Flüchtlingsdebatte

Nirgendwo stehen so wenige Wohnungen leer wie in Hamburg

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Oliver Schirg, Axel Tiedemann
Leere Wohnungen sind in Hamburg Mangelware (Symbolbild)

Leere Wohnungen sind in Hamburg Mangelware (Symbolbild)

Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Täglich erreichen Hunderte Flüchtlinge Hamburg. Forderungen an Wirtschaft mehren sich, günstigen Wohnraum zur Verfügung zu stellen.

Hamburg. Täglich treffen in Hamburg mehrere Hundert Flüchtlinge ein. Die Behörden suchen händeringend nach Unterkünften. Inzwischen mehren sich die Forderungen an die Wohnungswirtschaft, günstigen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Das Abendblatt sprach mit dem Direktor des Verbands norddeutscher Wohnungsunternehmen, Andreas Breitner.

Hamburger Abendblatt: Kann die Wohnungswirtschaft kurzfristig Wohnraum zur Verfügung stellen?

Andreas Breitner: Die Mitglieder unseres Verbandes stehen zu ihrer humanitären Verantwortung, aber in Hamburg ist das schwierig. Hier gibt es bundesweit die niedrigste Leerstandsquote, im Durchschnitt 0,3 Prozent. Mit anderen Worten: fast alle Wohnungen sind vermietet. Jene, die frei stehen, werden zumeist gerade saniert.

Wie kann die Stadt den Wohnungsunternehmen helfen?

Andreas Breitner: Ganz einfach: Mit kurzen Planungszeiten, günstigen Grundstücken, schnellen Vergabeverfahren und weniger energetischen und gestalterischen Vorgaben. Wir brauchen eine klare Priorisierung für Flüchtlingsunterbringung. Es wird schon jetzt viel getan. Saga GWG wird 2015 vielen vordringlich Wohnungssuchenden eine Bleibe zur Verfügung stellen. Auch die Genossenschaften tun, was sie können.

Muss man anderen Wohnungssuchenden jetzt sagen, „Geduldet Euch!“?

Andreas Breitner: Nein. Alle vordringlich Wohnungssuchenden haben ganz unterschiedliche Hintergründe und müssen mit Wohnungen versorgt werden. Das wird sich jetzt nicht ändern. Die VNW-Mitgliedsunternehmen stehen für soziale Verantwortung. Zurzeit stellt die Unterbringung von geflüchteten Menschen eine Herausforderung dar. Zwar könnten wir beispielsweise jetzt Wohngebäude bauen, die zunächst für Flüchtlinge und später dann dem allgemeinen Wohnungsmarkt zur Verfügung stehen. Aufgrund der Planungs- und Bauzeiten hilft das aber nur mittel- und langfristig. Dazu brauchen wir Grundstücke und zwar schnell. Die Lösung liegt allerdings im breiten, längst vorhandenen Wohnungsbestand.

Sollten private Hausbesitzer verpflichtet werden, Flüchtlinge aufzunehmen?

Andreas Breitner: Das wäre ein sehr starker Eingriff in das private Eigentum. Insofern glaube ich nicht, dass so etwas rechtlich umsetzbar ist. Allerdings sollten auch private Hauseigentümer Anreize erhalten, sich an der Unterbringung von Flüchtlingen zu beteiligen: vom Besitzer eines Einfamilienhauses bis zu großen Immobilienunternehmen. Integration funktioniert am besten, wenn nicht alle Flüchtlinge an einem Ort untergebracht werden. Mein Eindruck ist, dass sich bislang in Hamburg lediglich Saga GWG und die Wohnungsgenossenschaften in die Pflicht genommen fühlen.

Reicht ein öffentlicher Appell?

Andreas Breitner: Es ist sicher nicht einfach. Der Kieler Oberbürgermeister hat beispielsweise die Mitglieder von Haus und Grund aufgefordert, Flüchtlinge freiwillig unterzubringen. Die Resonanz war sehr gering. Ich bin gegen eine Zwangsunterbringung. Allerdings sollten Behörden unbürokratisch helfen, wenn jemand privat Flüchtlinge unterbringen will. Alle Akteure müssten enger zusammenarbeiten. Jeder Bezirk braucht zentrale Ansprechpartner.

In den vergangenen Jahren wurden viele innerstädtische Flächen bebaut. Wird Bauland in Hamburg knapp?

