Anschläge in Paris

„Wir sind stärker als der Terror“ - Trauer im Norden

Die Bürgerschaftspräsidentin von Hamburg, Carola Veit (SPD, v.l.n.r.), der französische Generalkonsul in Hamburg, Serge Lavroff, und Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne), vor dem französischen Generalkonsulat in Hamburg

Die Bürgerschaftspräsidentin von Hamburg, Carola Veit (SPD, v.l.n.r.), der französische Generalkonsul in Hamburg, Serge Lavroff, und Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne), vor dem französischen Generalkonsulat in Hamburg

Foto: Bodo Marks / dpa

Nach den Anschlägen in Paris trauern viele Menschen in Norddeutschland. Politiker warnen, Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen.

Hamburg/Hannover/Bremen.  Die blutige Anschlagsserie in Paris hat auch in Hamburg und Schleswig-Holstein für Bestürzung gesorgt. Vor dem Generalkonsulat der Französischen Republik in der Hansestadt liegen am Sonnabend weiße Rosen in einem großen Kranz mit blau-weiß-roten Bändern. Die Eingangstreppe ist mit Kerzen, Kränzen und Sträußen übersät, am Zaun des Konsulats hängen Karten. „Wir sind stärker als der Terror“, steht auf einer von ihnen. Vor dem Gebäude verharren Menschen in Stille, um der Opfer der Terroranschläge in Paris zu gedenken. Mindestens 200 Leute kommen später zu einer Mahnwache zusammen. Viele von ihnen wirken fassungslos.

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) hat die Terroranschläge scharf verurteilt. „Diese abscheulichen Terrorakte richten sich gegen die Demokratie, gegen die Freiheit und gegen unsere Art zu leben“, erklärte Scholz. „Wir werden Demokratie, Freiheit und unsere Art zu leben verteidigen und stehen fest an der Seite unserer französischen Freunde.“ Der SPD-Vize ist auch Bevollmächtigter für die kulturelle Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich.

„Wir trauern um die vielen Toten und sind mit unseren Gedanken bei den vielen Verletzen und den Angehörigen der Opfer“, sagte Scholz. „Ihnen gilt unser tiefes Mitgefühl.“

„Anschläge auf das Herz der freien und zivilisierten Gesellschaft“

„Warum?“, twittert auch Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne). Sie sei „unendlich traurig“, erklärt sie. Die Anschläge seien „Anschläge auf das Herz der freien und zivilisierten Gesellschaft“: „Aber dieses Herz schlägt dadurch nur noch lauter, und heute schlägt es auch bei uns in Hamburg nur für Paris.“ Es sei ein „barbarischer Terrorakt“, sagt Fegebank, als sie am Sonnabendnachmittag mit Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit einen Blumenstrauß vor dem Konsulat niederlegt und eine Kerze anzündet. Der französische Generalkonsul in Hamburg, Serge Lavroff, findet klare Worte: „Das, was wir in Paris erlebt haben, ist ein Krieg ohne Grenze, ein Krieg ohne Gnade.“

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) nennt die Anschlagsserie „unfassbar“. „Ich bin tief erschüttert über die Anschläge in Paris, bei denen ganz offensichtlich einige Wahnsinnige so viele unschuldige Menschen getötet haben“, sagt Albig. „Mir fehlt die Vorstellungskraft, warum einige wenige so etwas tun und uns ihren Weg des Grauens und des Mordens aufzwingen wollen.“

„Die Menschen, die zu uns kommen, sind nicht die, die töten“

Albig ist es wichtig, jetzt nicht Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen: „Die Menschen, die zu uns kommen, sind nicht die, die töten“, betont der Ministerpräsident. „Diejenigen, die zu uns kommen, fliehen vor diesen Mördern.“

Die Nordkirche mahnt ebenfalls: Die Anschläge dürften nicht missbraucht werden, um Hass auf Flüchtlinge und Muslime zu schüren. Der Schweriner Landesbischof Gerhard Ulrich erklärt: „Terror ist weder mit dem Islam noch mit Religion überhaupt zu rechtfertigen.“ Und die Türkische Gemeinde in Schleswig-Holstein fordert: „Wir dürfen keinesfalls der Angst erliegen, die unter uns gesät werden soll.“

Trotz der beispiellosen Anschläge von Paris sieht Hamburgs Innensenator Michael Neumann (SPD) zunächst keine veränderte Sicherheitslage für die Hansestadt. Man sei auf alles vorbereitet: „Aber zur Zeit gibt es keinen Grund, in irgendeiner Weise Sorge zu haben oder auch den Gefahrengrad hochzuschalten“, sagt Neumann. „Über die ohnehin ja vorhandene Polizeipräsenz ergreifen wir zum jetzigen Zeitpunkt keine weiteren Maßnahmen.“

Die Freiheit müsse verteidigt werden, twittert Ralf Stegner, SPD-Vize und schleswig-holsteinischer SPD-Landeschef: „Furchtbare Terroranschläge von Paris mahnen dazu, dass es absolute Sicherheit nicht gibt.“

