Hamburg

Auf der Suche nach der Liebsten von 1946

Das Foto zeigt
Helga Mötzigkeit
im Jahre 1946

Das Foto zeigt Helga Mötzigkeit im Jahre 1946

Foto: Anthony Barron

Don Barron, damals britischer Besatzungssoldat, träumt von einem Wiedersehen mit Helga Mötzigkeit.

Hamburg. Die Geschichte währte nur Wochen. Vielleicht Monate. Ein ganzes Leben liegt sie zurück. Reichlich lang, um einen alten Kontakt wieder aufzunehmen. Don Barron will trotzdem versuchen, Helga Mötzigkeit wiederzufinden. So hieß die junge Rechtsanwaltsgehilfin mit der sorgfältig frisierten Haarkrause, die er kennenlernte, als er, der junge britische Unteroffizier, in Hamburg stationiert war. 1946 war das, vor fast 70 Jahren.

Ein Wintertag in der kriegszerstörten Stadt. Barron und zwei Freunde haben frei. Vom damals noch ländlichen Vorort Rahlstedt aus, wo sie kaserniert sind, fahren sie mit dem Zug in die Stadt. In einem Tanzcafé auf dem Kiez lernen sie drei Mädchen kennen. „Helga sprach perfekt Englisch“, erinnert sich Barron am Telefon, „und sie war einfach eine entzückende Person.“ Der 91-Jährige erzählt mit einer Frische, als wäre es gestern gewesen, dass er sie traf. „Wir haben uns sehr gemocht“, so nüchtern drückt er aus, was die beiden füreinander empfanden – aber das Lächeln in seiner etwas brüchigen Stimme sagt mehr als seine Worte.

Was eine ganz normale, charmant altmodische Romanze sein könnte, bekommt im historischen Kontext eine andere Note. Der Krieg war noch kaum vorbei. Hamburg lag in Trümmern, fast jede Familie hatte Tote zu beklagen. Helgas ältere Schwester hatte ihren Mann an der Ostfront verloren und lebte mit zwei kleinen Kindern in einem Dorf nordöstlich von Hamburg. Helgas Bruder war bei einem britischen Fliegerangriff ums Leben gekommen. Und doch nahmen sie und ihre Familie Barron, den Angehörigen der Siegernation, wie einen Gast auf. Wochenends nahmen Barron und Helga den Vorortzug und besuchten Helgas Schwester. Und einmal waren sie sogar zusammen in der Staatsoper; Helgas Vater war seiner Erinnerung nach dort Bühnenarbeiter. Man gab „Die Hochzeit des Figaro“. Es war ein beeindruckendes Erlebnis. „Ich glaube, ich war im ganzen Haus der einzige Mann in britischer Uniform.“

An eine Befangenheit kann sich er nicht erinnern. „So kurz nach dem Krieg war der Tod noch um uns. Er gehörte dazu“, erzählt er. „Es ist unfassbar sinnlos, dass junge Männer einander im Krieg gegenseitig umbringen. Das empfanden wir alle so. Die Deutschen waren sehr freundlich zu mir.“

Im März 1947 wurde er als Soldat entlassen und kehrte nach England zurück. Helga und er schrieben einander weiterhin. Bis er einen Soldaten kennenlernte, der ihm von einer Helga erzählte, mit der er nun ausgehe. „Da habe ich das Briefeschreiben eingestellt“, sagt Barron. „Ich war zu traurig.“ So traurig, dass er ihre Briefe vernichtete.

Kurz darauf lernte Barron seine spätere Frau kennen. Rund sechs Jahrzehnte währte die Ehe; seit einigen Jahren ist Barron verwitwet. Erst kürzlich brachte ihn sein Sohn darauf, nachzuforschen, was aus den Menschen geworden sein mochte, die er damals getroffen hatte: Helga und ihre Angehörigen, aber auch die Familie Boos aus Rahlstedt, die ihm noch 1949 ein Foto ihrer Tochter Vera schickte.

Über manchen Namen, manchen Ort ist in seiner Erinnerung die Zeit hinweggegangen. Aber die Adresse von Helgas Eltern, die weiß er noch, weil er sie auf so viele Briefumschläge geschrieben hat: Geibelstraße 30/3, Hamburg 49; Postleitzahlen gab es damals noch nicht. Der Gebäudekomplex in der stillen Winterhuder Seitenstraße steht noch. Nur die Bäume, die sind jung. Weit jünger als Don Barron und seine Geschichte.