Flüchtlinge in Hamburg

„Bis zum Frost müssen alle aus den Zelten raus“

Rembert Vaerst, der Geschäftsführer von fördern & wohnen, hätte keine Probleme damit, Flüchtlinge in größeren Unterkünften unterzubringen

Rembert Vaerst, der Geschäftsführer von fördern & wohnen, hätte keine Probleme damit, Flüchtlinge in größeren Unterkünften unterzubringen

Foto: Klaus Bodig

Fördern & wohnen betreut derzeit rund 20.500 Flüchtlinge. Geschäftsführer Rembert Vaerst über die Lage in den Heimen.

Hamburg. Innensenator Michael Neumann will angesichts des Zustroms von Flüchtlingen Unterkünfte für bis zu 3000 Menschen einrichten. Rembert Vaerst, Chef des städtischen Unternehmens fördern & wohnen, das für deren Unterbringung zuständig ist, hält große Unterkünfte für die derzeit richtige Lösung. Ihm fehlen allerdings bis Jahresende 220 Mitarbeiter.

Hamburger Abendblatt: Was halten Sie für besser: große oder kleine Unterkünfte?

Rembert Vaerst: Die Größe einer Unterkunft ist zweitrangig. Entscheidend für den sozialen Frieden ist die Belegungsstruktur. Wenn man über längere Zeit schwer zu integrierende Personen an einem Ort konzentriert, bedeutet das eine Gefahr für das friedliche Miteinander. Da, wo sich Gruppen gut ergänzen, gibt es weniger Probleme. Auch in größeren Einrichtungen.

Ab wann droht Ärger?

Vaerst: Wenn wir die Konzentration einer ethnischen Gruppe haben, nimmt die Wahrscheinlichkeit von Problemen zu. Das ist seit vielen Jahren bekannt. Eine gute Durchmischung von Flüchtlingen aus verschiedenen Ländern ist für das Zusammenleben besser.

Woran entzündet sich Streit?

Vaerst: Streit entsteht vorrangig in gemeinschaftlich genutzten Bereichen, in der Küche oder an Waschmaschinen. In größeren Einrichtungen lösen wir das Problem dadurch, dass wir derartige Angebote an mehreren Stellen machen.

Wie sieht der Richtwert für eine gute Durchmischung aus?

Vaerst: Eine gute Durchmischung erreicht man, wenn der Anteil von Familien bei 60 Prozent und der von Alleinstehenden bei 40 Prozent liegt. Das Verhältnis von Frauen und Männern spielt eher eine untergeordnete Rolle.

Aus der Politik gibt es den Vorschlag, Flüchtlinge aus Balkanländern in einer eigenen Unterkunft unterzubringen. Was halten Sie davon?

Vaerst: Nicht viel. Wie gesagt, die Konzentration von Menschen aus einer ethnischen Gruppe ist immer schwierig. Zudem merken die Menschen, wenn man sie unterschiedlich behandelt. Das erhöht das Risiko, dass es zu Konflikten kommt. Wir setzen auf eine transparente Gleichbehandlung.

Größere Einrichtungen halten Sie also nicht für ein Problem?

Vaerst: In der heutigen Situation mit den gestiegenen Zuwanderungszahlen – zuletzt kamen am Tag zwischen 150 und 350 Menschen – geht es zunächst darum, Menschen ein Dach über dem Kopf zu bieten. Dafür sind größere Einrichtungen besser. Sonst wäre die Herausforderung nicht zu bewältigen.

Und am Ende auch günstiger?

Vaerst: Finanzielle Mittel sind derzeit sicher nicht das Hauptproblem. Aber Sanitäranlagen oder Gemeinschafts­räume benötige ich auch in einer kleinen Einrichtung. In dieser Hinsicht ist der Aufwand zwischen großer und kleiner Flüchtlingsunterkunft vergleichbar.

Kritiker glauben, kleinere Einrichtungen eigneten sich besser für die Integration.

Vaerst: Das mag auf längere Sicht betrachtet richtig sein. Aber in unserer Situation müssen wir realistisch sein, und da halte ich größere Einrichtungen für besser. In der Schnackenburgallee leben derzeit 2800 Menschen, in der Dratelnstraße mehr als 1000. Ob es in den kommenden Monaten mehrere Einrichtungen mit bis zu 3000 Menschen geben wird, vermag ich nicht vorherzusagen. Allerdings ist es wichtig, dass die Hamburgerinnen und Hamburger sich auf derartig hohe Zahlen einstellen.

Wie muss eine größere Einrichtung aussehen, damit sie funktioniert?