Das Entsetzen über die Anschläge überschattet auch den FDP-Landesparteitag in Neumünster, der mit einem stillen Gedenken an die Opfer beginnt. „Es ist ein Verbrechen, das uns bis in das Mark erschüttert“, sagt FDP-Landeschef Heiner Garg. FDP-Bundes-Vize Wolfgang Kubicki kritisiert: „Das hat nichts mehr mit Glauben zu tun, das ist einfach krank.“ Auch Schleswig-Holsteins CDU-Landeschef Ingbert Liebing verurteilt die „grauenhaften Anschläge“ - und versichert: „Wir stehen an der Seite des französischen Volkes.“

Selbst der Schleswig-Holsteinische Fußballverband meldet sich zu Wort: „Auch die Fußballwelt wird sich durch feigen Terror nicht auseinanderdividieren lassen, sondern in diesen schweren Zeiten noch enger zusammenrücken.“

Hamburgs Bürgerschaftspräsidentin Veit ruft dazu auf, sich dem Terrorismus niemals zu beugen, sondern Freiheit und Demokratie zu verteidigen: „Sorgen wir dafür, dass Menschlichkeit siegt.“ Am Rathaus der Hansestadt wehen die Flaggen auf halbmast - das hängt allerdings mit dem Tod von Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) zusammen. In Schleswig-Holstein ordnet Innenminister Stefan Studt (SPD) an, zum Gedenken an die Opfer der Terroranschläge Flaggen an Ministerien und am Landtag auf halbmast zu setzen.

Entsetzen auch in Niedersachsen und Bremen

Die Anteilnahme und Bestürzung über die Terroranschläge in Paris, bei denen mindestens 128 Menschen ums Leben kamen, ist auch in Niedersachsen und Bremen groß. „Was für ein furchtbarer Abend, für Paris, für Frankreich und für Europa“, sagte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). Innenminister Boris Pistorius (SPD) sprach von „einem kranken Angriff auf unsere Freiheit“. „Das waren feige Anschläge mit Sprengstoff, Maschinengewehren und Handgranaten, eine unbegreifliche Massen-Exekution von unschuldigen Menschen.“ Bremens Regierungschef Carsten Sieling (SPD) bezeichnete die Terroranschläge als „Angriff auf die Grundwerte unserer Demokratie“.

Auch Oberhäupter der Kirchen meldeten sich zu Wort: „Wenn uns die Worte fehlen, müssen wir Symbole sprechen lassen“, sagte der Hildesheimer Bischof Norbert Trelle. Im Dom entzündete Trelle eine Kerze für jedes Opfer. Der Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover mahnte, der nötige Kampf gegen den Terror dürfe nicht auf dem Rücken der Flüchtlinge ausgetragen werden. „Sie fliehen vor denselben Mördern, die in Paris die Attentate verübt haben.“ Die muslimischen Verbände und die christlichen Kirchen müssten ihren Dialog auf allen Ebenen verstärken. „Denn in keiner Religion haben Gewalt und Terror einen legitimen Platz.“

Solidaritätskundgebung in Hannover

Zu einer Solidaritätskundgebung kamen am Abend in Hannover rund 150 Franzosen und Deutsche zusammen. Sie zündeten Kerzen an und legten Rosen auf die Treppen vorm Opernhaus. Mit Tränen in den Augen umarmten sich die Menschen. Viele hielten Blätter in den Händen, auf denen es hieß: „Je suis Paris“ - in Anlehnung an die Trauer nach dem Anschlag auf die französische Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ Anfang des Jahres.

Nach den Anschlägen war noch nicht klar, ob am Dienstag das Fußball-Länderspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden in Hannover stattfinden wird. Der DFB will voraussichtlich am Sonntag darüber entscheiden. Innenminister Pistorius erklärte: „Es gibt aktuell keine konkreten Erkenntnisse, dass eine erhöhte Gefährdungslage für das Spiel besteht.“ Wenn das Spiel stattfinde, werde für angemessen hohe polizeiliche Einsatz- und Schutzmaßnahmen gesorgt.

Die Sicherheitsbehörden arbeiteten mit Hochdruck daran, weitere Erkenntnisse aus Paris zu erlangen, sagte Pistorius. Es erfolge kontinuierlich eine Abstimmung zwischen dem Bund und den Ländern. „Es ist zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nicht klar, ob und inwieweit Bezüge zu Deutschland und insbesondere Niedersachsen vorliegen.“

In der katholischen Marienkirche in Hannover ist am Sonntag (18.00 Uhr) ein multireligiöses Gedenkgebet geplant, zu dem Propst Martin Tenge eingeladen hat, um der Trauer und Fassungslosigkeit Ausdruck zu verleihen und der Opfer zu gedenken. In Bremen wird das Parlamentsgebäude am Volkstrauertag (16.30 Uhr) geöffnet. Außerdem wird ein Kondolenzbuch ausliegen.