Ausschreitungen

Die bittere Bilanz nach schweren Krawallen in Hamburg

Der Tag, der mit dem Marsch Tausender gegen Fremdenfeindlichkeit beginnt, endet mit Ausschreitungen von Links-Hooligans.

Hamburg. Am späten Sonnabendnachmittag kracht es dann doch – ritualhaft vor der Roten Flora. Nach Steinewürfen nimmt die Polizei im Flora-Park mehrere Randalierer in Gewahrsam, bei der Räumung des Schulterblatts kommen Wasserwerfer zum Einsatz. Nach nur einer halben Stunde im Einsatz muss einer nachtanken – weil fast die gesamten 10.000 Liter aufgebraucht sind.

So geht der Tag, der mit dem Marsch Tausender für Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit begonnen hat, mit Ausschreitungen der Links-Hooligans zu Ende, mit all den bekannten Szenen: Mannschaftswagen mit Blaulicht, das Dröhnen des Polizeihubschraubers „Libelle“ über der Schanze, explodierende Böller, Bengalos, Müll und Barrikaden auf der Straße, Polizisten, die Linke jagen, und Linke, die irgendetwas hinterherjagen. Vor dem Kiosk neben der Roten Flora geht ein Mann bewusstlos zu Boden. Später heißt es, Polizisten hätten ihn umgerannt. Feuerwehr und Polizei hingegen sprechen von einem Zuckerschock.

Ein Trupp teils Vermummter stürmt gegen 20 Uhr hinauf zur Eimsbütteler Chaussee. Ihr Ziel ist eine Spelunke namens Büdel’s Bierdeckel. Sie wollen jetzt unbedingt Scheiben einschlagen. Doch die Polizei schreitet ein. Angeblicher Anlass für den Angriff: Ein Gast soll mit einem Pullover der Südtiroler Band „Freiwild“ gesehen worden sein. Sie wehrt sich seit einiger Zeit gegen ihr Image als Rechts-Rock-Band. Aber welchen linken Hooligan interessieren solche Feinheiten schon?

Es war der Schlussakt eines Tages, der es in sich hatte. Obgleich das Bundesverfassungsgericht bereits am späten Freitagabend den rechtsextremen Aufmarsch „Tag der Patrioten“ verboten hatte, obwohl dann am Sonnabend trotzdem 20.000 Menschen gegen Neonazis auf die Straße gingen, kam es zu schweren Krawallen zwischen Linksautonomen und der Polizei.

Bereits am Morgen eskaliert die Situation: Rasend schnell hat sich in den sozialen Netzwerken herumgesprochen, dass nach dem Verbot des „Tags der Patrioten“ Kohorten von Neonazis zu einer Ersatzdemo in Bremen aufbrechen wollen. Einige Hundert Autonome, die sich am Morgen im Hauptbahnhof versammeln, wollen das verhindern, auch mit Gewalt. Die Stimmung ist angespannt, fast hysterisch. Ständig ploppen über Twitter und Facebook neue Meldungen über Neonazi-Sichtungen auf. Ein paar sollen in einem Zug nach Flensburg sitzen. Es geht los.

Gegen 10.30 Uhr klettern mehrere zum Teil vermummte Linksautonome ins Gleisbett und bewerfen den Regionalexpress nach Flensburg mit Schottersteinen. Als Bundespolizisten heraneilen zücken sie Dosen und versprühen Reizgas. Drei Polizisten werden leicht verletzt, bleiben aber dienstfähig. Ein Randalierer wird festgenommen.

In den sozialen Netzwerken überschlagen sich die Gerüchte: Dass 100 Nazis aus Rostock angekommen sind, dass 25 Nazis gerade nach Harburg fahren, dass Nazis im Bahnhof Altona herumlaufen. So viele Linksautonome strömen in den Hauptbahnhof, dass die Bundespolizei schon von einer „unübersichtlichen Lage“ spricht. Gegen 11.30 Uhr wird ein Zug mit 30 Neonazis kurz vor dem Bahnhof gestoppt – als die Bundespolizei den Zug untersucht, sitzt nur noch ein Rechtsradikaler im Waggon, die anderen sind offenbar getürmt. Gleichzeitig stehen im Bahnhof Linke praktisch überall, auch auf den Gleisen. Am Mittag stellt die Deutsche Bahn den Zugverkehr ein. Das hat Auswirkungen auf die S-Bahnhöfe, die in kürzester Zeit überfüllt sind, im Fernverkehr kommt es zu Verspätungen von bis zu zwei Stunden.

Die bloße Präsenz der Beamten empfinden hier viele als Provokation

Am Hauptbahnhof zu sehen sind: Linksautonome und Anti-Imperialisten, Egal-Punks, Gemäßigte, Mitläufer, Neo-Hippies, Hooligans, die sich als Linke tarnen, und ganz junge Fanboys mit linken Motto-Shirts, denen scheinbar die Bierflasche an der Hand angewachsen ist. Wie viele im und am Bahnhof Gewalt befürworten, ist unklar. Vor dem Verbot der Neonazi-Demo hatte die Polizei mit rund 2000 gefährlichen Linken in der Stadt gerechnet. Insgesamt sind 3500 Polizisten im Einsatz, allein an den Hamburger Bahnanlagen 500 Bundespolizisten, außerhalb der Stadt greifen ihre Kollegen durch. 300 Linksextremisten, die auf dem Weg zur „Ersatzdemo“ in Bremen sind, werden bei Buchholz gestoppt, ein Zug aus Itzehoe mit 30 Rechtsextremisten wird am Bahnhof Altona angehalten.

Am Mittag wird es richtig brenzlig. Von Gleis 3 stürmen 30 Neonazis die Wandelhalle, sie wollen den Zug nach Bremen erwischen. Der Rädelsführer, in der Hand ein Megafon, trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Division Sachsen“. Sie recken die Fäuste, als sie ein paar Linke sehen, in letzter Sekunde geht die Polizei dazwischen. Zwei Linke, die sich an die Neonazis heranpirschen, werden von den Beamten abgefangen, während die Rechten eingekesselt und in Gewahrsam genommen werden. Im Anschluss bringt sie ein Bus zur Gefängnis-Sammelstelle an der Stresemannstraße. Und am Abend geht es unter Polizeischutz zurück nach Rostock. Abmarsch statt Aufmarsch.

Unterdessen versammeln sich bei Sonnenschein auf dem Hachmannplatz fast 3000 Linke zu einer kurzfristig angemeldeten Kundgebung. Ein Teil ist direkt vom Aufzug des Bündnisses gegen Rechts zum Bahnhof gerannt, als das Gerücht die Runde macht, ein Zug mit Neonazis sei dort. Auf dem Weg seien sie zunächst von einem Wasserwerfer der Polizei gestoppt worden, erzählt ein Demonstrant.

Vier weitere Wasserwerfer haben auf der Kirchenallee Position bezogen. Linke und schwer gerüstete Hundertschaften der Polizei stehen sich gegenüber. Die bloße Präsenz der Beamten empfinden hier viele als Provokation: Vereinzelt fliegen Steine, Böller explodieren, sobald sich ein Zug der Polizei in Bewegung setzt, ist zu hören: „Haut ab, haut ab“. In eines der Mikrofone brüllt einer: „Ich find Deutschland scheiße“, Techno-Bässe wummern, ein Redebeitrag folgt dem nächsten. Doch an einer Eskalation scheinen beide Seiten nicht interessiert: Ihre Drohung, zu räumen, macht die Polizei nicht wahr. Der Burgfrieden hält. Bis zum Abend an der Roten Flora.