des Sieges im nationalen olympischen Vorentscheid gegen Berlin, rief er in der Abendblatt-Sportredaktion an. Ob er sein Zehn-Punkte-Papier mailen dürfe, er habe gerade mal aufgeschrieben, warum Hamburg mit seinem Konzept der bescheidenen, kompakten Spiele gegen die scheinbar übermächtige internationale Konkurrenz glänzende Chancen beim IOC habe. Und nun das: gescheitert im Vorlauf, an der eigenen Stadt. Wolf nimmt seine Brille ab, poliert die Gläser. Und sagt: „Das hält man doch irgendwie nicht für möglich.“

Unterdessen summt mein Smartphone. Der Chef mahnt den Text an, der Andruck naht. Eigentlich ist schreiben unter Zeitdruck für mich kein Problem, kein Ressort schult in dieser Disziplin so sehr wie der Sport, wo Triumphe und Dramen zur DNA gehören. Doch diesmal suche ich vergebens einordnende Vergleiche. Es gibt niemanden, der nach kurzer Schockstarre das ritualisierte „Jetzt erst recht“ ruft oder zur Revanche einschwört. Bei der nächsten WM, den nächsten Spielen. Auch Parallelen mit der Politik wirken bemüht. Selbst die FDP, nach der letzten Bundestagswahl medial auf dem politischen Totenbett aufgebahrt, feiert gerade ihr xtes Comeback.

Nein, an diesem Abend geht etwas kaputt, was die Amerikaner „once in a lifetime“ nennen. Einmal im Leben. Jeder der Partygäste weiß, dass es nach menschlichem Ermessen keinen erneuten olympischen Anlauf für Hamburg geben wird. Hätten das IOC 2017 in Lima gegen Hamburg entschieden, es wäre für die Pro-Olympia-Aktivisten nicht annähernd so bitter gewesen. Viele Gastgeber haben sich schließlich mehrfach vergebens beworben, Paris macht gerade den vierten Anlauf.

Um 21.44 Uhr, ich habe meinen Text gerade gesendet, eilt Alfons Hörmann ins Skylight-Café. Die Falten haben sich noch tiefer in sein kantiges Gesicht gegraben, der Allgäuer sieht in diesen Minuten deutlich älter aus als seine 55 Jahre. An der Bar bittet er, sein Weißweinglas bis zum Anschlag zu füllen: „Sonst stehe ich gleich wieder hier.“ Er hat das alles im November 2013 schon einmal erleben müssen, als die Münchner Bewerbung um die Winterspiele 2022 im Volksentscheid scheiterte. Damals hatte er es geahnt, sich am Morgen von seiner Frau verabschiedet: „Heute komme ich als Verlierer heim.“ Zu schlecht war die Kampagne gelaufen, das Hoffen auf die Zugkraft von Sportlegenden wie Maria Höfl-Riesch oder Franz Beckenbauer ging völlig schief.

Doch diesmal schien alles anders. Hamburgs Olympiagegner bekamen nicht einmal die erforderlichen 10.000 gültigen Unterschriften zusammen, um ihre Gegenpositionen im Informationsheft zum Volksentscheid darstellen zu dürfen. Dass sie am Ende dort doch einen Comic mit ihren Argumenten abdrucken durften, hatten sie allein einem Gnadenakt der Bürgerschaft zu verdanken. Bei Veranstaltungen mussten Pro-Olympia-Veranstalter mitunter im Lager der Olympiagegner um die Teilnahme von Diskutanten regelrecht buhlen.

Hörmann blieb dennoch skeptisch. Drei Tage vor dem Referendum erzählte er nach einer Diskussion im Mercedes-Store am Ballindamm im kleinen Kreis, wie stark er das Misstrauen gegenüber Sportfunktionären spüre. Oft werde er gefragt, was er denn so kassiere: „Wenn ich dann sage ,nichts‘, dann glaubt mir das keiner.“ Dies alles, sagte er dann bitter, habe man der korrupten Fifa-Kaste zu verdanken; was Sepp Blatter und seine Kollegen angerichtet hätten, sei nicht mehr gutzumachen. Das werde Stimmen kosten, genau wie die schwarze WM-Kasse beim DFB und die Angst vor dem Terror bei Großveranstaltungen nach den schrecklichen Attentaten von Paris. Am Ende dieses Abends bat Hörmann um Ergebnistipps, er selbst hielt sich bedeckt, sagte nur, dass ein knapper Sieg schon ein Erfolg sei.

