Asyl in Hamburg

Irakische Ärztin: „Ich wollte nie ein Flüchtling sein“

Mays Albeer ist vor rund einem Jahr mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern aus dem Irak nach Hamburg geflohen. In ihrer Heimatstadt Bagdad hat die 37-Jährige als Ärztin gearbeitet – das möchte sie auch bald
wieder in Hamburg tun

Mays Albeer ist vor rund einem Jahr mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern aus dem Irak nach Hamburg geflohen. In ihrer Heimatstadt Bagdad hat die 37-Jährige als Ärztin gearbeitet – das möchte sie auch bald wieder in Hamburg tun

Foto: Michael Rauhe / HA

In der Kolumne Angekommen in Hamburg schreiben jeden Mittwoch Asylbewerber über Themen, die sie bewegen.

Das Projekt ist einzigartig: Seit Kurzem beschäftigt das Hamburger Abendblatt fünf Flüchtlinge als freie Mitarbeiter. In einer wöchentlichen Kolumne berichten abwechselnd Berj Baghdee Sar (Syrien), Mays Albeer (Irak), Michael Mengsteab (Eritrea) sowie Sahar Raza und Mohammad Shoaib Rezayi (beide Afghanistan). Zusätzlich beleuchten sie nach aktueller Lage die Situation von Flüchtlingen in Hamburg aus ihrer Perspektive.

Was für ein Glück!“, sagten die Leute, als sie sahen, wohin es für uns geht. Hamburg stand auf der Transferliste für meine zwei kleinen Töchter, meinen Mann und mich. Die letzten 24 Stunden hatten wir in Dortmund verbracht. Davor waren wir in Düsseldorf, wo wir Asyl beantragt hatten.

Jetzt also Hamburg. Wir hörten, dass es eine der schönsten Städte Deutschlands sein soll. Wir hofften auf einen sauberen Ort, an dem man menschlich behandelt wird. Außerdem glaubten wir, dass in einer so internationalen Stadt wie Hamburg die Inte­gration vielleicht leichter wäre als anderswo. Schon bevor wir überhaupt in Hamburg ankamen, hatten wir also ein Gefühl tiefer Dankbarkeit.

Aber vor allen Dingen waren wir alle müde nach der langen Reise von Bagdad über die Türkei und Italien bis nach Deutschland. Wir sehnten uns einfach nur nach Ruhe.

„Wir dachten, wir würden sofort alles richtig machen – wir waren so naiv“

Ein Sachbearbeiter hatte uns eine Fahrkarte nach Hamburg gegeben und einen Zettel, auf dem eine Adresse stand: Poststraße 1 in Harburg. Harburg, nicht Hamburg. Ein kleiner, aber feiner Unterschied. Doch in der Eile hatten wir das nicht richtig gelesen und stiegen am Hamburger Hauptbahnhof und nicht in Harburg aus. Wir dachten, wir würden sofort alles richtig machen. Schließlich sind wir doch gebildet und sprechen gut Englisch. Eine Adresse zu finden kann doch nicht so schwer sein. Wir waren so naiv. Doch nach einer zweistündigen Suche nach der Poststraße in Hamburg, wussten wir: Ganz so einfach ist es doch nicht.

Wir irrten am späten Abend durch Hamburg, müde und hungrig. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln, mit denen wir kaum Erfahrung hatten. Im Irak gibt es keine Züge, keine Bahnen und keine Fahrkartenautomaten. Und Deutsch sprachen wir schließlich auch noch nicht. Kein einziges Wort.

Wir haben also versucht, auf Englisch mit den Leuten zu sprechen. Gegen ein Uhr in der Nacht sagte uns dann ein Mann, dass wir nach Harburg fahren müssen. Endlich hatten wir den Fehler gefunden.

In Harburg angekommen, wurden wir von sehr netten Mitarbeitern empfangen. Wir hofften, dass wir uns nun endlich entspannen und eine Dusche nehmen können. Aber was wir dann erlebten, war das Gegenteil von Entspannung. In der eigentlichen Unterkunft gab es keinen Platz mehr für uns und so wurden wir in eine große Halle gebracht und mussten mit vielen anderen Menschen auf dem Boden schlafen. Aber das war nicht das Schlimmste. Für die hygienische Situation in den sanitären Anlagen gibt es keine Worte. Es war unerträglich.

Aber hatte ich das Recht, mich zu beschweren? Müsste ich nicht dankbar sein? Die Alternative ist schließlich eine zerbombte Stadt, Trümmer, Flammen und Tod. Und ich weiß schließlich auch, dass die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland und in Hamburg explodiert. Aber dennoch war es schwer, die Umstände zu ertragen.

Ich wollte nie ein Flüchtling sein. Niemand will ein Flüchtling sein. Als ich in Tränen ausbrach, versuchte ein sehr netter Sicherheitsmitarbeiter, mich zu trösten. Er sagte, dass Iraker gute Chancen auf ein Bleiberecht hätten. Und er war überrascht, dass ich so gut Englisch spreche und dass ich das tatsächlich in Bagdad gelernt habe. Als ich ihm dann noch sagte, ich sei Ärztin, machte er mir Hoffnung, dass ich sicher einen Job finden und ein neues Leben in Deutschland starten könne. In dieser schrecklichen Nacht waren es die ersten Worte, die mir wirklich Hoffnung gaben. Trotzdem war es die schlimmste Nacht meines Lebens. Vielleicht auch, weil mir erst in dieser Nacht bewusst wurde, dass ich wirklich ein Flüchtling bin. Und daran musste ich mich erst langsam gewöhnen.

Der Text entstand in Zusammenarbeit mit unserer Redakteurin Juliane Kmieciak.