Großfeuer

Vor 40 Jahren: Das Inferno in der Lüneburger Heide

Die Flammen überspringen die Bundesstraße 188 bei Meinersen (Kreis Gifhorn)

Die Flammen überspringen die Bundesstraße 188 bei Meinersen (Kreis Gifhorn)

Foto: Stefan Simonsen / ddp images

Nach langer Dürre brannten fast zehn Tage lang Wälder und Moore. 15.000 Mann kämpften dagegen an, 2500 aus Hamburg.

Es ist ein gespenstisches Bild: Am Nagelsweg in Hammerbrook setzt sich frühmorgens um drei Uhr eine Kolonne von 80 Feuerwehrwagen in Bewegung. Eine unendlich lange Kette von Blaulichtern schiebt sich durch die Nacht. Mit Tempo 50 steuert sie Richtung Süden. Das Ziel der 300 freiwilligen Brandbekämpfer ist die südliche Lüneburger Heide. Dort tobt seit drei Tagen die schlimmste Waldbrandkatastrophe in Deutschland nach dem Krieg.

Die Brände waren am 8. August 1975 an mehreren Stellen in den Kreisen Lüchow-Dannenberg, Celle und Gifhorn ausgebrochen. Nach wochenlanger Hitze und Dürre, wie man sie in Deutschland selten erlebt hatte, waren diese Regionen zu einem Pulverfass geworden. Hinzu kam, dass von einem Orkan drei Jahre zuvor noch eine Unmenge trockenes Totholz herumlag.

Zunächst versuchen örtliche Feuerwehren, die Brände unter Kon­trolle zu bringen. Doch starke Südostwinde fachen sie immer wieder an. Niedersachsens Innenminister Rötger Groß (FDP) räumt bald ein, dass die Einsatzleitungen die Gefahr wohl unterschätzt hätten. Am dritten Tag evakuiert man im Kreis Gifhorn die ersten Ortschaften und löst für den gesamten Regierungsbezirk Lüneburg Katastrophenalarm aus.

Immer neue Hilfskräfte aus immer größeren Entfernungen werden hinzugezogen. Bald sind nicht nur Feuerwehren und Technisches Hilfswerk im Einsatz. Bergepanzer des Heeres walzen Schneisen in Waldstücke, um ein Übergreifen der Flammen zu verhindern. Hubschrauber von Bundeswehr und Bundesgrenzschutz fliegen Bewohner bedrohter Gehöfte in Sicherheit. Aus Hamburg rollt eine zweite Kolonne mit noch einmal 150 Brandbekämpfern heran – zusammen mit den Ablösungen werden am Ende 2500 Mann aus der Hansestadt im Einsatz gewesen sein. Frankreich schickt drei hochmoderne Löschflugzeuge ins Katastrophengebiet. Sie tanken im Tiefflug übers Steinhuder Meer jeweils sechs Tonnen Wasser, um sie zunächst bei Eschede über den Feuerwänden abzuwerfen. Es ist der erste Einsatz solcher Maschinen in Deutschland.

Abendblatt-Reporter Hans-Jürgen Müller, der Hamburger Feuerwehrmänner an die „Front“ begleitet, schildert seine Eindrücke so: „Das wenige Licht, das die gelblichen, beißenden Schwaden zu durchdringen vermag, gibt ein Bild gräßlicher Verwüstung frei. Der blaßrote Sonnenball steht über einer trostlosen Mondlandschaft. Verkohlte, laublose Stämme ragen aus dem kahlen Boden. Die Erde schwelt. Hier hat die gierige Glut die Natur bis auf den letzten Halm niedergemacht.“

Der Kreisbrandmeister starb auf dem Weg zum Einsatz an einem Herzinfarkt

Bald trifft die Helfer eine neue Katastrophenmeldung: Fünf Feuerwehrleute aus Wolfsburg und Fallersleben wurden in ihrem Löschfahrzeug von einer Feuerwalze eingeschlossen. Für sie kam jede Hilfe zu spät. Zuvor war schon der Kreisbrandmeister von Gifhorn ums Leben gekommen; er erlitt auf der Fahrt zu einem neuen Einsatz einen Herzinfarkt. Und bei der Fahndung nach möglichen Brandstiftern kam ein junger Polizist zu Tode, als sich sein Auto bei der Verfolgung eines verdächtigen Fahrzeugs überschlug.

Die Rauchwolken über der Südheide sind noch in 35 Kilometer Entfernung zu sehen. Immer, wenn ein wenig Hoffnung aufkeimt, dass man doch einzelne Brandherde unter Kontrolle bekommen könne, gibt es Rückschläge. Nicht nur über der Erde lodern die Flammen ständig von Neuem auf, sie fressen sich auch tief in den Moorboden hinein, wo sie noch Wochen weiterschwelen können. Ein Szenario, das Experten besonders gefürchtet hatten.

Nahe dem Elbe-Seitenkanal versucht die Bundeswehr mit Pionierpanzern die Moore umzupflügen, um die noch feuchten unteren Schichten zu Schutzwällen aufzuhäufen. Polizisten bauen mit Wasserwerfern sogenannte „nasse Wände“ vor den weit verstreut liegenden Bauernhöfen auf. Weitere Helfer und weiteres Gerät werden herangeschafft. Mittlerweile stehen 15.000 Mann im Kampf gegen die Flammen, fast 7000 von der Bundeswehr.

Das Hauptproblem ist und bleibt der Wassernachschub. Allein die Soldaten des Pipeline-Bataillons 640 verlegen zehn Kilometer Rohrleitungen. Aus Rammstein und Zweibrücken fliegen Transportmaschinen vom Typ Transall Speziallöschfahrzeuge der Bundeswehr in das Brandgebiet bei Celle. In einer britischen und einer deutschen Kaserne in Scheuen droht ein weiteres Unglück: Dort lagern große Mengen Munition; praktisch in letzter Minute gelingt es, sie aus der Gefahrenzone zu bringen.

100 Jahre werde es dauern, bis alles so sei wie vorher, sagten Experten

Fast zehn Tage hält der Norden, hält die Republik den Atem an, wünscht den Kämpfern gegen das Inferno Glück und bangt zugleich um ihr Leben. Dann, am 18. August, wird der Katastrophenalarm aufgehoben, die Gefahr ist endlich gebannt. 8000 Hektar Wald und Heide sind verbrannt. Fachleute schätzen, dass es 100 Jahre dauern wird, bis der Zustand vor dem Brand wieder erreicht ist.

Haben sie recht behalten? „Die Wunden sind verheilt“, sagt Jost Schonlau, Forstdezernent beim Klosterkammer-Forstbetrieb. Die Klosterkammer Hannover als Landesbehörde verwaltet ehemaliges Klostervermögen, unter anderem auch große Teile der Lüneburger Heide. „Aber man erkennt noch die Flächen, die damals betroffen waren, weil sie neu strukturiert wurden“, so Schonlau.

So habe man breite Schneisen angelegt und neben der typischen Kiefer viel mehr Laubholz angepflanzt, soweit es der nährstoffarme Boden zuließ. Außerdem gibt es heute viele Löschwasserstellen, Feuerwachtürme, Videoüberwachung und bei langandauernder Hitze auch regelmäßig Überflüge mit Überwachungsflugzeugen. „Man kann sagen, dass wir aus der Katastrophe viel gelernt haben“, sagt Jost Schonlau.