Nun zerren ihn TV-Macher von Interview zu Interview. Während er nach Gründen für die Niederlage sucht, huscht Nicolas Hill, Chef der Bewerbergesellschaft, mit Mitarbeitern frus­triert durch die Tür. Drei Stunden zuvor hatte Hill noch Gönnern und Partnern der Kampagne in Kristallglas gefasste Modelle des Olympiageländes überreicht. Jetzt weiß er, dass er vor der härtesten Aufgabe seiner Karriere steht. Er muss die Bewerbungsgesellschaft auflösen – liquidieren, wie das die Betriebswirte nennen – und damit viele der über 20 Mitarbeiter in eine ungewisse Zukunft schicken.

Es ist der Moment, wo man eigentlich auch die Party verlassen möchte. Seit Stunden köchelt nun die Currywurst vor sich hin, auf dem Gang feudelt schon der Putzmann. Der Wunsch der Gäste, irgendwie Haltung zu bewahren, rutscht mitunter ins Absurde. Zwei altgediente Vereinsfunktionäre stupsen sich an: „Vorsicht, Kamera, immer schön lächeln.“ Es erinnert an Hollywoodstreifen über Hochzeitsfeiern, bei denen die Frau wenige Minuten vor dem Traualtar flieht und man dennoch die Fete nicht absagen will. Muss ja weitergehen, irgendwie. Das sagen sie dann auch in jedes Mikrofon. Die Diskussionen wären doch wertvoll gewesen, allein die hohe Wahlbeteiligung schon ein Erfolg. Und natürlich gebe es weiter die Sportstadt Hamburg. Wäre ja noch schöner. Bloß keine öffentliche Abrechnung. Und so wird nur getuschelt. Über die Merkel, über die fehlende Finanzzusage des Bunds. Mit der, sagen viele, hätte es gereicht.

Gesünder wäre es bestimmt, jetzt die Emotionen, die Trauer, die Wut rauszulassen. Die Musik in der Arena bis zum Anschlag aufdrehen, groß genug sind die Boxen ja. Stones, Coldplay, Tote Hosen, egal, Hauptsache laut. Den Frust wegtanzen. Dazu Alkohol, viel Alkohol. Und dann vielleicht mit den Kristallglass-Modellen ein munteres Wettwerfen auf den verdammten Scheinwerfer veranstalten, der auf das Eis der Arena noch immer das „Feuer- und Flamme“-Logo wirft.

Machen sie natürlich nicht, das mediale Echo wäre ja auch verheerend. Aber andererseits: Vielleicht war ja genau das der Fehler. Zu wenig Emotion, zu wenig Vision. Vielleicht haben sie vor lauter Diskursen über Nachhaltigkeit, über Transparenz, über Kosten, das große Ganze aus dem Blick verloren. Die fünf Ringe, den Sport. Vielleicht war schon der monströse Tisch, diese Rundtafel für bis zu 40 Personen mit dem eingelassenen „Feuer und Flamme“-Logo, mühsam zusammengeschraubt für jede Veranstaltung, das falsche Signal.

Runde Tische haben keine Kanten, keine Ecken, wirken beliebig. Vielleicht hätten sie einfach mehr große olympische Momente zeigen müssen. Vom Jubel Michael Stichs an der Seite von Boris Becker 1992 nach dem Sieg im Doppel in Barcelona. Von der totalen Erschöpfung Eric Johannesens nach dem Achter-Triumph in London 2012. Oder von Edina Müllers Tränen nach dem Paralympics-Sieg im Basketball-Turnier im selben Jahr. Projiziert an lauen Sommerabenden ausgerechnet auf die Fassade der Elbphilharmonie, diesem Wahrzeichen atemberaubender Architektur und wahnwitziger Geldvernichtung. Was wäre das für eine Provokation gewesen.

Vielleicht hat das Mantra des Ersten Bürgermeisters vom „ordentlichen Regieren“ und die kühne Vision eines Jahrhundertprojekts einfach nicht zusammengepasst. Kurz nach dem Referendum sagte Olaf Scholz, dass das Scheitern „kein Problem“ für ihn sei.

Vielleicht war genau das am Ende das Problem.