Abendblatt-Interview

Jeder zehnte Hamburger bekommt Hartz IV

Friedhelm Siepe ist sei 2011 Geschäftsführer des Jobcenters Hamburg

Friedhelm Siepe ist sei 2011 Geschäftsführer des Jobcenters Hamburg

Foto: Klaus Bodig / HA / Klaus Bodig

Friedhelm Siepe, Chef des Jobcenters Hamburg, spricht im Interview über Langzeitarbeitslose, motivierte Asylbewerber und hohe Kosten.

Hamburg.  Mehr als jeder zehnte Hamburger wird vom Jobcenter betreut, erhält Leistungen für den Lebensunterhalt oder eine Qualifizierung, um die Jobaufnahme zu erleichtern. Von den 185.000 Hartz-IV-Empfängern in der Hansestadt könnten etwa 100.000 eine Arbeit aufnehmen. Die übrigen sind sogenannte Aufstocker oder nicht erwerbsfähig, darunter vor allem Kinder. Im Abendblatt spricht Jobcenter-Geschäftsführer Friedhelm Siepe über die Perspektiven für Langzeitarbeitslose, Flüchtlinge und steigende Belastungen für die 2300 Jobcenter-Mitarbeiter.

Hamburger Abendblatt: Nach einer Prognose von Boston Consulting fehlen in Hamburg in 15 Jahren 110.000 Arbeitskräfte. Ist das Jobcenter dann überflüssig?

Friedhelm Siepe: Das glaube ich nicht. Unsere Probleme werden sich nicht durch die sich verändernde Demografie im Selbstlauf lösen. Denn häufig erfüllen die Arbeitslosen nicht die Anforderungen, die die Arbeitgeber stellen. 70 Prozent der im Jobcenter Hamburg registrierten Erwerbsfähigen haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Dazu kommen oft noch weitere persönliche Probleme. Diese Menschen benötigen unsere Unterstützung, um überhaupt eine Chance auf Arbeit zu erhalten.

Sie müssten also etwa 100.000 Hamburgern Jobs vermitteln?

Siepe: Eigentlich sind es noch mehr. Denn 35.000 Hartz-IV-Bezieher haben zwar Arbeit, können aber davon nicht den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie bestreiten, sind also Aufstocker. Zum Teil sind das auch Minijobber, die zwei bis drei Stunden am Tag arbeiten. Der Mindestlohn hat an dieser Zahl nichts gravierend geändert.

Was sind die größten Hindernisse für eine Arbeitsaufnahme der Bewerber?

Siepe: Eine fehlende Berufsausbildung ist das Schlüsselproblem. Dazu können noch andere Probleme wie Schulden oder psychische Einschränkungen kommen. Mit der Dauer der Arbeitslosigkeit ergibt sich oft eine Abwärtsspirale in der persönlichen Entwicklung.

Dennoch gibt es Arbeitgeber, die auch diesen Menschen eine Chance geben. Was unterscheidet die von anderen Arbeitgebern?

Siepe: Dort schauen die Personalleiter weniger auf Zeugnis und Lebenslauf, sondern auf die persönlichen Stärken. Ich finde, jeder hat eine zweite und auch dritte Chance verdient, um sein Können unter Beweis zu stellen. Die Bereitschaft hängt auch vom Personalbedarf ab. Wo Fachkräfte fehlen, ist man eher zu Kompromissen bereit.

Wie sieht die langfristige Entwicklung der Zahl der Leistungsbezieher aus?

Siepe: Anfang des Jahres hätte ich noch gesagt, sie nimmt kontinuierlich ab. 2007 hatten wir 189.000 Leistungsbezieher und jetzt 185.000. Eine derzeit wachsende Gruppe stellen Asylbewerber dar. Durch Änderungen im Asylbewerberleistungsgesetz haben wir im März 1500 Flüchtlinge zugewiesen bekommen, deren Abschiebung mindestens 18 Monate ausgesetzt war und die inzwischen eine bestimmte Arbeitserlaubnis haben. Unabhängig davon kommen etwa 200 Flüchtlinge monatlich hinzu.

Welche Chancen haben sie auf dem Arbeitsmarkt?