Vaerst: Wir machen die Erfahrung, dass sich um eine Unterkunft rasch eine In­frastruktur herausbildet. Das fängt beim Eisladen an und reicht bis zum mobilen Supermarkt. Zudem sind Flüchtlinge sehr flexibel beim Erkunden ihrer Nachbarschaft. Sie nehmen auch längere Wege zum Supermarkt in Kauf. Das erleben wir beispielsweise bei den Flüchtlingen, die an der Schnackenburgallee untergebracht sind, sie kaufen regelmäßig in Bahrenfeld ein.

Wie sieht es mit der Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr aus?

Vaerst: Die ist besonders wichtig, zumal die Flüchtlinge Behördengänge erledigen oder einen Arzt besuchen müssen. Die Hochbahn ist da flexibel. Wir kümmern uns um die Einrichtung von Kitas in den Unterkünften. Vom dritten Lebensjahr an haben auch Kinder von Flüchtlingen einen Anspruch auf einen Kindergartenplatz. Schulpflichtige besuchen hingegen umliegende Schulen.

Würde es zur Entspannung der Situation in den Unterkünften beitragen, wenn die Flüchtlinge arbeiten könnten?

Vaerst: Arbeit ist sicher der beste Weg zur Integration in unsere Gesellschaft. Deshalb sollte man es auch Menschen, die keinen gesicherten Aufenthalts­status besitzen, leichter machen, eine Arbeit aufzunehmen. Wichtig ist natürlich, dass die Menschen die deutsche Sprache erlernen. Dazu gibt es von uns die entsprechenden Angebote.

Viele deutsche Arbeitnehmer sorgen sich um ihren Arbeitsplatz.

Vaerst: Ich halte diese Sorge in den allermeisten Fällen für unbegründet. In fünf bis zehn Jahren gehen die Babyboomer in Pension. Der Bedarf an Arbeitskräften in Deutschland wird also spätestens von 2020 an enorm sein. Insofern sind die Flüchtlinge auch eine Chance für die hiesige Wirtschaft. Zumal viele von ihnen in einem Alter sind, in dem man sie noch in unseren Arbeitsmarkt integrieren kann.

Werden bis zum Winter alle in Zelten untergebrachten Flüchtlinge ein „festes“ Dach über dem Kopf haben?

Vaerst: Alle Hamburger Behörden arbeiten mit Hochdruck daran. Unser erklärtes Ziel lautet: Bis zur Frostperiode wollen wir alle aus den Zelten raushaben. Im Oktober werden in der Folgeunterbringung 1000 weitere Plätze fertig sein. Im August und September kommen auf P+R-Plätzen Unterkünfte für insgesamt 1000 Menschen hinzu.

Aber sicher sind Sie sich nicht?

Vaerst: Wir stehen vor Herausforderungen, die wir vor einigen Monaten noch nicht absehen konnten. Derzeit leben in der Erstaufnahme 7000 Menschen und in der Folgeunterbringung 13.500. Ich rechne damit, dass bis Ende dieses Jahres noch rund 11.000 Flüchtlinge nach Hamburg kommen werden. Insgesamt werden dann etwa 31.000 Flüchtlinge in der Hansestadt leben.

Läuft Ihnen die Zeit davon?

Vaerst: In zwei, drei Wochen werden wir belastbare Aussagen haben, wo wir große Unterkünfte errichten können und wie viele es sein werden. Bedenken Sie: Wenn ich an einem Ort 3000 oder gar 5000 Flüchtlinge unterbringe, benötige ich andere Strukturen als in einer deutlich kleineren Einrichtung.

Flächen für eine große Unterkunft gibt es wenig. An der Schnackenburgallee unweit des Volksparks leben bereits rund 2800 Flüchtlinge. Könnte man diese Einrichtung nicht erweitern?

Vaerst: Ich will den Entscheidungen der Behörden nicht vorgreifen. Aber sicher ist auch, dass die Parkplätze „Grün“ und „Braun“, über die derzeit diskutiert wird, für die Unterbringung von Flüchtlingen hervorragend geeignet sind.

Es heißt, Ihr Unternehmen sucht neue Mitarbeiter. Ist das richtig?

Vaerst: Wir haben gegenwärtig eine Unterbesetzung von 40 Stellen. Wer Interesse hat, kann sich bei uns bewerben. Zudem arbeiten wir mit einem Personaldienstleister zusammen. Bis Jahresende benötigen wir zusätzlich 220 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um Flüchtlinge zu betreuen.

Welche Fachkräfte suchen Sie?

Vaerst: Sozialpädagogen, Sozialökonomen und Kulturwissenschaftler. Zudem wäre es gut, wenn sozialkompetente Hausmeister mit gutem fachlichen Hintergrund sich bewerben würden.