Ottensen

Die Frau, die filmreife Wohnungen in Hamburg findet

Von Sasel bis Sachsenhausen, von Dachboden bis Beletage: Nadja Pfeil hat bereits 4000 Hamburger Locations in ihrer Datei

Von Sasel bis Sachsenhausen, von Dachboden bis Beletage: Nadja Pfeil hat bereits 4000 Hamburger Locations in ihrer Datei

Foto: Andreas Laible

Nadja Pfeil entdeckt als „Location-Scout“ in Hamburg immer wieder besondere Orte für Werbespots, Magazine oder Anzeigenkampagnen.

Hamburg. Es gibt Orte, die perfekt sind, um Illusionen zu schaffen. Die Hawaii-Inseln zum Beispiel. Hier wurden Blockbuster wie „James Bond“, „Jurassic Park“, „Lost“ oder „Die Tribute von Panem“ abgedreht. Spitzenregisseure kommen immer wieder, um am einen Tag Strandszenen zu drehen, am nächsten auf der Nachbarinsel eine Verfolgungsjagd im Dschungel zu filmen – und dabei dem Zuschauer zu vermitteln, die Handlung spiele auf unterschiedlichen Kontinenten.

Wunderschön und vielfältig, wandelbar und mit besten Bedingungen, so wird die Traumkulisse von den ansässigen Location-Scouts – Einheimische mit allerbester Ortskenntnis – vermarktet. Denn die besten Plätze, die Geheimtipps, sind nicht unbedingt ohne Hilfe zu finden.

Nadja Pfeils Hawaii ist Hamburg. Mit weniger Strand und Sonne, zugegeben um einige Hollywoodstars ärmer, dabei fast ebenso reich an Möglichkeiten. Sagt die Fachfrau: Pfeil arbeitet als Location-Scout, seit fünf Jahren betreibt die 42-Jährige in einem lichtdurchfluteten Büro eine Agentur mit dem sinnigen Titel „scout for location“. Sie sucht in der schönsten Stadt der Welt nach perfekten Plätzen, die sich für die unterschiedlichsten Werbefilme, TV-Spots, Imagefilme, Werbeplakate oder Anzeigen in Zeitungen und Magazinen eignen. Ihre Ergebnisse vermittelt sie dann an die anfragenden Kunden.

„Hamburg hat eine hohe Wandelbarkeit und tolle Winkel“, sagt Pfeil, „die Stadt hat als Medienstandort eine exponierte Stellung, denn dadurch, dass es hier viele Film- und Fotoproduktionsfimen und Studios gibt, ist schon eine perfekte Logistik vorhanden.“ Generell stehe der Hamburger den Film- und Fotoproduktionen offen gegenüber. „Eine Weltstadt eben.“

Wer sich nun vorstellt, dass Pfeil täglich mit Notizbuch und Kamera bewaffnet durch Hamburgs Hinterhöfe stromert und in verwunschene Gärten linst, um den perfekten Platz für ihren aktuellen Auftraggeber zu finden, der irrt jedenfalls nicht gänzlich. „Bei Anfragen durchsuche ich immer zuerst unsere Datenbank, die mittlerweile über 4000 Locations umfasst.“ Davon seien 80 Prozent Privatwohnungen oder -häuser, aber auch Cafés, Ateliers und Lagerhallen, so Pfeil.

Ist nichts Passendes dabei, dann scoutet sie neu: „Ich versuche bei der Akquise immer selbst mit den Besitzern oder Mietern zu sprechen und mir ein Bild vor Ort zu machen und das Prozedere zu erklären. Und wenn ich unterwegs bin und zufällig mal eine besondere Ecke entdecke, dann halte ich an, fotografiere mit dem Handy.“

Denn was genau gesucht wird, weiß Pfeil immer erst, wenn die Anfrage reinkommt: Ein herrschaftliches Haus mit offener Küche für den Wurst-Werbespot, der unausgebaute Dachboden für eine Baumarkt-Kampagne, ein Treppenhaus mit Altbau-Wohnung für den bekannten Muttertagsfilm eines Hamburger Cremeherstellers. Hauptsache schön authentisch. Manche Orte kommen übrigens besonders gut an. „Wir haben ein paar Bestseller im Programm“, sagt sie, „die sich einfach perfekt eignen und deshalb wiederholt gebucht werden.“ Perfekt eignen bedeutet: großzügige Räumlichkeiten mit Platz für das mehrköpfige Produktionsteam, gute Erreichbarkeit. Unter anderem trifft das aktuell auf zwei Privat-Villen in Nienstedten und Blankenese zu. „Denn kein Kunde kann etwas mit dem wunderschönen verwunschenen Eckchen am Strand anfangen, wenn die Ausrüstung erst mal kilometerweit durch die Dünen geschleppt werden müsste“, weiß die Spezialistin. Auch 5. Etage ohne Fahrstuhl sei ein K.-o.-Kriterium.

Pfeil kam über ihre Ausbildung zur Werbekauffrau und Arbeit als Fotoproducerin zu ihrem „Traumjob“: „Die Menschen lassen mich in ihr Zuhause, das Allerheiligste, das immer unterschiedlich ist, genau wie die Bewohner“, so die Mutter einer sechsjährigen Tochter. Die Kleine und Pfeils Ehemann, der als Marketingleiter eines Industrieunternehmens arbeitet, machten sie auch manchmal auf besondere Locations aufmerksam. „Abschalten kann ich das Suchen sowieso nie, aber das ist auch gut so“, meint Pfeil. Sie selbst liebt an Hamburg zwar besonders Ottensen, die HafenCity und den früheren Freihafen, lebt aber privat in Quickborn-Heide, wo sie auch aufwuchs. Ihr Domizil würde sie allerdings nicht als Location anbieten: „Leider noch nicht“, sagt sie und lacht, „ich achte ja auf jedes Detail und da müsste noch zu viel renoviert werden, der gesamte Fußboden zum Beispiel.“

Deshalb scoutet sie weiter Hamburg, die Küsten und neuerdings auch Berlin ab und ist immer wieder erstaunt über Unentdecktes und wilde Winkel in ihrer norddeutschen Heimat. Perfekt für Illusionen eben. „Aber eine Dienstreise nach Hawaii, die würde mir auch gefallen.“