Siepe: Sie brauchen intensive Betreuung und vor allem Deutschkurse. Auch Wohnungen sind wichtig. Dann müssen wir sehen, welche Qualifizierungen die Asylbewerber haben und wie wir sie bei der Jobvermittlung unterstützen können. Je nach Qualifikation werden ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt unterschiedlich sein. Wir bemerken aber eine hohe Motivation der Asylbewerber.

Wie viel Prozent der Leistungsbezieher bekommen seit mehr als vier Jahren Hartz IV?

Siepe: Das ist fast die Hälfte.

Woran messen Sie den Erfolg Ihrer Arbeit?

Siepe: Wir leisten einen wesentlichen Beitrag zum sozialen Frieden in dieser Stadt. Dafür stehen jährlich rund 1,2 Milliarden Euro zur Verfügung. Die Zahl der Erwerbslosen erscheint statisch, dennoch ist das kein fester Block, denn im Jobcenter gibt es auch laufend Zu- und Abgänge. Wir arbeiten zudem eng mit der Arbeitsagentur zusammen, kümmern uns besonders um ältere Arbeitslose. Ein besonderer Erfolg ist die Jugendberufsagentur. Sie soll gewährleisten, dass niemand mehr ohne Ausbildung bleibt. Denn mangelnde Qualifizierung ist unser größtes Pro­blem.

Wenn sich jetzt ein Hartz-IV-Empfänger für den Pflegeberuf entscheiden würde, hätten Sie dann die Möglichkeit ihn dafür zu qualifizieren?

Siepe: Das braucht seine Zeit, ist aber möglich. Je nach Vorbildung dauert das zwei bis drei Jahre. Der Bedarf in dieser Branche ist groß. Im vergangenen Jahr hatten wir 258 Personen gefördert, 2015 sind es schon knapp 300.

Welche Fördermöglichkeiten haben Sie noch?

Siepe: Wir finanzieren etwa 800 Umschulungen im Jahr. Dazu kommt die Förderung der beruflichen Bildung, für die wir das meiste Geld verwenden. Hier werden bestimmte Qualifizierungen vermittelt, wie ein Englischkurs oder ein Staplerschein.

Was ist aus den Ein-Euro-Jobs geworden?

Siepe: Vor fünf Jahren hatten wir noch 10.000. Jetzt sind es noch 2300. Damit können zwar bestimmte Arbeitstugenden wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit trainiert werden, aber es ist kein Integrationsinstrument für einen Job im ersten Arbeitsmarkt. Deshalb haben wir diese Maßnahme zurückgefahren.

Oder um Geld zu sparen?

Siepe: Auch das ist richtig. Gemessen an ihrem Ergebnis sind diese Maßnahmen teuer und wir müssen unsere Mittel effektiv einsetzen.

Haben Sie mehr oder weniger Geld zur Verfügung?

Siepe: Unser Haushalt ist relativ kon­stant. Aber steigende Verwaltungskosten machen uns Probleme, denn sie gehen zulasten der Arbeitsmarktleistungen für Arbeitslose.

Das müssen Sie erklären.

Siepe: Es ist gesetzlich geregelt, nicht gedeckte Kosten des Verwaltungshaushaltes aus dem Eingliederungsetat zu bestreiten, der eigentlich für die Förderung der Arbeitslosen gedacht ist. Wir sind so ziemlich das letzte Jobcenter in Deutschland, das diesen Weg beschreiten muss, um seine Verwaltungskosten zu decken. Seit 2014 praktizieren wir das, wobei es um rund zehn Millionen Euro im Jahr geht. Effektiv stehen so im Eingliederungshaushalt 95 statt 105 Millionen Euro zur Verfügung. Wenn sich bei der Finanzierung nichts ändert, wird künftig noch weniger Geld für die Förderung zur Verfügung stehen.

Ihre Mitarbeiter klagen über hohe Belastungen, auch weil jetzt jede noch so kleine Überweisung dem Vier-Augen-Prinzip unterliegt. Können Sie Personal auf­stocken?

Siepe: Es stimmt, die Situation ist angespannt in allen Bereichen. Wir werden in diesem Jahr 68 zusätzliche Mitarbeiter einstellen. Bei den Überweisungen streben wir eine Bagatellgrenze an. Wenn Überweisungen von bis zu 30 Euro nicht mehr von zwei Kollegen abgesegnet werden müssten, wäre das schon eine große Erleichterung.