Andreas Breitner: Bauland in Hamburg ist immer knapp. Aber jetzt stoßen wir an die Grenzen von Verdichtung. Die Zahl der Proteste in den Quartieren nimmt stetig zu. Zurzeit gibt es einige große Wohnungsbauprojekte: im Hamburger Osten und die neue Mitte Altona. Auch die Bebauung des Kleinen Grasbrooks im Rahmen der Olympiabewerbung ist eine Chance. Mit dem Bündnis für die Quartiere können außerdem bisher eher vernachlässigte Stadtteile behutsam aufgewertet und unter Einbezug der Bewohner gestaltet werden. Gestartet wurde im April 2015 in Rothenburgsort und im südlichen Hamm. Durch die Aufwertung bisher weniger nachgefragter Quartiere kann der Druck von den „In-Stadtteilen“ genommen werden und somit langfristig eine Entspannung auf dem Markt einsetzen. Die Baulandfrage aber bleibt.

Können wir uns einen Abschied von den Großwohnsiedlungen leisten?

Andreas Breitner: Ich glaube nicht, dass das so ist, aber die Erfahrungen aus den 50er- und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts haben uns eines gelehrt: große Siedlungen auf der „grünen Wiese“ können eine Menge Probleme verursachen. Insofern ist eine behutsame Verdichtung in bestehenden Quartieren derzeit sicher der richtige Weg. Allerdings muss der Senat auch im Blick haben, was es bedeutet, wenn Hamburg wächst, aber zugleich die Lebensqualität erhalten bleiben soll. Wir können die Stadt nicht so verdichten, dass man den Himmel nicht mehr sieht. Unsere Mitgliedsunternehmen achten darauf besonders, weil sie auch in 30 Jahren noch wollen, dass sich die Mieter ihrer Wohnungen wohlfühlen.

Schadet die Mietpreisbremse dem Neubau von Wohnungen?

Andreas Breitner: Unsere Mitgliedsunternehmen sind von der Mietpreisbremse nur gering betroffen, da unsere Mieten im Durchschnitt deutlich unter der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen. Aber ordnungspolitisch halte ich die flächendeckende Einführung für ein Problem. Man kann Stadtteile wie Hamm und Rothenburgsort nicht mit Blankenese oder Rissen gleichsetzen. Die Bedingungen vor Ort sind zu unterschiedlich.

Aber bis auf den Grundeigentümerverband hat die Wohnungswirtschaft der flächendeckenden Einführung einer Mietpreisbremse doch zugestimmt.

Andreas Breitner: Es gab einen Dialog des Senates mit den Bündnispartnern, wobei das Ergebnis scheinbar vorher feststand: die flächendeckende Einführung der Mietpreisbremse. Wir begrüßen, dass nun ein unabhängiges Gutachten die Angespanntheit des Wohnungsmarktes für alle Stadtteile überprüft. Dort, wo die Lage entspannter ist, muss die Mietpreisbremse aufgehoben werden. SPD-geführte Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen oder Schleswig-Holstein haben die Regelung ja auch differenziert umgesetzt.

Was sind die Preistreiber beim Bauen?

Andreas Breitner: In erste Linie treiben die staatlich verordneten energetischen und gestalterischen Anforderungen die Preise beim Wohnungsbau in die Höhe. Immer höhere Grundstückspreise kommen dazu. Unsere Unternehmen wollen bauen, bauen und nochmals bauen. Aber das Ganze muss wirtschaftlich sinnvoll bleiben. Saga GWG und die Genossenschaften können und müssen dabei sehr gut rechnen.

Was wünschen Sie sich vom Senat?

Andreas Breitner: Der Senat muss die Kirche im Dorf lassen und sich endlich von überzogenen kostentreibenden Vorgaben verabschieden. Die in Hamburg übliche Konzeptvergabe ist vorbildlich. Sie sorgt für durchmischte Quartiere und dafür, dass Saga GWG und die Wohnungsgenossenschaften auch in teuren Innenstadtlagen bauen können. Allerdings sollte der Senat weiterhin intensiv darauf achten, dass jene, die für den sozialen Wohnungsbau stehen, verlässlich zum Zuge kommen. Es dient schließlich einem öffentlichen Zweck, das Wohnen in Hamburg bezahlbar zu machen.

Was kann die öffentliche Verwaltung darüber hinaus besser machen?

Andreas Breitner: Ohne Geld geht nichts. Wir sollen mit energetischen Maßnahmen das Klima retten, einkommensschwache Mieter und Flüchtlinge unterbringen, unsere Wohnungen barrierefrei ausbauen und möglichst noch die Mieten senken. Dazu brauchen wir wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die das ermöglichen. Unsere Unternehmen sind gesund und investieren in Hamburg jährlich knapp 900 Millionen Euro in den Neubau und die Sanierung.

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